Predigt zum 3. Sonntag im Jahreskreis 2018

P. Ambrosius Leidinger OSB, 21. Januar 2018 in St. Elisabeth, Heidelberg

Meine lieben Schwestern und Brüder! Die ersten Sonntage im Neuen Jahr geben uns einen Einblick in die Anfänge der Jesus-Bewegung. Wir erleben etwas von der Faszination, die von Jesus ausgeht, der so viele Menschen in seinen Bann schlägt, und etliche auch motiviert, ihm nachzufolgen. Heute werden uns wieder Berufungsgeschichten erzählt: wie Jesus vier Fischer von ihrer Arbeit wegruft, und sie mit ihm gehen. Parallel dazu aus dem Alten Testament die dramatische Berufungs- und Sendungsgeschichte des Jona. Wenn wir unsere Erfahrung mit Gott im Herzen aufsteigen lassen, dann ist es doch so, dass Gott seine Hand auf uns gelegt hat, gewiss auf jeden auf seine individuelle Weise, und vielleicht nur leise und scheu bildete sich in unserem Herzen eine Gewissheit eben des Berührt-worden-Seins von Gott, das wir selbst nur als Geheimnis erfassen und deuten können. Das Wort Geheimnis gibt diese Erfahrung genau an: auf der einen Seite bleibt uns die Gotteserfahrung immer etwas Fremdes, sie ist etwas Geheimnisvolles. Das Wort Geheimnis birgt auch das Wort Heimat in sich, so dass man sagen kann: das Geheimnis ist doch auch im tiefsten Sinn Heimat. Und so meine ich: das ist das Wichtigste für uns: Sich an unsere Gotteserfahrung immer wieder zu erinnern, daraus Kraft zu schöpfen und mit ganzem Herzen dafür dankbar zu sein. Allen Gotteserfahrungen ist eines gemeinsam: Christus ruft uns, ihm nachzufolgen. Und so muss als erstes festgehalten werden: Berufung ist etwas, was nicht nur Ordensleute und Priestern widerfährt – das ist eine spezielle Berufung - , sondern das Angerufen-Sein von Christus steht am Anfang oder besser ist das Fundament eines jedes Christenlebens. Und als zweites: Bei der Beauftragung des Jona und auch der Berufung der Jünger wird deutlich: Gott sucht augenscheinlich gar keine Fachleute, sondern ganz normale Menschen. Im Evangelium werden keine „Spezialisten“ losgeschickt, nicht die Theologen aus den Synagogen oder dem Tempel, nicht die Schriftgelehrten, sondern Fischer, Leute, die in Sachen Verkündigung absolute Laien sind, ohne jegliche Ausbildung und Schulung. Das gleiche bei Jona. Er war ein total unbekannter Mann. Ihn schickt Gott nach Ninive, in eine riesige und total verkommene Stadt. Drei Tage braucht man, um sie zu durchqueren. Jona soll ein Strafgericht ankündigen. Ein total verrücktes Unternehmen. Die Erfolglosigkeit ist schon vorprogrammiert. Und Jona sieht das ganz genau; und deshalb will er nicht. Fast das ganze Büchlein Jona handelt von seinem Unwillen, von seinen Ausflüchten und Fluchtversuchen – solange bis er sich endlich dreinschickt und geht. Einen Tag weit geht er, also nicht mal bis in die Stadtmitte, und er sagt nur diesen einen Satz: „Noch 40 Tage und Ninive ist zerstört“ und das Unglaubliche geschieht. Die Menschen hören auf ihn, das heißt sie hören auf Gott; und Gott schenkt ihnen Vergebung. Das konnte nur Gott bewirken, aber Jona war sein Werkzeug. Im Evangelium lesen wir etwas Ähnliches: „Die Zeit ist erfüllt; das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium.“ Dieses „Kehrt um und glaubt an das Evangelium“ ist nicht in erster Linie ein moralischer Aufruf, sondern etwas Existentielles. Unser großer Heidelberger Philosoph Hans- Georg Gadamer, 2002 gestorben, machte deutlich: Nur wenn ich wirklich getroffen bin – etwa wie hier die Jünger von Jesus – mache ich die Erfahrung, dass ich mich wirklich ändere, dass ich nicht mehr der gleiche bin. Nur wenn wir uns der Erfahrung, die wir von Gott gemacht haben, erinnern, können wir daraus Kraft schöpfen für unseren Lebensweg der Nachfolge, der Umkehr d.h. der immer wieder neuen Hinkehr zu Gott und den Menschen. Wir müssen uns erinnern, dass Gott an uns gehandelt hat und wir dürfen es mit Zuversicht erneut erwarten. Die berühmte Novelle von Ernest Hemingway: „Der alte Mann und das Meer“ zeigt einen weiteren Aspekt, der uns zu Jesus führt. Der alte Mann ist nichts weiter als ein ganz normaler Fischer, der seiner Arbeit nachgeht, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Plötzlich hat er nach tagelanger, ergebnisloser Arbeit völlig unerwartet einen Riesenfisch an der Angel. Schon überlegt er, was dieser außergewöhnliche Fang wohl einbringen werde. Aber dieser enorm große und starke Fisch wehrt sich zwei Tage und zwei Nächte, ein Kampf, in denen der alte Mann die schneidende Leine mit schmerzenden Händen umklammert hält, bevor die Kräfte des Fisches schwinden. Dieses Ringen und die Wunden und die Qual, die der Fisch ihm zufügt, verändert auch den Fischer. Er beginnt, den Fisch Bruder zu nennen. Auch Jesus hat um uns gerungen. Im Dienst an seiner Sendung hat er schließlich seine Passion und den Tod am Kreuz erlitten und gerade so Menschen gewonnen und sie hineingeführt in die österliche Herrlichkeit. Nicht wenige, die er berufen hat, sind ihm auf diesem Kreuzweg gefolgt – wie heute viele Christen in den arabischen Ländern – und haben durch ihr Martyrium Menschen für ihn gewonnen. So konnte Tertullian um das Jahr 200 schreiben: „Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche.“ Liebe Schwestern und Brüder, so wie wir uns in jeder Eucharistiefeier des Todes und der Auferstehung des Herrn erinnern und auf sakramentale Weise in dieses Heilsgeschehen hineingenommen werden, so vergewissern wir uns darin immer wieder unserer christlichen Identität. Bei all dem gilt: Nicht wir sind in erster Linie die Handelnden, sondern Gott handelt an uns. Wie gesagt: Nicht das Können der Apostel, nicht ihr Wissen war entscheidend, sondern der berufen hat: Christus. Und deshalb sagt er ihnen auch nicht, was sie machen sollen, sondern er spricht von sich: „Ich werde euch zu Menschenfischern machen“. Ich gebe euch das, was notwendig ist: Gottes Geist. Das einzige, was die Jünger tun müssen, ist, auf ihn zu hören, ihm zu vertrauen – und das heißt glauben. Und aus dem Glauben heraus zu handeln. Der Wahlspruch von Papst Franziskus lautet: Miserando atque eligendo: Durch Erbarmen und durch Erwählung bin ich. Der Papst schreibt folgende Erklärung dazu: „Es ist einer der Schlüssel meiner religiösen Erfahrung, der Dienst der Barmherzigkeit und die Erwählung von Menschen aufgrund eines Angebotes – eines Angebotes, das salopp so zusammengefasst werden kann: ‚Schau mal, du bist geliebt von Gott als du selbst, du bist erwählt, und das einzige, was von dir verlangt wird, ist, dass du dich lieben lässt‘. Das ist das Angebot, das ich erhalten habe. Amen.