Predigt zum 3. Sonntag im Jahreskreis 2017

P. Johannes Naton OSB, 22. Januar 2017 in der Kapelle des St. Elisabeth Krankenhauses

Evangelium: Mt 4,12-23

Meine lieben Schwestern und Brüder,

die Berufung der Jünger am See hat etwas Sagenhaftes. Jesus sah „die beiden Brüder, Simon und Andreas. Fischer von Beruf, warfen sie gerade ihre Netze aus. Da sagte er: Kommt her, folgt mir nach! Sofort ließen sie alles fallen und schlossen sich ihm an. Und gleich darauf: Jakobus und Johannes. Sie waren mit ihrem Vater im Boot und richteten Netze her. Auch hier: Ohne Zögern verließen sie das Boot und ihren Vater und folgten Jesus.“

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel schlägt es bei ihnen ein, vielleicht vergleichbar mit einem jungen Menschen, der plötzlich bis über beide Ohren verliebt ganz verrückte Dinge macht. Jedenfalls für erwachsene Männer mit ihren sozialen und familiären Verpflichtungen ein fragwürdiges Verhalten, schwerlich zu billigen.

Bei nüchterner Betrachtung des Textes fällt auf, dass der Evangelist hier reduziert hat. Matthäus will das Wesentliche und Eigentliche der Berufung seiner Jüngerkollegen herausstellen. Er will zeigen, wie sie durch die Begegnung mit Jesus mitten ins Herz getroffen wurden und ihnen eine Herzenskraft erwuchs, die ihr ganzes bisheriges Leben über den Haufen warf.
Jesus hatte sie mitten ins Herz getroffen!

Es berührt das Thema „Frömmigkeit und Alltagserfahrung“. Manchmal höre ich die Klage: Mein religiöses Leben hat wenig mit meinem Alltagsleben zu tun. So wie es Tag für Tag abläuft, kommt Gott nicht vor.

Oder: Eine häufig gemachte Selbstanklage in der hl. Beichte lautet: Ich bin zerstreut beim Beten! Selbst beim Beten bin ich nicht bei Jesus.

Man kann in Zweifel sein, ob damit ein echtes Verschulden benannt wird oder ob da einfach eine falsche Auffassung von Gebet und unserer Hinwendung zu Gott zum Ausdruck kommt. In der Tat haben wir meistens die Vorstellung: Je mehr wir uns Gott zuwenden, desto mehr müssen wir die Welt verlassen. Das ist nur in einem eingeschränkten Sinn richtig.
Entweder ist der Mensch in allen Lebenssituationen fromm, d.h. auf Gott hin aufmerksam, oder er ist es überhaupt nicht. Es gibt keine Frömmigkeit, die sich auf die Zeit in der Kirche oder beim Gebet beschränken lässt.

Frömmigkeit ist nicht etwas, was zusätzlich zu unserem Leben dazukommt, sondern eine Einstellung, mit der wir unser Leben leben. Zucker legt man nicht neben den Kaffee oder Tee, sondern man gibt ihn in die Tasse hinein, erst dann wird alles süß. So ähnlich ist es auch mit unserem Glauben. Er muss den Alltag durchdringen, nicht umrahmen.

Gottes Gegenwart ist nicht nur auf den Tabernakel beschränkt. Mein ganzer Alltag kann für mich eine neue Qualität gewinnen: meine Ehe, mein Berufsleben, Freundschaften und Hobbys, meine Lebenslasten und kleinen Freuden. Überall kann Gott mir begegnen. In allem, was ich erlebe oder erleide, ist Gott mir nahe.

Gerade in unserer angeblich so gottverlassenen Welt wird es darauf ankommen, dass wir gläubig auf die vielfachen Zeichen der Gegenwart Gottes achten.

Die Apostel jedenfalls wurden nicht in der Synagoge beim Gebet berufen, sondern Jesus ist ihnen an ihrem Arbeitsplatz begegnet, in ihrem ganz banalen Alltag. Das ist das erste.

Die zweite Beobachtung: Es ist nicht so, wie es am Anfang schien: der Meister ruft, und der Jünger folgt, der Meister gibt, der Jünger empfängt, sondern Jesus nimmt doch auch von dem, was der Jünger einbringt. Jesus beruft den ganzen Menschen mit seinen Stärken und Schwächen.

Da gab es den schwachen Petrus und auch den ungläubigen Thomas.

Durch die Begegnung mit Jesus konnten sie zwar ihren Charakter nicht ändern, das kann kein Mensch, aber ihre Schwäche konnten sie sich eingestehen und dazu stehen. Das war der erste Schritt eines inneren Prozesses, den Jesus bei ihnen in Gang setzte. Und ihre Schwäche, das, was sie so sehr belastete, wurde sogar ihr Charisma, ihre Stärke.
Der schwankende Petrus: Er wusste um seine Schwäche, seinen Wankelmut. In schmerzhaften Situationen wurde er immer wieder damit konfrontiert; - denken wir nur an seinen Verrat Jesu und den Hahnenschrei - aber er konnte seine Schwäche eingestehen und sich damit auseinandersetzen. So erwuchs ihm daraus seine große Stärke. Er konnte seine Brüder stärken und führen.

Oder Thomas, der so große Zweifel hegte, der alles in Frage stellte. Jesus erschien ihm, seinem Freund, eigens acht Tage nach dem Ostertag. Sein skeptisches Hinterfragen wurde sein Charisma, denn durch sein Fragen verstanden die Jünger letztlich tiefer das Geschehnis der Auferstehung, wer Jesus ist, was er ihnen bedeutet.

Eine dritte Beobachtung:
Es ist Jesus, der beruft. Von ihm geht die Initiative aus. Paulus würde sagen: „Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin“ (1 Kor 15,10).
Bei Paulus können wir ganz deutlich sehen: Sein Apostelsein beruhte ausschließlich auf seiner Erwählung und Berufung durch Gott. Gott hatte ihn gesehen, erkannt, ausgesucht, dorthin beordert, wo seine natürlichen Gaben mit einem Schlag ungeheuer fruchtbar werden konnten.
Meine lieben Schwestern und Brüder!
Wenn wir heute so wenige Berufungen zum geistlichen Amt haben, dann können wir das nicht ändern: Gott beruft.
Jeder von uns ist von Gott mit seinen Stärken und Schwächen berufen, nicht nur Priester und die Ordensleute, die für ihren besonderen Lebensweg der Nachfolge eine besondere Berufung erfahren haben.
Für Eltern können die aufmerksame und verlässliche Begleitung ihrer Kinder ins Leben hinein ihre Berufung sein.
Oder für eine Familie kann das die Betreuung und Pflege eines alten Familienangehörigen sein. Nachfolge als Treue in täglicher Mühsal.
Oder das Verhalten am Arbeitsplatz.
Jeder hat sein Charisma, das er im Alltag leben soll, seine Begabung, seine Originalität, das, was mit ihm identisch ist, was echt an ihm ist. Jeder hat eine Kraft des Herzens, die ihm von Gott geschenkt ist, seine Berufung, die ihn führt, dem Leben zu dienen.

Im Jahr 107 war ein berühmter Bischof nach Rom unterwegs. Nicht frei und nicht freiwillig.
Der hl. Ignatius von Antiochien war ein großer und durchsetzungsstarker Bischof. Er wurde unter Trajan dazu verurteilt worden, im Zirkus den wilden Tieren vorgeworfen zu werden. 10 Soldaten brachten ihn von Syrien nach Rom. Unterwegs hat er sieben Briefe geschrieben. In zwei von ihnen findet sich ein Wort, das er erst in der Notsituation am Ende seines langen Lebens wirklich lebte.
Er schreibt: „Jetzt fange ich an, ein Jünger zu sein.“
In dieser Situation äußerster Bedrängnis sagt er: „Jetzt fange ich an, ein Jünger zu sein.“
Dieses Wort hat bei Ignatius seinen eigenen Klang, eine letzte Bedeutung: das Martyrium als Jüngerschaft Jesu, des Gekreuzigten.
Wir müssen dieses Wort zurückholen in unsere kleine Anfänglichkeit. Ein Dreißigjähriger sagt dieses Wort anders als ein Siebzigjähriger.
Der innere Sinn dieses Wortes wandelt sich mit den verrinnenden Jahren: „Jetzt fange ich an, ein Jünger zu werden!“
Das bedeutet nicht mehr neuer Lebensentwurf und neuer aktiver Aufbruch, sondern die wachsende Erkenntnis der leeren Hände und daraus das vertrauende Gebet: Herr, du allein kannst einen neuen Anfang schenken. Und so also das Sichfallenlassen in das unbegreifliche Geheimnis der Erbarmung Gottes.
„Jetzt, heute, fange ich an, ein Jünger Christi zu werden.“ Amen.