Predigt zum 25. Sonntag im Jahreskreis 2017

P. Ambrosius Leidinger OSB, 24.09.2017 in der Stiftskirche

Liebe Schwestern und Brüder!

Vielen mag dieses Evangelium unverständlich oder sogar ärgerlich sein.

Immer wieder stößt man sich an der Weitherzigkeit Jesu. Von Anfang an wirft man ihm vor, dass er fünf gerade sein lässt, und dass er sich um die Verlorenen, um die Kranken, um die Armen mehr kümmert als um die neunundneunzig Frommen, die der Umkehr nicht bedürfen.

Es mag ein Zufall sein - sofern es überhaupt Zufälle gibt – dass ausgerechnet heute am Wahlsonntag dieses auch politisch interpretierbare Evangelium gelesen wird. Jesus beobachtet sehr aufmerksam die Wirklichkeit seiner Zeit – auch die wirtschaftliche und politische Situation.

Es gab zur zeit Jesu eine bedrückende Arbeitslosigkeit. Wie Menschen sich heute in den Gängen der Arbeitsagenturen drängen, so drängten sie sich damals auf den Marktplätzen, um wenigstens einen Job als Tagelöhner zu ergattern.

Es ist Erntezeit. Tagelöhnerwirtschaft ist ein einträgliches Geschäft für die reichen Besitzer, und sie holen sich ihre Arbeiter morgens, mittags und abends, wann sie sie brauchen, und schicken sie wieder fort, wenn sie überflüssig werden.

Dieser soziale Hintergrund bildet die Voraussetzung dieses eigentümlichen Gleichnisses. Die Arbeit drängt, und sie muss rasch erledigt werden. Der vereinbarte Lohn für einen Tag ist der übliche Hungerlohn, für den noch heute in den Entwicklungsländern Menschen einen ganzen Tag lang arbeiten. Davon muss man Frau und Kinder ernähren. Man kann am Abend ein paar Fladenbrote einkaufen, ein paar Oliven, vielleicht langt es für eine Melone. Mehr ist nicht drin.

Es gehört zur Humanität des mosaischen Gesetzes, dass es in Anbetracht dieser Not verfügte, dass der Lohn dem Tagelöhner noch am Abend des Arbeitstages ausgezahlt werden muss. Man lebt buchstäblich von der Hand in den Mund.

Das müssen wir auch wissen, wenn wir im Vaterunser beten: „Unser tägliches Brot gib uns heute.“
Daran hält sich der Gutsbesitzer, und so lässt er am Abend durch seinen Verwalter den Lohn auszahlen. Aber der Gutsbesitzer staffelt nicht: eben nicht für zwölf Stunden Arbeit einen Denar; für eine Stunde Arbeit einen Zwölftel Denar.

Denn davon kann kein Mensch leben, und deshalb ändert der Gutsbesitzer den Tarif, an den Prinzipien einer linearen Gerechtigkeit vorbei.

Er verfügt, dass an diesem Abend die Arbeiter alle das Gleiche bekommen, nämlich das bekommen, was sie nötig zum Leben haben; nicht, was sie eigentlich verdient haben.

Der Gutsherr honoriert die Arbeiter der ersten Stunde durchaus angemessen - d.h. wie es üblich war, oder wie wir sagen würden: Nach Tarifvertrag.

Jesus relativiert unser Leistungsprinzip - allerdings ohne deswegen Leistung geringzuschätzen.
Jesus sieht jedoch die existentielle Not der Menschen.

Auf die theologische Ebene gehoben heißt dies: Würde Gott nur sich nach dem Maßstab der Gerechtigkeit richten, müssten wir alle an ihm scheitern. So absolut gesprochen, müssten wir immer wieder erschrecken und gleichzeitig glücklich sein. Jeden Moment unseres Lebens bringen wir zu, weil Gott auf unsere Not schaut statt auf unser Verdienst. Das sollte auch die Grundlage für unser aller Umgang miteinander sein.

Man könnte an dieser Stelle das Gleichnis Jesu abbrechen, denn das Wichtigste ist damit gesagt.

Aber da beginnen der Streit, der Ärger und die Ablehnung. Sehen die Arbeiter des ganzen Tages, die Frommen, die immer Guten, die, die kein Gesetz gebrochen haben, dass auch die Letzten, in ihren Augen Unwürdigen, belohnt werden wie sie, so fangen sie an zu murren und pochen auf Gerechtigkeit.
Es ist an dieser Stelle, dass alles auseinanderbricht. Der Gutsherr nimmt sich einen von den Leuten vor, vermutlich den lautesten Schreier, „Ich tu dir kein Unrecht.“ Und man muss hinzufügen: „Du bekommst, was vereinbart ist. So nimm dein Geld und verschwinde.“

Aber der entscheidende Punkt ist nicht der, dass der Herr mit seinem Geld machen kann, was er will, sondern das Gleichnis schließt mit einer der vielen Fragen Jesu, die er in seinen Gleichnissen immer wieder stellt.

„Bist du“, fragt er mit den Worten des Gutsherrn, „böse aus Neid, weil ich gütig bin?“
Das ist das Ende des Gleichnisses, und es verlangt eine Antwort bei jedem Hörer, wie er fühlt, wie er sein möchte.

Man kann sich auf den Standpunkt von Recht und Ordnung stellen, aber die Welt bleibt bei diesem Standpunkt nicht in Recht und Ordnung. Sie geht zugrunde an dem Übermaß der menschlichen Not.
Man wird dann sehr bald eine Tragödie erleben: Die Menschen, die nur die Ordnung sehen, scheitern an ihren eigenen Grenzen, die sie hindern, gütig zu sein. Sie scheitern an der Unfähigkeit, Verstehen zu üben. Ihre erste Frage ist immer: „Was ist notwendig nach Recht und Ordnung?“ und niemals: „Was braucht der andere?“.

Es geht noch einen Schritt weiter. Wir sagen, dass die Güte und die Liebe das Gesetz erfüllen. Das mag richtig sein, aber sie zerstören auch das Gesetz, sie überschreiten es nicht nur. Sie machen das mosaische Gesetz überflüssig. Sie heben es auf. Jesus hielt sich nicht an die vielen Vorschriften des mosaischen Gesetzes. Und all die Menschen, die aus Angst die Enge brauchen, müssen daran Anstoß nehmen, keine Frage. Man kann Gesetze überschreiten durch Willkür und zerstören; man kann aber Gesetze auch zerstören aus Liebe, und das ist das Seltenste und vielleicht am schwersten zu Verstehende. Es wird später in Jerusalem der einzig wirkliche Anklagepunkt gegen Jesus: Er bringt das ganze Land durcheinander, von Galiläa angefangen bis hierher.

Vielleicht war es das größte aller Wunder Jesu, dass nach seinem Tode sein Geist aus seinen Jüngern, geborenen Angsthasen, mutige Menschen machte, gläubige, die Zeugnis ablegten. Dass das angestammte mosaische Gesetz immer wieder übertreten wurde, nicht aus Willkür, sondern weil es nicht mehr dem Menschen diente. Nicht mehr fragt, was braucht der Mensch für sein Leben. Jedenfalls: Die Jünger überlieferten dieses Gleichnis einer grenzenlosen Güte und behaupteten damit, der maßgebliche Maßstab für Jesus und für sie ist: zu sehen, was Menschen nötig haben und wie ihnen zu helfen ist.