Predigt zum 26. Sonntag im Jahreskreis 2016

P. Ambrosius Leidinger OSB, 25. September 2016 in der Stiftskirche Neuburg

Evangelium: Lukas 16,19-31

Meine lieben Schwestern und Brüder,

In der Gemeinde des Lukas, für die er sein Evangelium schreibt, gibt es zum ersten Mal in der frühchristlichen Zeit auch Wohlhabende und sogar Reiche.

Lukas ist also persönlich mit sozialen Spannungen zwischen ihnen in der Gemeinde konfrontiert.
Die Frage der sozialen Gerechtigkeit ist ein Hauptthema in seinem Evangelium immer wieder.
Er äußerst sich sehr radikal, etwa im Magnificat, dem Lobgesang Mariens: Der Herr „ stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen; die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen” (Lk 1, 51-53) oder:
„Wie schwer ist es doch für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen! Denn eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt” (Lk 18, 24 f).
Jesus sagt: Wer nicht seinen ganzen Besitz aufgibt, kann nicht mein Jünger sein.

Lukas war Grieche, und er schrieb für die griechischen Händler und Kaufleute. Eigentlich verfolgte er keine romantischen Armutsideale, ihm geht es vielmehr um die soziale Verpflichtung des Besitzes, damit alle genug haben.
Er will diese Geschäftsleute aufrütteln und zeigt ihnen, wie sie – ohne ihren Beruf aufzugeben – Jesus nachfolgen können.
Lukas stellt immer wieder heraus:
Wer nur für sich selbst Reichtümer ansammelt, der hat weder Jesu Intention verstanden noch weiß er um das Geheimnis des menschlichen Lebens, das durch den Tod begrenzt ist. Wer nüchtern seine eigene Wirklichkeit sieht, weiß, dass er hier keine dauernden Schätze ansammeln kann und sie auch nicht braucht.

Es geht darum, auf Gott hin reich zu werden.

In diesem Kontext einer harten Sozialkritik steht auch das heutige Evangelium vom reichen Mann und dem armen Lazarus.
Diese Erzählung gehört zur ältesten Jesus-Tradition und war ursprünglich Ausdruck einer Hoffnung auf die radikale Umkehrung der sozialen Geschicke im Reich Gottes. Diese Erzählung stellt keineswegs ein falsches Verhalten des Reichen dar, dass er z.B. dem Lazarus kein Almosen gibt; es geht in dieser Erzählung um die Folgen seines guten Lebens:
„Mein Kind, denk daran, dass du schon zu Lebzeiten deinen Anteil am Guten erhalten hast. Lazarus aber nur Schlechtes. Jetzt wird er dafür getröstet, du aber musst leiden” (Lk 16, 25).

Regelrecht zugespitzt wird diese Hoffnung auf eine radikale Umkehrung der sozialen Geschicke noch durch den „tiefen, unüberwindlichen Abgrund” zwischen Lazarus und dem Reichen im Jenseits.

Lukas gibt dieser sehr radikalen Erzählung eine neue Sinnspitze, indem er sie durch den Hinweis auf Abraham ergänzt: Deine Brüder „haben Mose und die Propheten, auf die sollen sie hören” (Lk. 16, 29).
Damit bekommt das Evangelium einen neuen Duktus: Lukas geht es darum, dass es im Reich Gottes einen Ausgleich geben wird für das Elend der Armen.

Und es geht ihm hier auch um die Umkehr der Reichen.

Gerade Lukas ist an einer solchen Umkehr gelegen, er will ja nicht deren endgültiges Unheil predigen.
Es geht um einen innergemeindlichen Besitzausgleich zwischen wohlhabenden und bedürftigen Christen.
Darüber hinaus erwartet Lukas von den Wohlhabenden großzügige Almosen für die Hungernden und Bettelarmen, die nicht zur Gemeinde gehören, sondern ganz einfach bedürftige Menschen.

Lukas versteht sogar das Gebot der Feindesliebe im Blick auf das Sozialverhalten gegenüber Menschen, die in Not geraten sind.

Selbst wenn sie dich hassen, sollst du wohltätig sein und Gutes tun, ohne irgendeine Gegenleistung zu erhoffen. Du sollst dich orientieren an der Barmherzigkeit des himmlischen Vaters selbst. Denn der ist gütig auch gegen die Undankbaren und Bösen (Lk 6, 27-36).

Der Vorwurf des Lukas gegenüber den Reichen war, die Wirklichkeit vor ihrer Haustüre ausgeblendet zu haben, den armen Lazarus nicht wahrgenommen zu haben geschweige denn ihm geholfen zu haben.

Jesu Verhalten ist genau das Gegenteil von dem, was wir mit der christlichen Tugend der Demut benennen.
Demut ist als christliche Lebenshaltung etwas ganz anderes, als was daraus gemacht wurde, und was es in unseren Köpfen noch ist: irgendetwas Frommes, Altbackenes, oder gar eine negative Haltung: Verdemütigung, Unterwürfigkeit.
Demut bedeutet etwas ganz anders.

Demut heißt, die Schöpfungsordnung Gottes anzuerkennen.

So verweist uns das lateinische Wort für Demut „humilitas“ auf humus, auf Erde, auf Nüchternheit, verweist darauf, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie wirklich ist und darauf zu reagieren. Gerade das tat der reiche Prasser.
Die hl. Teresa von Ávila definiert Demut einmal als „Wandeln in Wahrheit“ (6. Wohnung 10,8).
Demut weiß darum, dass wir angewiesen sind auf langsam wachsende, soziale Beziehungen, auf mitmenschliche Wärme.

Demut weiß, dass wir auf gegenseitiges Wohlwollen und Verzeihen angewiesen sind, auf Barmherzigkeit. Und sie weiß, dass nicht nur das Schnelle und Effiziente und das Geld Richtschnur für das Leben sein kann, sondern vielmehr Rücksicht, Geduld, Milde, Toleranz, Treue, auch Leiden aneinander.

Demut bedeutet: Auch meine eigene Wirklichkeit zu sehen, meine Vergänglichkeit und Begrenztheit, meine Licht- und Schattenseiten,
zu wissen, dass ich armer gebrechlicher sündiger Mensch das Evangelium brauche, dass ich den Menschen neben mir brauche, dass ich Gott brauche.

Echte Demut leben kann eine sehr ungemütliche Angelegenheit sein. Dazu gehört Mut, Dien-Mut, Mut zum Dienen, wie es vom deutschen Wort Demut abgeleitet werden kann.

Wo wirklich gelebt und gearbeitet, geliebt und Verantwortung wahrgenommen wird, da entstehen Verletzungen. Nur wer in der Lage ist, sich seine wunden Punkte einzugestehen, ist ein demütiger Mensch, und er weiß auch um die Verletztlichkeit seines Nachbarn, und er wird achtsam und behutsam.

Zum Schluss eine Geschichte aus Afrika:
Ein Anthropologe erforschte die Verhaltensweisen eines afrikanischen Stamms der Xhosa-Kultur.
Während dieser Forschungsarbeit bot er den Kindern des Stamms ein neues Spiel an, das diese noch nicht kannten:
Er füllte einen Korb mit süßen Datteln – rare und deshalb heiß begehrte Früchte bei den Kindern. Dann stellte er den Korb unter einen entfernten Baum und schlug den Kindern vor, einen Wettlauf zu machen. Alle sollten sich in eine Reihe aufstellen und beim Startsignal loslaufen. Wer als erster beim Baum ankäme, dem gehörten die Früchte.

Als er ihnen das Startsignal gegeben hatte, nahmen sich die Kinder gegenseitig an den Händen und liefen so gemeinsam zum Baum! Dort angekommen, setzten sie sich gemeinsam auf den Boden und genossen ihre Leckereien zusammen. Als der Anthropologe sie fragte, weshalb sie so gelaufen seien, wo doch jeder die Chance hatte, die Früchte für sich selbst zu gewinnen, antworteten sie:

„Ubuntu“ (das bedeutet) „ ICH bin, weil WIR sind“

Der Anthropologe schaute verdutzt. Da erklärte eines der Kinder:
„Wie könnte einer von uns froh sein, wenn all die anderen traurig sind?“
Ubuntu – ich bin, weil wir sind. Oder anders ausgedrückt: Ich bin, weil du bist, und ich kann nur sein, wenn du bist.
Das will uns Jesus immer wieder von neuem lehren.