Predigt zum 26. Sonntag im Jahreskreis 2016

P. Johannes Naton OSB, Elisabeth-Krankenhaus, Heidelberg

Lesungen: Amos 6, 1-7; Lukas 16,19-31;

Liebe Schwestern und Brüder,

zu den unangenehmsten Geräuschen, die ich kenne, gehört das Kreischen eines Bohrers beim Zahnarzt. Unzählige Male habe ich in Wartezimmern bei diesen Tönen gezittert und geschwitzt. Das Geräusch selbst tut nicht weh, ist aber fest mit dem Schmerz des vom Bohrer bearbeiteten Zahns verbunden. Und der eigentliche Grund des Schmerzes liegt in der Schädigung meines Zahnes, für die weder Bohrer noch Geräusch etwas können.

Im eben gehörten Evangelium übernimmt ein Bild die Rolle des Bohrertons und bringt mich in Unruhe. Das Bild vom Höllenfeuer und dem rettungslos für ewige Zeiten dort leidenden reichen Prassers. Dieses Bild ist so abgrundtief schrecklich, dass es sich ganz in den Vordergrund dieser Erzählung drängt und heutige Hörer schockiert. So kann Gott doch nicht sein? Was ist daran frohe Botschaft? Aber die Höllenstrafe ist gar nicht die Botschaft dieses Textes, sondern eine andere Hölle. Aber die steht ganz im Schatten des Strafbildes. Das Leiden des armen Lazarus, drastisch geschildert und eindeutig mit dem Reichen verknüpft. Das Elend des Armen schreit zum Himmel, der Reiche hört es nicht. Am Ende des Gleichnisses steht die totale Umkehr: Der Arme ist in völliges Glück gestellt, der schreiende Reiche ins Elend.

Wir kämpfen an der falschen Front, wenn wir uns hier an der Höllenstrafe abarbeiten. Wir müssen zunächst fragen: Was will Jesus eigentlich seinen Hörern vermitteln?

Er erfindet da gar nichts neues, er bringt den frommen Juden eine uralte biblische Tradition in Erinnerung, die auch im Buch Amos aufleuchtet: Gott kann zornig werden!

Wenn man die Christen des 19. und 20. Jahrhunderts gefragt hätte, über welche Sünden Gott wohl am meisten in Zorn gerät, dann hätten die meisten wohl gesagt. Das sechste Gebot, oder jedenfalls alles, was mit Sexualität zu tun hat. Das dürfte bei den meisten Beichtgesprächen auch noch vor den unandächtigem Beten oder dem Naschen an Fastentagen der Spitzenreiter unter den Sünden sein.
Aber in der Bibel ist das anders. Natürlich kennt sie auch die Sünde des Ehebruchs und der schuldhaften Vergötzung von Fleischeslust. Aber den größten Zorn entwickelt der biblische Gott bei zwei ganz anderen Sünden: Das Anbeten anderer Götter und Mitleidlosigkeit gegenüber den Armen!

Da finden wir bei Amos, bei Jeremia und in den Büchern Mose heftigste Scheltworte und Flüche.
Und in diese Tradition gehört auch das heutige jesuanische Wort.

Der Schöpfer und Herrscher dieser Welt verliert jede Konzilianz, wenn Reiche die Armen ausbeuterisch und kaltherzig behandeln. Und dass es Arme gibt, hat sich in den letzten 2000 Jahren nicht geändert. Wohlgemerkt, Jesus verkündet hier kein Patentrezept, wie Armut abzuschaffen sei. Er scheint eher davon auszugehen, dass es in menschlichen Systemen immer auch Arme geben wird, das Gebot der Liebe zu den Armen ist zeitlos.

Gleichwohl wird sich jede Gesellschaft, die christliche Werte für wichtig erachtet, immer wieder die selbstkritische Frage stellen müssen, wie sie es denn mit den Armen und der sozialen Fürsorge hält. Ein Kommentar zum aktuellen Präsidentschaftswahlkampf drängt sich mir da fast auf, aber das wäre nur angebracht, wenn hier nennenswert viele wahlberechtigte Amerikaner versammelt wären.
Wir wollen uns aber bei dieser Eucharistiefeier nicht im heiligen Zorn darüber ergehen, wie falsch andere in dieser Welt mit ihrem Reichtum umgehen. Wir müssten ja für unsere eigene Republik und so manches kirchliche Institut feststellen, dass da allzu oft mächtige Menschen in Seidengewändern und Prunkpalästen kühl an den Nöten leidender Kinder und Flüchtlinge vorbeigesehen haben.
Aber zunächst müssen wir bei uns selbst anfangen und uns fragen, ob Arme in unserer Umgebung gut aufgehoben sind. Nicht alle, die hier jetzt versammelt sind, haben große Bargeldmengen zur freien Verfügung, um materielle Not zu lindern. Aber jeder von uns hat die Gabe, einem armen Menschen Zeit, ein gutes Wort, ein offenes Ohr und Respekt zu schenken. Armut hat ja viele Gesichter. Es geht auch, aber nicht nur um den Bettler, die Flüchtlingsfamilie, die Langzeitarbeitslose. Es geht auch um die Armut an Liebe, Armut an Zuversicht, Armut an Glauben oder Hoffnung. Und es ist schwer, gerade wenn man viel Arbeit und viele Sorgen hat, einem Mitmenschen mit Problemen und Schwächen Aufmerksamkeit zu schenken. Wir werden da nicht immer jedem die Welt in Ordnung bringen können. Aber wir dürfen den Blick dafür nicht verlieren. Der arme Lazarus lag vor der Tür des Reichen. Es geht also um die, die in meiner Nähe sind. Ich kann mit großem Pathos für die Armen in Südafrika oder Pakistan eintreten. Wenn ich dabei den Leidenden in meinem eigenen Haus ignoriere, habe ich etwas falsch gemacht und muss aufgeweckt werden. Und da dies gerade frommen Menschen allzu oft geschah und geschieht, findet die Bibel zu so drastischen Worten.

Es gibt aber neben dieser moralischen Seite noch einen ganz anderen Grund für diese Heftigkeit Jesu in der Armenfrage. Ich sagte ja schon, dass der Gott des Alten Testamentes immer dann besonders zornig wird, wenn sein Volk die Armen ignoriert oder seinen Befreiergott vergisst und fremden Göttern folgt.

Jetzt müssen wir uns noch daran erinnern, dass Jesus sagt: Was ihr einem der Ärmsten getan habt, habt ihr mir getan! Und dann sehen wir: Die Armen ignorieren und Gott ignorieren sind zwei Seiten der gleichen Sünde. Gott leidet wie ein liebender Bräutigam, dessen Braut sich mit anderen Kerlen herumtreibt. Er will als Jahwe angebetet werden und in den Schwachen und Hilflosen erkannt werden. Beides gehört zusammen.

Das heftige Wort von der Hölle ist das Schreien eines Verletzten. Jesus ist verletzt durch die Lieblosigkeit, die Armen widerfährt, weil er mit ihnen ist. Ein Theologe sagte einmal: Wer abtaucht, um Gott zu suchen, muss bei den Armen wiederauftauchen.

Und dann erklärt sich das Höllenbild noch auf andere Weise: Wenn Hölle nach alter Kirchenvätertradition der Ort der Gottesferne ist, dann ist eben auch das sich Abwenden von den Armen ein Fortgehen von Gott und somit ein höllischer Irrweg.

Wenn Jesus an anderer Stelle sagt, er werde die Schuld der ganzen Welt auf sich nehmen, gibt uns dass die Hoffnung, dass die jenseitige Hölle ein ziemlich leerer Ort sein muss.
Aber in unserem Diesseits gibt es genug Arme und Leidende, die derzeit durch die Hölle gehen, und erschreckend viele Wohlhabende mit höllisch kaltem Herzen.

Gerade als Kirche in der Welt und als besonders wohlhabende Kirche in Deutschland müssen wir uns um Gottes Willen den Blick und Respekt für die Armen und ihre Nöte bewahren. Und gleichzeitig dürfen wir hoffen: In der Zuwendung zu den Menschen in meiner Umgebung wird mir ein Reichtum zuteil, den kein Geld der Welt vermitteln kann: Christi Liebe wird mir Trost geben wie der Schoß Abrahams, wenn ich der weinenden Schwester oder dem überforderten Bruder ein Helfer und Fürsprecher wurde. Das ist kein großes Drama, es ist fast so banal wie das tägliche Zähneputzen. Und solche Banalitäten sind manchmal lästig, aber sie sind eine zuverlässige Hilfe gegen so manchen bohrenden Schmerz. Amen.