Predigt zum 31. Sonntag im Jahreskreis 2016

P.Johannes Naton OSB, 30.10.2016 in St. Teresa Ziegelhausen

Lesungen: 2.Thess 1,11-2,2 und LK 19,1-10

Liebe Schwestern und Brüder,

Es gilt als vorbildlich für Prediger, sich möglichst am Evangelium des Sonntags zu orientieren. Das ist ja heute ganz einfach. Den Zachhäus kennen wir alle, das ist der Zollpächter von Jericho, irgendwie geldgierig, ein Stück weit korrupt, aber eigentlich wohl ein Netter. Er ist klein, da kann er einem schon leidtun. In kindlicher Neugier klettert er auf den Baum, um Jesus zu sehen, auf den ersten Ruf des Heilands kehrt er um, wird ein prima Gastgeber und alles wird gut.

So wie Zachäus müssen wir sein. Nicht so wie die Nörgler, die das gemeinsame Mahl des Herrn mit dem Zöllner verurteilen. Wahrscheinlich sind das wieder die Pharisäer. Wir kennen diesen Gegensatz vom letzten Sonntag, aus LK 18, der Vorgeschichte des heutigen Textes: Der Pharisäer und der Zöllner im Tempel, arrogant und bigott der eine, demütig und klein der andere, und Jesu Symphatie ist wie die unsere ganz dem kleinen Zöllner zugetan

Kurz und gut: Lassen wir alle pharisäische Hochnäsigkeit fahren und entdecken den gottsuchenden und bußfertigen Zöllner in uns. Soweit zum Evangelium.

Da bleibt uns noch etwas Zeit, auf die Tageslesung zu schauen, auf den Paulus. Der schreibt an die Gemeinde in Thessaloniki. Ist Ihnen da etwas aufgefallen? Da war ein ganz schön schräger Satz drin. Bei Paulus müsste man immer genau hinhören, der ist so hochtheologisch in jeder Silbe. Aber wer kann das schon am frühen Sonntagmorgen nachvollziehen? Also hier, gleich der erste Vers: Wir beten immer für euch, dass unser Gott euch eurer Berufung würdig mache! Damit meint er die Gemeinde! Er sagt, sie sind schon berufen, und jetzt müssen sie würdig werden, und das soll Gott tun.

Das ist ein Ding! Gewöhnlich würden wir sagen, wer berufen werden will, sollte erst mal würdig sein. Zu wichtigen Ämtern sollten nur Leute berufen werden, die einigermaßen vernünftig, ehrlich und unbescholten sind. Wer würde schon einen größenwahnsinnigen Narren zum Präsidenten wählen und hinterher beten, dass Gott diesem die fehlende Würde einhauche? Aber bei Christenberufung scheint es so zu sein. Paulus macht keine Witze, er liebt seine Thessaloniker, er will sie nicht kränken.

Das ist seine Überzeugung: Erwählt werden wir von Gott nicht, weil wir so makellos wären. Christen sind nicht die besseren Menschen. Mit der Taufe haben wir keinen Lohn für unsere Verdienste erhalten, sondern einen Gnadenvorschuß des Erlösers. In der Taufe und jedem weiteren Sakrament wird uns etwas von Gott geschenkt, was wir dann im Laufe des Lebens entfalten sollen. Wenn das gelingt, ist das im Wesentlichen der Liebe Gottes geschuldet und nicht unserer eigenen Genialität. Gelingt es nicht, nützt uns kein Aktionismus und kein Heiligkeitsmarathon, vielmehr müssen wir in Krisenzeiten immer wieder die Nähe Gottes suchen und ihn um Hilfe beim Neuanfang bitten. Ohne Gott geht da nichts. Das meint Paulus.
Aber ist das sinnvoll? Müßte ich nicht viel mehr die Eigenverantwortung betonen? Muss nicht jede und jeder von uns aktiv werden, um die eigene Würde und die der ganzen Gemeinde herzustellen, unser Versagen im Blick auf das Elend der Welt und die Sünden der Kirche bekennen und so viel Ehrlichkeit und Zivilcourage in die Waagschale werfen wie irgendmöglich? Wir können doch die Heilsgeschichte und das Bauen am Reich Gottes nicht allein dem Papst und den Priestern überlassen, jeder Laie muss diese Würde haben und mit ihr arbeiten! Ein großer Appell! Und ein wichtiger!

Das zweite Vatikanum hat das ins Bewußtsein gebracht, oder besser, in Erinnerung.

Die Idee ist uralt, eine Gruppe im Neuen Testament hatte sich diese auf ihre Fahnen geschrieben. Nein, nicht die Zöllner! Das waren keine Leute, die Verantwortung und Würde kannten. Denen war nichts so fremd wie die Liebe zu Gott oder zum eigenen Volk. Das waren Kollaborateure einer graus-amen Besatzungsmacht, sie nahmen den Römern die Last der Steuereintreibung ab und wurden umso reicher, je brutaler sie ihre Arbeit machten. Begeisterung für Gott und Glaube sieht anders aus.

Nein, es waren die Pharisäer, die für gelebten Glauben im Alltag eintraten
In der Tat, die armen Kerle, die im Evangelium fast immer als Gegner Jesu und fiese Querulanten dastehen, die sind eigentlich eine engagierte und moderne Gruppe, die uns faszinieren muss.

Das war eine Laienbewegung, die nach dem Desaster der Tempelzerstörung und Exilzeit begriffen hatte, dass man die Heiligung des Volkes nicht allein dem Klerus überlassen darf, sondern dass jeder Jude im Gottesvolk durch seine persönliche Lebensführung zum Heil der Welt und zum Wiederkommen des Messias beiträgt. In der Makkabäerzeit, als die Griechen das jüdische Volk beherrschten und den jüdischen Kult und Glauben missachteten und zu zerstören suchten, da waren es die Pharisäer, die dagegenhielten. Sie zeichneten sich in ihrer Spiritualität durch besondere Gesetzestreue aus. Die Unterscheidung von Reinheit und Unreinheit, die Lektüre und Befolgung der Tora, die Hilfe für die Armen und das Geben des Zehnten war ihnen heilig.

Wir Christen heute können gar nicht pharisäisch genug sein. Das zweite Vatikanum hat betont, dass das ganze Volk Gottes einen Auftrag hat, und dass unser Dienst an den Armen und unser Beten in der Welt eine Mission ist. Die Pharisäische Bewegung hat sicher viel dazu beigetragen, dass in der hellenistischen Zeit das Glaubensgut und Selbstverständnis ihrer Religion erhalten wurde.

Es wäre schön, wenn das kommende Generationen einmal über uns sagen könnten.
Die Gegner Jesu, die wir immer so unsymphatisch finden, sie werden vom Heiland nicht kritisiert, weil sie als Phariäser per se Lügner wären. Doch jene, die mit Jesus streiten, machen einen kleinen Anfangsfehler, der später zum großen Bruch führt: Sie glauben, sie machen sich selbst würdig. Und im Umkehrschluß sprechen sie den anderen, die nicht wie sie leben, die Würde ab.

Die überfrommen Pharisäer schießen so sehr über das Ziel hinaus, dass sie gar keinen Messias, keinen Retter mehr brauchen. Ihre eigene moralische Überlegenheit genügt ihnen schon. Im Anfang stand eine fromme Legende: Wenn einmal alle Juden einen Tag lang die ganze Tora mit all ihren Geboten einhalten, dann wird der Messias kommen.

Nach langer engagierter Zeit hatte sich dieses Denken verändert: Wenn nur alle so fromm wören wie wir Pharisäer, wäre alles gut. Einen Messias braucht man da nicht mehr. Man ist so sehr von der eigenen Frömmigkeit überzeugt, dass ein erlösender Gott mehr stört als hilft.
Also, es ist doch nicht leicht, das Evangelium. Wir dürfen es nicht vorschnell für erklärt und erledigt ansehen. Das pharisäische Fehl-Verhalten ist heute allgegenwärtig. Gerade die Frommen, progressiv oder konservativ, sind in Versuchung, sich über die Andersdenkenden lustvoll klagend zu erregen.

Der Skandal des Besuches bei Zachäus ist echt. In heutiger Zeit wäre das vergleichbar mit dem Besuch Jesu bei einem stadtbekannten Neonazi.Das kann niemanden kalt lassen. Die Sache steht und fällt mit dem Ergebnis. Folgt aus der kindlichen Neugier des korrupten Großkapitalisten eine echte Bekehrung? Oder bleibt er, wie er ist? Sagt er ja zu sich und seiner Kultur, an die er sich gewöhnt hat? Er tut es nicht, er bereut. Und er wird hoffentlich ein guter Pharisäer: Also einer, der die Freude über die Erlösung im Alltag ausdrückt, im Lesen der Bibel, im kritischen Reflektieren des eigenen Lebens, in der Armenhilfe. Damit verdient er sich nicht den Himmel, sondern er zeigt, dass er Gott liebt.

Und die Meckerer? Die müssten sich erinnern, dass ihre eigene religiöse Identität und Hoffnung keine Eigenleistung, sondern ein Gottesgeschenk ist. Und daher gehört Missgunst gegen Randgruppen auf die kirchliche Müllkippe und das Ringen um die, die am Rand stehen zu unserem Pflichtprogramm. Wohlgemerkt, wir sollen nicht verkünden, dass Zöllnerkorruption eine Bagatelle und pharisäische Gottesbegeisterung böse sei. Wir sollen nur den kleinen missverständlichen Satz des Paulus beherzigen: Unsere Berufung ist kein Verdienst, Gott allein macht uns würdig. Aber die Freude darüber, die dürfte man uns schon ansehen. Und das Gebet füreinander, das sollte nicht fehlen.

Wie verhindern wir, in die pharisäische Bigotterie-Falle zu tappen? Denn das passiert Christen seit 2000 Jahren dauernd. Vielleicht, indem man ab und zu im Stillen an einen Menschen denkt, den man besonders schlecht leiden kann und dessen Denken und Moral man für total verwerflich hält. Und für genau den sollten wir dann in der Stille eine herzliche Fürbitte zu Gott senden. Das wäre eines erlösten Gotteskindes würdig. Amen.