Predigt zum 31. Sonntag im Jahreskreis 2017

P. Ambrosius Leidinger OSB, 05.11.2017 in der Stiftskirche

Mt 23,1-12

Meine lieben Schwestern und Brüder im Herrn,

was Pharisäer sind, wissen wir. Wir sind leicht geneigt, uns über sie aufzuregen.

Berechtigerweise: und trotzdem: Warum eigentlich?

Ich denke, wir alle spüren ein Stück weit dieses Pharisäertum in uns selbst. Wir sind geneigt, den Splitter im Auge des anderen überdeutlich wahrzunehmen, nicht aber den Balken im eigenen. So kleine Fehler bei anderen, die gehen uns auf die Nerven, weil wir sie selbst haben. Projektion nennt man das in der Psychologie.

Ich meine: Diese Verhaltensweise wird es wohl nicht gewesen sein, die Jesus veranlasst hat, so heftig zu reagieren. Er sieht doch gerade die Menschen mit ihren Schwächen mit den Augen des Verzeihenden und Heilenden.

Gerade die Sünder und die Zöllner und die Dirnen sind doch seine Freunde. Er weiß sich zu den verlorenen Schafen Israels gesandt, wie die Bibel sagt, und das sind die Pharisäer doch wohl auch, auch wenn sie es selbst von sich nicht meinen.

Diese Pharisäer sind nun seine erklärten Gegner. Sie versuchen, ihn immer wieder in Widersprüche zu verstricken. Sie belauern und kontrollieren ihn. Heute werden sie als eitle Wichtigtuer geschildert, ehr- und titelsüchtig, als solche, die sich in den Vordergrund drängen und sich gerne beweihräuchern lassen.
Trotzdem verkehrt Jesus in ihren Kreisen, er lässt sich von ihnen sogar zum Essen einladen, im Orient das große Zeichen für Hochachtung und Freundschaft.

Die Frage bleibt: warum geht er dann mit ihnen so scharf ins Gericht?

Ich denke, da muss es um etwas ganz Grundsätzliches gehen.

Diese Pharisäer waren fromme Leute. Sie hielten die Gesetze samt allen Auslegungen mit großem Eifer.
Aber, und das ist der entscheidende Punkt: Bald wurde das Gesetz fast alles. Was zunächst nur Interpretation war, wurde allmählich selbst zum Gesetz. Was Auslegung war, wurde zum Druck. Vor lauter Gesetz und Gesetzen wurde Gott nicht mehr recht gesehen. Gottes Satzung wurde durch immer mehr Menschensatzung überwuchert, ja, ersetzt.

Schon war alles auf den Kopf gestellt:

Äußerer Gottesdienst war wichtiger als die innere Beziehung zu Gott.

Der Versuch, sich durch Gesetzestreue Gott gegenüber abzusichern wichtiger als das Vertrauen in Gott.
Dagegen wehrte sich Christus so heftig.

Er sagt, und das ist ihm das Wichtigste, seine ganze Existenz ist Zeugnis dafür:
Gott und Mensch gehören zusammen. Jeder Mensch steht in Gottes unbegreiflicher Liebe, auch wenn wir das mit unserer menschlichen Erfahrung gar nicht so leicht nachempfinden können.

Jesus sagt: Gott sieht, wie verworren und verkehrt oft die Lebensläufe von uns Menschen sind, wie verzweifelt Menschen sein können. Gott liegen gerade die Armen am Herzen, die Leidenden, die Weinenden. Das ist sein Maßstab.

Jesus sagt: Ich will, dass ihr aus einem tiefen Vertrauen in Gott lebt, dass euer Leben davon getragen wird.
Aus der Herzenskraft dieses Vertrauens in Gott heraus könnt ihr dann die Gebote halten, sollt ihr sie halten, aber es sind dann nicht mehr äußere Gebote, die gegenüber Gott rückversichern, sondern das Halten der Gebote geschieht aus innerer Einsicht, ist die Frucht des Vertrauens in Gott.

Und so kann Jesus sagen: Tut, was sie euch sagen, aber tut es aus einem anderen Geist wie sie, tut es aus der Gewissheit der Liebe Gottes zu euch.

Schwestern und Brüder,

dies war genau das Anliegen des frühen Martin Luther, als vor 500 Jahren seine Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg anschlug. Seine Herzenserkenntnis war, dass Gottes Gnade die tiefste Kraft ist, aus der wir leben, und sein größter Herzenswunsch, dass die Christen das deutlich erkennen, und aus dieser Gewissheit ihr Leben gestalten und bestehen können.

Das Vertrauen in Gott ist das Wichtigste, ist das Fundament, das alles zusammenhält. Die Hierarchie der Werte muss stimmen, würden wir heute sagen: dass das Wichtigste nicht in den Hintergrund gerückt wird und das Nebensächliche sich in den Vordergrund drängt.

Der größte Wunsch Jesu, der ihn bis in seinen Tod bewegte, war: dass wir alle eins seien. Die Frage an uns bleibt, ob wir seinen Willen wirklich ernst nehmen, ob der größte Wunsch Jesu wirklich auch ein Herzensanliegen von uns ist, oder ob uns da oft nicht vielmehr – das gilt für die katholische so gut wie für die evangelische Seite - Traditionen wichtiger sind, Traditionen, die wertvoll sein mögen, die aber Menschenwerk sind, dass Gewohnheiten im Vordergrund stehen, also in der Sprache des Evangeliums gesprochen: Pharisäerwerk gemacht wird, und das Sich- Ausrichten nach Christus, die lebendige Christusbeziehung in den Hintergrund rückt.

Ein anderes Beispiel: In der Beichte spreche ich öfters die Frage des Vertrauens in Gott an. Es ist heute vielleicht einfacher als früher, ein Bekenntnis abzulegen, seine Verfehlungen offenherzig darzulegen, aber mit tiefem Vertrauen anzunehmen, dass Gott mir diese Sünden wirklich verzeiht, ist das Eigentliche und Schwierige. Wir trauen Gott nur schwer zu, dass er in seinem Verzeihen größer ist als wir das mit unserem Erfahrungshorizont nachzuvollziehen: Uns fällt es schwer, wirklich die Schuld loszulassen, ganz auf Gott unser Vertrauen zu setzen.

Ich konstruiere einmal einen schwerwiegenden Fall: Sie haben ein Kind im besoffenen Kopf angefahren. Das können Sie sich nicht verzeihen. Im Sakrament kann ich Ihnen als Priester objektiv zusprechen, wenn Sie das wirklich von Herzen bereuen usw. wenn sie alles unternehmen, den Schaden wieder gut zu machen, so gut sie können, dass Gott Ihnen das verzeiht. Trauen Sie Gott wirklich zu, dass er Ihnen vergibt? Haben Sie ein so großes Vertrauen in ihn?

Vielleicht ist das Sakrament der Versöhnung vielen auch deshalb so fremd geworden, weil wir gar nicht mehr glauben, dass Gott an uns handelt, uns wirklich die Schuld vergibt und uns versöhnen will.
Oder nehmen wir unsere Gottesdienste.

Konkret: unsere Erstkommunionfeier etwa, unsere Hochzeiten? Ist unser Gottesdienst zum äußeren Ritus verkommen, zum schmückenden Beiwerk, zum Pharisäerwerk? Da steht gar nicht mehr Jesus Christus im Mittelpunkt.

Meine lieben Schwestern und Brüder!

Es geht Jesus heute im Evangelium gar nicht so sehr um Pharisäerschelte, sondern er will uns eindrücklich ins Gedächtnis rufen, - das war sein Herzensanliegen –und das darf nicht verdunkelt werden, das steht ganz oben auf der christlichen Skala der Hierarchie der Werte:

dass das Vertrauen in Gott das Lebensfundament ist, auf dem wir als Christen stehen, das unser Leben trägt und froh und reich macht. Amen.