Predigt zum 29. Sonntag im Jahreskreis 2016

P. Johannes Naton OSB, 16. Oktober 2016 in der Stiftskirche Neuburg

Lesung: Exodus 17,8, Evangelium: LK 18,1

Betet ohne Unterlass, so empfiehlt Jesus im 18.Kapitel des Lukas-Evangeliums. Und das ist nur eine von vielen Aussagen Jesu, in denen er klarstellt: Wer bittet, der empfängt! Wenn man in Bibelrunden oder Gesprächskreisen über solche Stellen spricht, kommt man früher oder später zu der Frage, woran es dann liegen mag, dass manche Gebete eben doch nicht erhört wurden, wie fast jeder zu berichten weiß.

Nun, wie ist das heutzutage bei Versandhäusern oder Internet-Handel? Wenn ich da etwas bestelle und nicht geliefert bekomme, dann fallen mir mehrere mögliche Gründe ein: Entweder habe ich bei der Bestellung etwas falsch gemacht, sie nicht richtig adressiert oder falsch ausgefüllt, oder ich habe bei meiner eigenen Anschrift einen Fehler eingebaut. Vielleicht ist auch die Auslieferung der bestellten Ware durch einen Streik oder Unfall verzögert worden. Oder aber ich bin als notorischer Nichtzahler bekannt und habe zu viele offene Rechnungen, so dass mir kein Kredit mehr gewährt wird.

Ähnlich fallen die klassischen Antworten auf die Frage nach unerhörten Gebeten aus:
Ich habe nicht richtig gebetet, oder das Erwünschte wird noch kommen, es dauert halt länger, oder ich bin als Sünder einfach nicht würdig, Gott zu bitten.

Aber Jesus würde wohl als erstes auf meine Frage antworten: DU SOLLST GOTT, DEINEN HERRN, NICHT MIT EINEM VERSANDHAUS VERWECHSELN. Und dann wird er mich auffordern, die beiden Beispiele für richtiges Bitten und Beten, die heute in den Lesungstexten vorgestellt werden, genau zu studieren. Es sind zwei völlig verschiedene Typen: Ein mächtiger Politiker und eine machtlose Rentnerin, Moses und die Witwe.

Moses, der das Volk Israel nach Gottes Weisung aus Ägypten hinausführte, muss Krieg führen gegen das mächtige Heer Amaleks. Er fungiert dabei nicht als Feldherr, sondern als Beter: Sobald Mose die Arme hebt, siegen seine Truppen, sobald er sie sinken läßt, geraten sie in Bedrängnis. Das sieht wie Magie aus Tausendundeiner Nacht aus, hat damit aber nichts zu tun. Zu deutlich ist die Bildsprache im Buch Exodus: Der Gottesstab, den Mose hält, der Berggipfel als Position zwischen Erde und Himmel, die Arme in Richtung des himmlischen Herrn ausgestreckt - Hier wird eine Haltung beschrieben! Mose hält sich an den Stab, an das Wort und Gebot, das Gott ihm gab. Er steigt zur Höhe hinauf, sucht also die Distanz zum irdisch-politischen Geschehen und die Nähe zum Schöpfer, um sich Klarheit über Gottes Willen und die eigene Lage zu erschaffen. Die zum Himmel gestreckten Arme drücken aus, dass die Ausrichtung auf Gott allein dem suchenden Gottesvolk das verheißene Land und den Sieg über innere wie äußere Widerstände bringen kann. Und dann sind da noch Aaron und Hur, die ihn stützen und damit zum Symbol für das Volk Gottes werden: Dann, wenn man im Glauben einander stützt, kann das von Gott verheißene Ziel erlangt werden. Auch der große Volksheld Mose ist kein Einzelkämpfer, er bedarf der Solidarität seiner Brüder. Wenn man weiß, wie sehr das Volk der Juden in seiner Geschichte unter Zerstrittenheit und Spaltung gelitten hat, dann wird die Szene aus dem Buch Exodus um so eindeutiger: In Zeiten der Bedrängnis sucht Gott und stützt dabei einander. Die Juden selbst haben diesen Bericht nicht magisch verstanden, sie haben bei späteren Konflikten oder Krisen keine Moses-Armhebe-Rituale durchgeführt, sondern durch Propheten die Frage der eigenen Haltung gegenüber Gott kritisch reflektiert. Ein Moseskult wäre Götzendienst gewesen. Von solchen Götzen und Idolen konnte ihnen kein Heil kommen, nur von Gott her, und um dieses Heil zu erlangen, bedurfte es der richtigen Haltung. Und auf das Wort Haltung wollen wir gleich noch einmal zurückkommen.
Jesus erzählt die Geschichte von dem bösen Richter und der Witwe, und Lukas macht klar, dass es hier um ein Gleichnis geht, bei dem nicht der Charakter des Richters mit Gott zu vergleichen ist, sondern die Hartnäckigkeit der Witwe mit dem Gebetsleben der Christen. Da, wo diese Geduld und Zielstrebigkeit fehlt, wird das Gebet der Christen und ihre ganze Glaubenspraxis bald armselig werden. Immer und ohne Nachdruck beten! Wie soll das gehen? Unaufhörlich vor sich hin murmeln, immer in der Kirche sitzen, jedes Gespräch nach ein paar Worten durch ein Stoßgebet unterbrechen und Fürbitte halten?

Erinnern wir uns an die Erfindung des VATER UNSER, als die Jünger fragen, wie sie beten sollen. Da sagt Jesus: Wenn Ihr betet, sollt Ihr nicht plappern wie die Heiden, die glauben, sie werden gehört, wenn sie viele Worte machen!

Damit ist schon einmal klar: Jesus liebt die Schwätzer nicht! Das wird auch klar, wenn man beim heutigen Evangelium weiterliest: Da kommt nämlich die Stelle, wie der Pharisäer und der Zöllner im Tempel stehen. Der Pharisäer spricht ein Gebet von 35 Worten, der Zöllner braucht nur 5 Worte. Der Pharisäer preist in einem Redeschwall seine eigenen Verdienste. Der Zöllner sagt nur: GOTT SEI MIR SÜNDER GNÄDIG!

Also, um wortreiches oder gar immerwährendes Reden kann es Jesus in Sachen Gebet auf keinen Fall gehen, Für ihn ist Gebet weniger ein Sprachakt oder eine Handlung, als viel mehr eine Haltung! Da ist es wieder, das schöne Wort HALTUNG. Doppeldeutig im Deutschen, denn es kann die körperlich-äußerliche Haltung sein, wie etwa bei den Soldaten einer Palastwache, die wie Wachsfiguren in äußerst disziplinierte Starre verfallen, es kann aber auch um die Herzenshaltung und den Charakter gehen, also um Konsequenz in Wertefragen und um ein Stehen zu eigenen Worten und Versprechen, um Übereinstimmung von Rede und Überzeugung.

Die Haltung des Mose und seiner Gefährten beim Kampf gegen Amalek war klar: Nur von oben, nur von Gott kommt die Hilfe. Diese Erkenntnis ist den Juden nicht neu, mit dem brennenden Dornbusch war eine Gottesnähe erneuert worden, die zuvor schon Abraham und Jakob bei ihren Wüstenerfahrungen hatten spüren dürfen. Doch allzu schnell vergaß das Volk diese Nähe Gottes, stellte das Beten, Bitten und Danken nach kurzer Zeit ein, ließ praktisch die Arme sinken, um das Heil in der eigenen Kraft oder in fremden Kulten zu suchen. Und schon kam alles ins Wanken.

Wenn wir Christen der Gegenwart die Gebetsfrage zu isoliert betrachten, dann wird daraus immer eine halbe Sache: Ist Gott ein Gebetsautomat, der Gnade im Schnellverfahren liefert, wenn wir das korrekte Gebet verrichten?

Aber Gebet ist eben nicht das Bitten des Menschen um Gottes Hilfe, Beten ist die ganze Beziehung zu Gott. Da gehört auch das Bitten dazu, aber daneben auch der Dank, der Lobpreis und das Bekenntnis, die Klage, die stille Anbetung, die Werke der Nächstenliebe, das Fasten und das Pilgern, sowie das ganz normale Leben vor Gott im Bewußtsein, dass er mich liebevoll anschaut. Mose stand sein Leben lang in einer solchen ganzheitlichen Beziehung zu Gott, kein Atemzug geschah bei ihm ohne das Bewußtsein, dass Gott ihm die Luft zum Atmen schenkt. Beim Bittgebet muss er sich gar nicht erst Gott zuwenden, er muss nur Geste und Wortwahl seiner Kommunikation mit dem Schöpfer variieren. Aus seiner Sehnsucht nach Gott und seiner Hellhörigkeit für Gottes Stimme erwächst dann auch der Wille, ihn um Hilfe gegen den Feind zu bitten. Und Mose kennt seine eigenen Grenzen, darum holt er sich die Hilfe des Volkes dazu, denn auch beim Beten ist Moses ein Volksmensch, der im WIR denkt.

Ob die Witwe im Gleichnis Jesu überhaupt an Gott glaubt, wissen wir nicht. Aber mit Mose verbindet sie die Ausdauer beim Gebet und die Zuversicht, dass ihr Gerechtigkeit zusteht und auch wiederfahren wird. Geduld gepaart mit Optimismus, das ist es, was Jesus seinen Jüngern und uns ans Herz legt!

Jesus geht es um Haltung, nicht um Sprüche! Seine kritische Schlußfrage, ob er denn bei der Christenheit noch Glauben antreffen wird, ist bis heute für uns beschämende Prüfung. Unser christlicher Stolz müsste es gebieten, dass wir alles daran setzen, um diese Frage als rein rhetorische Frage erscheinen zu lassen. Jesus sollte wissen: Natürlich wirst Du bei uns glauben finden! Keinen großen vielleicht, nicht so heldenhaft wie bei Moses. Aber auch der brauchte ja Hilfe. So viel Glaube aber wie die machtlose Witwe, die gerade klein genug ist, um uns als Vorbild zu dienen, so viel Glaube sollten wir doch zusammenbringen können, wenn es dazu kommt, dass der Herr uns begegnet und uns nach unseren Wünschen fragt. Amen.