Predigt zum 32. Sonntag im Jahreskreis 2016

P. Johannes Naton OSB, 6. November 2016 in St. Teresa Ziegelhausen

Lesung: 2.Makkabäer 7,1-14; Lukas 20,27-38

Liebe Schwestern und Brüder!

Haben Sie schon einmal in aller Ruhe einen Aglais io beobachtet? Bestimmt. Das ist der Schmetterling, den wir Tagpfauenauge nennen, und der hier weit verbreitet ist. Wie anmutig ist sein tanzender Flug durch die Natur, wie herrlich ist das Gefühl, wenn er sich einmal auf meiner Hand niederlässt und im Sonnenschein seine Flügel ausbreitet, so dass ich die kunstvolle Färbung betrachten kann. Das Wechselspiel der braunen, blauen, weißen und schwarzen Flächen mit augen-artigen Kreismotiven gemahnen an die Meisterwerke eines Salvador Dali. Schön, dass es hierzulande so etwas gibt. Aber kennen Sie auch die Raupen, aus denen dieser Falter hervorgeht? Raupen sind keine Kuscheltiere, aber diese Sorte ist nun besonders hässlich, matt-schwarz mit weißen Punkten und schwarzen Dornen schlängeln sich die kleinen Dinger fressend durch die Wiesen. Solche Raupen mag man nur ungern betrachten oder gar über seine Hand kriechen lassen. Von Anmut keine Spur.

Kaum zu glauben, dass es sich um das gleiche Geschöpf handelt, dass der Schmetterling mit jener Raupe identisch ist, nur dass inzwischen eine Verpuppung und Entfaltung stattgefunden hat. Alle Schönheit des Schmetterlings war in der Raupe schon angelegt, doch ohne die Gnade der Natur, die Auferstehung nach dem Todesschlaf in der Puppe, wäre sie nie ans Tageslicht gekommen. Hat eine Raupe Phantasie, weiß sie, was ihr blüht? Wohl kaum. Aber es kann ihr auch keiner einreden, dass die Zukunft langweilig oder schrecklich würde. Darum nimmt sie stoisch ihre unansehnliche Raupengestalt hin, krabbelt und frißt und begibt sich, wenn ihre Stunde gekommen ist, in den Concon, der ihr die Verwandlung bringt.

Schmetterlingskunde ist aber nicht das Thema der heutigen Lesungen. Vielmehr ging es da bei dem Makkabäern im Martyrium wie bei den Sadduzäern im Streit mit Jesus um das Ewige Leben. Die jüdischen Makkabäer, den Tod vor Augen, glauben fest daran. Die Sadduzäer halten gar nichts davon. Wer sind die Sadduzäer? Allzuviel weiß Sicheres weiß man nicht von ihnen, die einzigen Quellentexte über sie stammen von ihren Gegnern, von Josephus Flavius, von den Evangelisten und von Pharisäern, die alle keinen Hehl aus ihrer Abneigung machen, daher reicht das nicht für ein zuverlässiges Profil. Immerhin kann man sagen, dass es sich bei den Sadduzäern um Priester handelte, denen damals durch die Römer eine gewisse Macht zugestanden wurde, und die theologisch recht diesseitig ausgerichtet waren: Die Tora ist zu befolgen, um schon auf Erden Segen zu erfahren. Ein Leben nach dem Tod und eine ewige Seele lehnten sie ab. So streiten sie mit den Pharisäern, und aus gleichem Grund streiten sie mit Jesus. Denn Jesus spricht immer wieder vom Jenseits und von der Vorläufigkeit alles Irdischen. Die plastischen Bilder, mit denen Jesus von der Auferstehung spricht, wecken ihren Spott. Sie halten ihn gar nicht für einen ernsthaften Gegner, sondern für einen verwirrten Narren, dem zu viel Beachtung geschenkt wird. Und so treten Sie mit Ironie an ihn heran. Ihr überspitztes Beispiel mit den 7 Ehefrauen soll helfen, Jesu Botschaft lächerlich zu machen. Wie erstrebenswert kann ein ewiges Leben sein, wenn ich einfach den Irdischen Alltag ins Unendliche multipliziere? Die antike jüdische Männergesellschaft hatte so ihre Not mit dem Thema Ehe. Zwar ist der Kinderwunsch, die Fruchtbarkeit des Mannes und die Verheißung von Nachkommenschaft als hohes Gut angesehen, aber die Streitigkeiten einer langjährigen Ehe galten als allzu hoher Preis. So lehrt schon das alttestamentliche Buch der Sprichwörter: Lieber in einer Rumpelkammer wohnen als mit einer zänkischen Frau im gleichen Haus! Und wir wissen: Als Jesus das Scheidungsverbot verschärfte und den Ehebruch des Mannes als schwere Sünde auslegte, raunten die Jünger: Dann ist es wohl besser, gar nicht zu heiraten! Ewiges Leben bedeutet für die Sadduzäer ewige Fortsetzung der irdischen Erfahungen, also auch eine Fortsetzung des Ehekrachs. Weiter reicht ihre Phantasie nicht. Es hat eher etwas von einen Herrenwitz zu fortgeschrittener Kneipenstunde. Und so machen sie sich den Schlußsatz der Makkabäerlesung zu eigen: Für sie, für ihr Verständnis, gibt es kein ewiges Leben!

Hätten diese Sadduzäer doch einmal Raupe und Schmetterling betrachtet. Aber solche Sadduzäer hätten wohl angesichts einer sich einspinnenden Raupe vermutet, dass nach dem Aufbrechen der Puppe einfach nur eine viel größere und dickere Raupe herauskommt, die dann auf ewig weiterkriecht und weiterfrißt, von Tanz und Flug und herrlichen Farben keine Rede.

In diese Falle geraten wir Menschen, wenn wir die biblische Auferstehungsverheißung banalisieren. Unendlichkeit hat einen großen Nachteil: Sie überfordert das menschliche Gehirn. Denn unser Hirn ist für das Aushalten und Gestalten der Endlichkeit konzipiert. Mir wird ja schon schwummrig, wenn ich über die Unendlichkeit des Weltalls nachdenke. Dass dieses unendlich sei, ist ja kein Kirchencredo, sondern Dogma der Wissenschaft. Aber ich denke in meiner armseligen Phantasie: Und was kommt hinter den Sternen, hinter der Milchstraße, hinter den Lichtjahre entfernten Galaxien? Unbegrenzter Raum ist dann nicht mehr Freiheit, sondern schreckliche Einsamkeit.

Und solch eine rettungslose Langeweile stellen sich nicht wenige Menschen heute vor, wenn sie über Ewiges Leben nachdenken. Daher schrieb Nietzsche einst, Unendlichkeit ist nicht jedermanns Sache. Der Gedanke ist Überforderung. Dieses Überfordertsein tarnen die Sadduzäer mit Ironie. Jesus tappt nicht in ihre Falle. Er nimmt die Tora ernster als es die Sadduzäer tun. Er weiß um die totale Andersartigkeit des Ewigen, und so spricht er von der Ewigkeit nicht in dogmatischen oder casuistischen Lehrsätzen. Er setzt bei den Gefühlen an:

Lazarus in Abrahams Schoß, die Wohnungen im Hause des Vaters, das Festmahl, die himmlische Hochzeitsfeier. Er wirbt dafür, sich das Eingehen in Gott als die vollkommene Freude auszumalen. Den Engeln gleich sollen die Auferstandenen sein, so wie Raupen nach der Entpuppung zu engelsgleichen Himmelstänzern werden. Die Hoffnung auf solch ein Wunder für Menschen beseelt die Juden, deren Leiden im Makkabäerbuch beschrieben wird. Die Stelle ist grausam, eigentlich nicht schön für einen Sonntagvormittag. Aber diese Grausamkeit ist der dunkle Hintergrund einer hell strahlenden Hoffnung. Die Sadduzäer entwicklen keine Sehnsucht nach Ewigkeit, da sie als politisch wohl Situierte sich in der Gegenwart behaglich genug fühlen und ihre Endlichkeit gern ausblenden. Dieses Ausblenden der Endlichkeit ist den Verfolgten und Unterdrückten nicht möglich. So ist auch heute den verfolgten Christen, ob in Pfingstgemeinden oder befreitungstheologischen Gruppen in Lateinamerika, ob bei Orientalischen oder orthodoxen Kirchen in Syrien und Pakistan, die konkrete Auferstehungshoffnung heilig. Die europäische Christenheit tut sich da erheblich schwerer, so teilen fast 50% der Getauften hierzulande die Sicht der Sadduzäer: Nach dem Tod kann nichts mehr kommen.

Das ist nicht unser Glaube. Uns ist mehr als das Raupendasein zugesagt. Die Bilder Jesu stehen nicht für das Überleben einer guten Idee oder die Unsterblichkeit der Pflicht zur Solidarität. Sie stehen für die Kernbotschaft Jesu: Das Freiwerden des Menschen in Gott, das Einswerden mit der ewigen Liebe, das will Jesus durch sein Kreuz und seinen Ostersieg vermitteln. Wer diese Sehnsucht in sich stärken will, der grüble nicht über einsame Astronauten oder immerwährende Ehekonflikte nach, der betrachte einfach, wenn die Zeit dafür wieder da ist, die Raupen bei ihrem mühseligen Kriechen am Boden, und zu anderer Zeit den Tanz der Schmetterlinge im Sonnenlicht, und meditiere dabei das Wort Jesu, dass das Reich Gottes schon mitten unter uns angebrochen ist. Amen.