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Predigt zum 3. Sonntag der Osterzeit 2016

P. Ambrosius Leidinger OSB, 10. April 2016 in der Stiftskirche Neuburg

Evangelium: Johannes 21,1-19

Meine lieben Schwestern und Brüder!

Vom hl. Petrus wissen wir eine ganze Menge. Erregbar und ungestüm, wie er ist, tritt seine raue Kraft bei vielen Ereignissen zutage, wenn seine Gefühle so oder so mit ihm durchgehen. Er ist voller Liebe und sehr treu, voller Intuition und Begeisterung und Leidenschaft. Gleichzeitig ist er furchtsam und feige, voll Reue und sehr verletzlich, dann wieder außer sich vor Wut und rachsüchtig und lässt sich vom Gram überwältigen.

Zusammengefasst: Petrus muss ein sehr anstrengender Mensch gewesen sein. Aber gerade ihn nennt Jesus den Felsen, auf den er seine Kirche bauen will.

Die Geschichte der Begegnung des Auferstandenen mit den Jüngern, besonders mit Petrus, die wir gerade gehört haben, lässt zunächst keinen rechten Zusammenhang erkennen.
Petrus war noch ganz benommen von dem, was in den vergangenen Tagen geschehen war. Sein Treueversprechen, die Verleugnung, Trauer, demütige Reue und dann das dämmernde Bewusstwerden der Auferstehung - all das war in Gefühlswellen über ihn geschwappt. All das hatte ihn erschöpft.

Und es ist typisch: Nicht er erkennt Jesus, der am Ufer steht, sondern es ist Johannes, der sofort weiß, dass es der Herr ist, der sie übers Wasser hinweg ruft.

Dann aber ist es Petrus, der spontan handelt: Es zieht sein Obergewand an und springt ins Wasser, Jesus entgegen. Er zieht das Netz an Land.

Nach dem Essen nun wendet sich Jesus ganz Petrus zu.

Jesus fragte ihn immer wieder nach seiner Bindung an ihn und forderte ihn wieder und wieder auf, sich zu engagieren. (Liebst du mich? Weide meine Lämmer!)

Jesus wollte, dass Petrus ihm nicht nur innerlich treu sein sollte, sondern dieses innere Versprechen sollte seinen Ausdruck finden in der Sorge und der Hilfe für andere. Der spontane und undisziplinierte Petrus sollte ein umsichtiger Hirte sein, so wollte es Jesus.

Seine zugreifende Art war sein Charakter und sein Charisma, aber Jesus verlangte auch Integrität von Petrus; er wollte, dass bei ihm innen und außen übereinstimmen. Schließlich, erst nach drei Versuchen, berührte er Petrus gefühlsmäßig wirklich, und Petrus’ Versprechen der Treue und Liebe war leidenschaftlich und selbstbewusst.

An diesem Punkt angelangt, blieb Jesus nun nicht stehen, sondern ging noch einen Schritt weiter. Er betonte, was er von Petrus im Laufe seines Lebens noch verlangen würde.

In den kommenden Jahren sollte Petrus diese symbolische Hingabe in vielen Ereignissen seines Lebens verwirklichen müssen.

Schon bald musste er seinen überkommenen jüdischen Standpunkt grundsätzlich revidieren, seine Forderung, die Heidenchristen sollten die Riten und Bräuche der Juden übernehmen, zurücknehmen. Er musste schmerzlich lernen, dass Jesus nicht das Überkommene und Vertraute wollte, mit dem er aufgewachsen war und das ihm ja auch seine Identität gab.

Schließlich, nach einem Leben im Vertrauen auf die Führung des Geistes, wurde Petrus tatsächlich eingesperrt und gefoltert. Sein ganzes Leben war Einübung in diese Hingabe.

Die Berufung, Hirte zu sein für Schafe und Lämmer und sich gleichzeitig von einem Mächtigeren binden zu lassen, war der wunde Punkt des Petrus: das wollte er nicht. Denn es erforderte selbstlose Liebe und Vertrauen von dem sonst so undisziplinierten eigenwilligen leidenschaftlichen Petrus.

Er sollte sich hingeben und in Situationen führen lassen, in denen er unterlegen oder machtlos sein würde. Das war das Schrecklichste für ihn. Den herumgestoßenen, verurteilten Jesus, der zum Spielball der Führer und des Volkes geworden war, hatte er aus offener Angst glattweg verleugnet. Nun sollte er sich selbst der gleichen Art Machtlosigkeit überlassen; das hatte er intuitiv sofort erfasst.

Da nun so viel von ihm verlangt wurde, wollte Petrus sichergehen, dass er wenigstens nicht der einzige war, der sich für Jesus hingeben sollte. Es gab noch andere Jünger außer ihm - insbesondere war da Johannes, der auch eine besondere Beziehung zu Jesus hatte. Welchen Preis würde Johannes für die Freundschaft mit Jesus zahlen müssen? Was würde Jesus von diesem anderen, geliebten Freund verlangen? Petrus fühlte sich berechtigt, das zu wissen.
Jesus ging auch auf diesen letzten Widerstand des Petrus ein - nicht indem er seine Frage beachtete, sondern indem er darauf bestand, dass Petrus auf seine eigene Berufung achten und sich nicht mit anderen vergleichen solle.

Wahrscheinlich hatte sich Petrus durch seine Frage auch gar nicht mit Johannes vergleichen wollen.

Er wusste, dass Jesus sie beide liebte, und er wollte diese Liebe nicht messen. Petrus wusste ganz gut, dass Gefühle für verschiedene Menschen nicht miteinander verglichen werden können.
Aber er wollte von Jesus wissen: Wenn von ihm verlangt wurde, dass, wenn er alles Jesus übergab, sein ganzes Leben, und ihm nachfolgte, dann sollte Johannes einen ebenso großen Preis zahlen. Denn das war es schließlich, was Gerechtigkeit bedeutete: gleiche Freud und gleiches Leid.

Wie gesagt: Jesus ging gar nicht auf die Beschwerde des Petrus ein, sondern wiederholte seine Forderung nach persönlicher Hingabe: «Du aber folge mir nach.»

Jesus, der auferstandene Herr, ruft jeden, auch jeden von uns, auf seinen eigenen individuellen Weg der Nachfolge, ein Weg, der meinem individuellen Charakter entspricht. Jesus führt den Menschen auf den Weg zu Gott. Und dieser Weg führt nur über uns selbst.

Es ist der Weg, den eigenen Schwachpunkt anzuschauen und annehmen zu können, die eigene Schwäche immer mehr in Stärke zu verwandeln, zu meinem Charisma zu verwandeln. Nur wo ich verletzbar bin, kann ich wachsen und mein Leben kann sich entfalten. Was mich nicht wirklich berührt, da geschieht auch nichts und da wächst auch nichts.

Jemand, der als Kind viel Unrecht erfuhr, kann dieses Unrecht weitergeben oder für Unrecht sensibel werden und sich für das Recht einsetzen. Das ist dann sein Lebensthema.
Jemand, der als Kind wenig Liebe erfahren hat, kann liebesunfähig werden, aber Liebe und Fürsorge können auch sein Charisma werden.

Meine Verletzlichkeit kann mein Charisma, meine Gabe, werden. Es ist der Weg, den nur ich gehen kann und kein anderer.

Und es ist der einzige Weg, auf den Jesus mich ruft.
Auch wir befinden uns heute in einer ähnlichen Situation wie die Jünger damals. Das Alte bricht ab, trägt nicht mehr, der Weg in der Vergangenheit ist abgeschnitten, aber Neues wird auch noch nicht konkret gesehen, höchstens erahnt.

Die Lösung aus diesem Dilemma ist uns gezeigt worden: nur die persönliche Beziehung zu Jesus ist es letztlich, worauf es ankommt. Wenn sie echt ist, komme ich auch selbst darin vor und meine Schwächen, meine Verletzungen können Segen werden.

Das war die große Lebensaufgabe der Apostel, das ist auch unsere Aufgabe als Jesu Jünger unser ganzes Leben lang. Amen.