Predigt zum 3. Fastensonntag 2017

P. Johannes Naton OSB, 19. März 2017 in der Stiftskirche Neuburg

Evangleium: Joh 4,5-42

Liebe Brüder und Schwestern,

die Juden und die Samariter verkehren nicht miteinander. So lapidar beschreibt der Evangelist einen uralten Religionsstreit. Diese beiden Gruppen verstehen sich nicht, und daher ist es für die Frau am Brunnen und für die Jünger unverständlich, dass der Jude Jesus verständnisvoll mit den Samaritern redet.

Diese komplexe Perikope ist nicht leicht zu verstehen, aber immerhin werden wir heutigen Christen doch damit einverstanden sein, dass Jesus die Verständigungsblockaden zwischen zwei verfeindeten Konfessionen aufbrechen will. Das wird ja auch durch das altbekannte Gleichnis vom barmherzigen Samariter zu verstehen gegeben. Für die pauschalen Vorurteile der Jünger und der Pharisäer gegen die Samariter haben wir natürlich kein Verständnis.

Angesichts der heutigen politischen Probleme muss doch wohl oberste Maxime für jeden Gläubigen sein, Andersgläubige zu verstehen, im interreligiösen Dialog das Verständnis für Kultur und Denken der anderen Religionen zu mehren und so den Frieden zu fördern.

Das müsste ja ganz im Sinne Jesu sein.

Verzeihen sie, wenn ich jetzt einen Protestanten zitiere, der gegen diese Sicht protestiert.

Der Schriftsteller Klaus-Rüdiger Mai, zwar nicht Theologe, aber Historiker mit profunder Kenntnis der Konfessionsgeschichte, sagte neulich im Radio:

„Im Übrigen müssen Religionen einander nicht verstehen, sie müssen auch nicht miteinander reden – worüber denn? Es genügt vollkommen, wenn sie einander nicht verfolgen und herabsetzen. Es genügt, wenn sich Gläubige gleich welcher Religion an Lessings Maxime halten: "Es eifre jeder seiner unbestochnen / Von Vorurteilen freien Liebe nach!", und dabei ihr religiöses Gesetz nicht über das Grundgesetz stellen.“

Bevor jetzt jemand hier in der Kirche zornig wird oder stürmisch zustimmt, möchte ich als katholischer Prediger betonen, dass die Religionen sehr wohl miteinander reden müssen und dass ökumenische und interreligiöse Kommunikation unverzichtbar sind.

Dennoch will ich den provokanten Einwurf des Historikers Mai aufgreifen und dabei vor allem den ersten Halbsatz unterstützen: Religionen müssen einander nicht verstehen!

Wir können niemanden zwingen, uns zu verstehen. Und so mancher, der viel von uns versteht, lehnt uns trotzdem ab. Doch auch, wer andere ablehnt oder gar hasst, ist zum Dulden verpflichtet. Schauen wir das Phänomen des Religionskonfliktes einmal konkret an:

Das Zerwürfnis zwischen Juden und Samaritern etwa ist ein Paradebeispiel für Konfessionskonflikte. Worum geht es da? Samaria entstand, als die Assyrer Israel besiegt und nach der Deportation der meisten Juden das Nordreich umgestalteten, indem sie fremde Völker bei den verschonten Juden ansiedelten, die sich familiär und religiös vermischten. Dieses Volk nannte man Samariter, diese behielten zwar die 5 Bücher Mose bei, aber die im Exil entstandenen prophetischen Schriften wie Jesaja oder Jeremia lehnten sie ab.

Eben deshalb sagt Jesus zu der Frau: „Ihr betet an, was ihr nicht kennt!“, denn für Jesus sind die Prophetenbücher unverzichtbare Schlüssel für das Gottesverständnis. Und ganz im Gegensatz zu den Propheten hatten die Samarischen Juden Fremdkulte anderer Völker übernommen. Als nun die von den Assyrern verbannten Juden heimkehrten, trafen sie auf die von den Assyrern verschonten Samariter und deren Mischkult. Das führte naturgemäß zu Spannungen. Die Juden wollten die Samariter nicht als Isrealiten anerkennen und lehnten deren Mithilfe beim neuen Tempelbau ab. In der Folge kam es immer wieder zu Überfällen samaritischer Milizen auf jüdische Tempelpilger. Das war die Lage zur Zeit Jesu.

Kein Wunder, dass der Dialog zwischen diesen Gruppen gestört war. Barmherzigkeit war bei Samaritern ebenso rar wie bei den Juden.

Und wir Christen?

Ja, so was kannten wir doch auch, in den Konfessionskriegen nach de Reformation oder in Nordirland noch vor wenigen Jahren. Aber heute denken wir doch anders. Oder auch nicht:

Der Bischof von Paris lud im Jahr 2010 einen Jüdischen Rabbiner ein, in der Vesper über die jüdische Fastenpraxis zu sprechen. Die Andacht in der Kathedrale Notre Dame wurde aber massiv von christlichen Traditionalisten gestört, die während des Vortrags laut brüllend einen Rosenkranz beteten und danach Rabbiner und Bischof mit Gebetbüchern bewarfen, so dass diese in die Sakristei fliehen und die Polizei rufen mussten. Eine solche Aggression im 21.Jahrhundert ist für Christen eine fundamentale Schande!

Diese Fanatiker verstehen den Juden nicht. Doch sie müssten es, denn unser Herr Jesus war Jude und betont im heutigen Evangelium: DAS HEIL KOMMT VON DEN JUDEN! Und da können sich die Lefebrve-Jünger mit ihrem notorischen Antisemitismus auf den Kopf stellen, als Christen sind sie immer auch halbe Juden. Wir können aber nicht warten, bis die Traditionalisten verständig werden, sondern müssen sofort im Sinne des Historikers Mai verlangen, dass sie die anderen Religionen in Ruhe lassen und das Gesetz respektieren.

Dafür müssen sie aber wie die Frau aus Samarien tief in den Brunnen schauen, der Christus heißt, und umkehren. In Frankreich hat das vor 7 Jahren noch nicht geklappt.

Nun haben wir im Sommer letzten Jahres in einer anderen französischen Kirche ein noch grausameres Exempel religiöser Gewalt erlebt, als zwei Salafisten eine katholische Messe überfielen und den 85jahre alten Priester Jaques Hamel am Altar enthaupteten.

Und das ist ja nur eines von vielen Beispielen, die Toten auf dem Berliner Weihnachtsmarkt, die ermordeten Kopten auf dem Sinai, die nicht mehr zu zählenden Mordopfer in Nigeria sollten nicht vergessen werden. Wir Christen haben kein Recht darauf, verstanden zu werden, aber wir haben das verdammte Recht, in Ruhe gelassen zu werden.

Islamisten sind nicht verpflichtet, das Evangelium oder die Trinitätslehre zu verstehen, das versteht ja ein Großteil der heutigen Christen auch nicht.

Aber die Islamisten sind verpflichtet, so zu existieren, dass die Existenz der Andersgläubigen nicht gefährdet wird. Das können Millionen andere Moslems ja auch, und die säkulare Gesetzgebung ist hier eigentlich unmissverständlich.
Doch auch säkulare Menschen, die gern besonders von Christen Toleranz und Dialogfähigkeit einfordern, müssen ihr Selbstverständnis kritisch prüfen.

Am Ostersonntag des letzten Jahres ging die Schlagzeile von den christlichen Kindern, die in Pakistan von Islamisten massakriert worden waren, um alle Welt.

Am Ostermontag gingen dann in Deutschland Ostermarschierer auf die Straße und forderten unter anderem: Schluss mit Islamophobie! Und keine Silbe von den toten Christen in Pakistan! Sicher, auch Ostermarschierer müssen trotz ihres Titels nicht meinen Glauben verstehen, aber ich verstehe nicht, warum um des Friedens willen christliche Opfer totgeschwiegen werden.

Kommen wir endlich zum Jakobsbrunnen zurück:

Am Ende versteht die Frau! Und sie wird eine großartige Missionarin. Sie nimmt das Zeugnis eines Vertreters der verfeindeten Konfession an, weil sie so zur Christusbeziehung und damit zur Gottesbeziehung findet. Sie bekennt, dass sie zum Glauben kam, weil er ihr ihre Grenzen aufgezeigt hat. Und ihre Botschaft ist nicht: FOLGT MIR, sondern SUCHT IHN! So sollten wir Christen in dieser Fastenzeit gestrickt sein: Erst einmal hören und suchen und uns selbst infrage stellen, und dann losgehen und Zeugnis geben, und zwar nicht für uns oder unsere Ideologie, sondern für Christus, soweit wir ihn verstanden haben.

Der Historiker Mai fragte provokant: Worüber sollten Religionen schon miteinander reden?

Damit kritisiert er den populären Irrglauben, Ökumenischer Dialog sei eine Art konfessionelle Tarifverhandlung: Als kämen da z.B. die Bischofskonferenz, die EKD und die Altkatholiken zusammen und beschließen, dass die Römischen Katholiken den Zölibat aufgeben, die EKD die Gendertheorien weglässt und die Altkatholiken den Papst als Oberhaupt akzeptieren, und endlich könnten die Kirchen fusionieren. So geht´s ja nicht.

Und doch muss geredet werden. Jesus sprach auch mit der Samariterin und stiftete Frieden.

Übrigens haben französische Imame nach dem Mord an dem Priester ihre Moslemgemeinden aufgerufen, an den Trauergebeten für den ermordeten Christen teilzunehmen! Das ist respektabel, Ähnliches hätte ich gern von den Traditionalisten in Paris gehört oder von den Paschtunen in Pakistan. Was nützte es, gemeinsam gegen religiöse Gewalt zu protestieren, wenn die Opfer dieser Gewalt und ihre Täter nicht beim Namen genannt werden dürften?

Das Ziel von Religionsgesprächen darf nicht die Reduktion der Botschaften auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, sonst könnten wir auch Micky Maus lesen. Und dann reden Gläubige, die nichts mehr glauben, zu Andersgläubigen, die ihnen nicht zuhören, über einen Kompromiss, der nichts auf sich hat.

Es geht doch darum, dass wir einander erzählen, was wir verstanden haben. Etwa, was wir Christen sahen, als wir mit Christus in den Brunnen schauten. Und wenn wir Christen, egal welcher Konfession, so ehrlich und demütig in den Brunnen des Gotteswortes schauen, wie die Samariterin, dann wird der Dialog gelingen.

Diese Frau hat klarstes Wasser des Lebens verkostet, darum kann sie andere begeistern, darum verstehe ich ihre mitreißende Christusliebe und schaue heute beschämt auf das, was ich in dieser Mission so zu bieten habe. Amen.