Predigt zum 3. Advent 2016

P. Johannes Naton OSB, 11. Dezember 2016 in der Stiftskirche Neuburg

Lesungen: Jes 35,1-6a.10, Mt 11,2-11

Liebe Schwestern und Brüder,

Gaudete! Das erste Wort der 1.Lesung, das dem 3.Adventsonntag seinen Namen gibt, ist ein herrlicher Weckruf. Kein Zweifel, die Jesaja-Lesung ist einer der schönsten Texte der Bibel: „Die Wüste und das trockene Land sollen sich freuen, die Steppe soll jubeln und blühen. Sie soll prächtig blühen wie eine Lilie, jubeln soll sie, jubeln und jauchzen. Die Herrlichkeit des Libanon wird ihr geschenkt, die Pracht des Karmel und der Ebene Scharon. Man wird die Herrlichkeit des Herrn sehen, die Pracht unseres Gottes.“ Kein Zweifel, hier wird Weihnachten angekündigt, Gottes Friedensbotschaft, das Herzstück unserer christlichen Verkündigung. Da sollte es doch kein Zaudern mehr geben für die Hörer des Wortes, für die gläubige Christenheit in dieser Welt.

Doch Zweifel! Ausgerechnet ein Profi des Glaubens, ein Kollege des großen Jesaja, beginnt zu zweifeln. Ein kleiner, unscheinbarer Vers drückt es aus: Johannes hörte im Gefängnis von den Taten Christi. Da schickte er seine Jünger zu ihm und ließ ihn fragen: Bist du der, der kommen soll, oder müssen wir auf einen andern warten? Das klingt ganz harmlos. Wer nicht fragt, bleibt dumm. Aber was genau geschieht da? Hier zweifelt ausgerechnet der, der wenige Wochen zuvor noch gerufen hatte: SEHT DAS LAMM GOTTES! Damals war Johannes noch ein freier Mann. Doch jetzt sitzt der Wegbereiter des Herrn, der neue Elija, im Kerker jenes Königs, dem er das Gericht Gottes angedroht hatte, und wartet auf seine eigene Verurteilung. Und nun hört er Neuigkeiten vom Mann aus Nazareth, den er doch getauft hatte. Und was hört er? Kein Gericht! Keine Donnerpredigten und blutigen Gemetzel, wie sie von Elija bekannt waren. Die Mächtigen in Jerusalem werden nicht einmal angekratzt. Statt dessen redet da einer von Barmherzigkeit und kümmert sich um Kranke. Da wird der Täufer unruhig. Und da kommt der Zweifel auf: Sollte er sich in Jesus getäuscht haben?

ZWEIFEL ist ein Begriff, der in der Kirchengeschichte sehr problematisch ist. Jahrhundertelang haben Prediger und Katecheten mit aller Macht den Gläubigen das Zweifeln austreiben wollen. Noch heute liest es sich auf der Internetseite Kathpedia sehr pathetisch: Der stolze Zweifel ist eine Form der Glaubensabfalls. Wird eine vorgelegte Lehre der Kirche bewusst in Abrede gestellt, so ist der frei betätigte Glaubenszweifel eine schwere Sünde ex toto genere suo. Auch die "negative" Unentschlossenheit in der Zustimmung (etwa zu Konzilsaussagen) kann sündhaft sein und in Häresie münden.

Ganz anders und viel freundlicher formuliert es die populäre Lutherbotschafterin der EKD, Margot Käßmann: „Für mich gehört Zweifel zum Glaubensleben schon dazu. Mir ist das ungeheuer wichtig. Martin Luther hat immer gesagt: Er will gebildeten Glauben. Die Leute sollen selbst denken, reflektieren, Fragen stellen. Das ist natürlich schwieriger, als das nur anzunehmen, was mir vorgegeben wird. Aber es macht auch mehr Spaß und ist anregender.“

Unterschiedlicher könnte eine Bewertung kaum ausfallen. Schwere Sünde oder anregender Spaß? Man könnte wochenlang über die philosophisch-theologischen Begriffe des methodischen Zweifels oder des absoluten Zweifels diskutieren. Aber das heutige Evangelium diskutiert nicht darüber. Es stellt uns einen zweifelnden Propheten vor. Und dem werden weder die stramm katholische Website noch die EKD-Botschafterin mit ihren Zitaten wirklich gerecht. Denn sie reden von intellektuellen Gedankenspielen, vom freien Bejahen oder Ablehnen irgendeiner Doktrin. So etwas ist alltäglich im politischen wie im theologischen Diskurs, meistens geht es um Dissens, um eine klare innere Einstellung: Das stimmt oder das stimmt nicht.

ZWEIFEL im eigentlichen Sinn ist genau das Gegenteil: Zwei Stimmen ringen da in einem Herzen und kommen beide nicht zur Ruhe. Der Zweifler lehnt nichts ab und widerspricht nicht, ER WEISS EINFACH NICHT, er hat KEINE GEWISSHEIT. Das ist nicht immer schlimm. Ob der neue Wagen wirklich hält, was sein Händler verspricht oder ob die Regierung mit ihrer Finanzpolitik wirklich einen vernünftigen Weg geht… die Diskussion solcher Zweifel kann auch Spaß machen und spannend sein. Doch was, wenn eine Frau nach langen Ehejahren durch Zufall das Gerücht vernimmt, ihr Mann plane, sie zu verlassen? Und was, wenn der Kinderarzt Eltern mit ernster Miene sagt: „Ihr Kind muss gründlicher untersucht werden. Es könnte Krebs sein!“ Was, wenn ein DDR-Bürger heute erfahren würde, dass der Stasi-Spitzel, der ihn denunzierte, einer seiner besten Freunde gewesen sein könnte, die Akten aber vernichtet seien. Das ist dann keine fröhliche Debatte mehr, bei der es um Rechthaben und Besserwissen geht. Man weiß es nicht sicher. Dieser Zweifel ist kein Spaß, er zerreißt das Herz. Denn das eigene Leben, die Existenz ist erschüttert. Und das ist dann kein schuldhaftes Gedankenspiel, keine Sünde gegen den geschuldeten Glaubensgehorsam. Eben solchen Zweifel durchleidet Johannes im Gefängnis. Sein Glaube ist ihm kostbar, auf Jesus hat er gesetzt. Und jetzt weiß er nicht mehr, was er glauben soll. Und da nützt dann die herrliche Poesie der Jesaja-Verheißung nichts mehr: Wenn Jesus nicht der ist, für den Johannes ihn hielt und den Menschen verkündete, dann ist die ganze Existenz des Täufers gescheitert. Dann ist auch sein mutiger Gang in den Kerker des Tyrannen ohne jeden Sinn: Der Gott, in dessen Namen Johannes die Königskritik wagte, wäre dann ein passiver, schwacher Gott oder gar nur ein Schemen, ein Irrglaube. Aber genau in dieser Zweifel-Krise erweist sich die wahre Größe des Propheten: Er sendet seine Jünger nicht aus, um seine Befreiung zu erwirken oder wenigstens einen Trostbesuch des umjubelten Nazareners zu er bitten. Er will es wissen: BIST DU DER MESSIAS? IST DIE VERHEISSUNG WAHR? Und gottlob sagen die Jünger ihm nicht: Zweifel sind Sünde, schweig und füge dich! Sie sagen aber auch nicht: Halb so wild, Zweifel sind normal, wir selbst wissen ja auch nicht, was Sache ist. Sie tun vielmehr ihre Pflicht und stellen den Kontakt zwischen dem Zweifler und dem Erlöser her. Und Jesus denkt ebenfalls nicht daran, den Täufer wegen seines Zweifels zu tadeln. Stattdessen gibt er durch das Jesaja-Zitat die klärende Deutung seiner Zeichen und Wunder: Du hattest dich in der Wüste nicht getäuscht, ich bin der Erlöser! Ich kann solche Heilungen vollbringen und nur ich, weil in mir die messianische Verheißung wahr wird. Das große Ganze, die Versöhnung zwischen Himmel und Erde, das wird jetzt und hier begonnen. Keine kleinkarierte Moral vom Nettsein zu den Nachbarn, kein verbindliches politisches Sofortprogramm zur Lösung aller sozialen Probleme. Aber eben auch keine vorgezogene Apokalypse, kein Hinrichten der Bösen und keine Königsmacht für die Guten. So war das bei Jesaja nicht gemeint, und so soll es Johannes auch nicht erhoffen.
So wird der Tag für Johannes zu einem Gaudete-Tag in der Finsternis. Nun kann und wird er sein Schicksal hinnehmen, wissend, dass der Henker des Herodes ihn nicht von der Liebe Gottes scheiden kann. Diesen schlimmsten Zweifel hat er überwunden. Könnten wir das? Kann ich das, wenn ich selbst in diese Situation komme, dass mein Vertrauen in Gott mich verlässt wie das Bewusstsein bei einer Narkose oder wie der Wert der Aktien bei einem Börsencrash? Wage ich dann, zu beten, wie Jesus es lehrte? Wenn unsereins in solche Zweifelsnacht fällt wie der Täufer, dann sollte man sich weder von frommen Predigern Schuld einreden noch von populären Plauderern die Zweifel schönreden lassen. Dann sollte man zum Wesentlichen kommen, Jesus bestürmen, im Gebet Gott bedrängen und ihn an seine Verheißungen erinnern. Die Bibel bietet da viele Beispieltexte. Der Psalm 44 etwa ist ein geradezu unverschämter Protestruf eines Gläubigen, der Gottes Schweigen nicht begreifen kann. Haben die kirchlichen Zweifelverbieter diesen Psalm nie gelesen? Wer an echten Zweifeln leidet, muss das aussprechen können vor Gott, um nicht zu zerbrechen. Und er müßte Mitmenschen finden, die ihm helfen, den Kontakt mit dem Erlöser wieder herzustellen.

Damit wird der Ruf Gaudete zu einem Arbeitsauftrag für uns alle! Freude befehlen, das geht ja kaum. Aber wir alle müssen uns im Advent die Frage gefallen lassen, ob wir mit unserer Freude richtig umgehen. Sind wir österliche Menschen? Sehen wir den roten Faden vom Jesajawort hin zu Krippe, Bergpredigt, Kreuz und leerem Grab? Wenn ja, wie leben und zeigen wir diese Hoffnung? Ein sichtbares Hoffnungszeichen wird dringend gebraucht, weil es eben viele gibt, die wie Johannes nicht mehr sicher sind, ob Jesus der Christus für uns ist. Wer so zweifelt, braucht wie erwähnt keine moralinsauren Sündenprediger und keine zuckersüßen Relativierer, er braucht Trost durch Überzeugte. Eine Masse von gleichgültigen Christen, die so zuversichtlich wirken wie ein Haufen Herbstlaub im Hinterhof, ist für die Zweifelnden keine Hilfe, sondern Gift. Wann und wie lassen wir es unsere Mitmenschen spüren, dass GAUDETE das Kernwort unseres Glaubens ist? Wer die Dunkelheit des Zweifels kennt, der weiß auch, dass die heute verkündete Freude kein billiger Spaß ist, sondern eine Befreiung, um die zu ringen sich lohnt. Und niemand muss damit allein bleiben. Wir sind eine Gemeinschaft der Hoffenden. Und die Zweifelnden haben ein Recht darauf, von uns getragen und nicht verurteilt zu werden. Amen.