Predigt zum 24. Sonntag im Jahreskreis 2016

P. Ambrosius Leidinger OSB, 11. September 2016 in St. Elisabeth, Nienburg

Meine lieben Schwestern und Brüder,

Das Gleichnis vom „Verlorenen Sohn“ gehört gleichsam zum Urgestein dessen, was Jesus uns von Gott sagen will.
Hier wird in ganz eindringlicher Weise beschrieben, wie Gott mit uns umgeht, auch wenn wir schuldig geworden sind, und auch, wie wir miteinander umgehen sollen, damit wir nicht aneinander schuldig werden.

Nun kann man dieses Gleichnis von den verschiedenen handelnden Personen aus betrachten. Wir sind gewohnt, unser Augenmerk auf den „Verlorenen Sohn“ zu richten und folgen damit der Sichtweise Martin Luthers, der seine Lebens- und Glaubensgeschichte im Lebensweg des „Verlorenen Sohnes“ erkannte / und seine Umkehr und die Gnade des Vaters in den Vordergrund rückte. In anderen Sprachen aber ist dieses Gleichnis mit „der barmherzige Vater“ überschrieben.
Ich habe die hier geschilderte Szene oft von Jugendlichen in einem Rollenspiel nachspielen lassen. Die Jugendlichen mussten sich also in die Personen hineindenken, um nachzufühlen, wie sie fühlen und reagieren, was sich zwischen dem Vater und den beiden Söhnen auf der Beziehungsebene entwickelte.

Für uns alle immer wieder Überraschendes ergab sich.

Da ist zunächst die Zentralfigur: der Vater. Seine Söhne verstehen ihn nicht. So ein tolles Verhältnis untereinander kann nicht bestanden haben. Irgendwie spüren wir eine Entfremdung zwischen allen dreien.

Der jüngere Sohn will sich emanzipieren, absetzen. Er sucht das Leben und die Freiheit fern vom Vater. Vielleicht fühlt er sich vom übermächtigen Vater erdrückt.

Auf die religiöse Ebene übertragen: viele meinen, die vielen Gebote und Verbote der Kirche lassen sie nicht mehr frei atmen. Deswegen gehen sie zu Gott und Kirche und deren Moralvorstellungen auf Abstand.

Der Vater nun macht dem jüngeren Sohn keine Vorhaltungen, erhebt keine Einwände, gibt ihm keine guten Ratschläge mit auf den Weg. Er erhält sein Erbe, und der Vater lässt ihn einfach gehen, ohne mit ihm zu ringen und zu überzeugen, doch zu bleiben.

Auch der brave ältere Sohn ist dem Vater innerlich fern. Er meint, er müsse sich die Liebe des Vaters verdienen, durch rechtes Verhalten, durch Tüchtigkeit. Auch dieses Missverständnis kommt bei vielen Christen vor; es wurde früher auch gepredigt. Nur wer die Gebote hält, ist ein guter Christ.

Nun, beim Rollenspiel kam heraus, dass das Verhalten der beiden Söhne, so unterschiedlich sie auch sind, gut nachvollziehbar ist. In sie konnten sich die Jugendlichen ohne Schwierigkeiten hineinversetzen.
Nur das Verhalten des Vaters löste eine große Irritation aus.

Die Jugendlichen sagten: „Der handelt nicht normal“.

Unnormal schien, dass die beiden Söhne auf der einen Seite und der Vater auf der anderen auf unterschiedlichen Ebenen miteinander sprachen und es so zu Missverständnissen, ja zu Unverständnis kommen musste.
Der Vater bewegt sich stets auf der Ebene der Person, die Söhne bewegen sich auf der Sachebene. Sie argumentieren:
Der Jüngere: das Erbe steht mir zu. Als er schließlich zurückkehrte, überlegte er, wie er seinem Vater eine Brücke bauen konnte, damit er ihn wieder bei sich aufnehmen würde. Er legte sich eine Entschuldigung zurecht. Wir hätten es auch so gemacht: „Ich habe gesündigt, gegen dich, gegen den Himmel. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner.“

Aber, und das ist das Fatale, gerade das, was für den Vater das Entscheidende ist, das Sohnsein, will der Sohn aufgeben. Er hat nichts kapiert. Er ist bei der Rückkehr vom Vater innerlich weiter entfernt denn je.

Der Rechtfertigungsversuch und das Schuldeingeständnis des Sohnes wird vom Vater überhaupt nicht angehört. Der jüngere Sohn wird in seinem Verlangen, erklären zu wollen – das ist doch wohl verständlich – von Vater überhaupt nicht ernst genommen. Vielmehr: Der Vater eilt ihm entgegen, umarmt und küsst ihn. Es wird ein Fest gefeiert.

Der ältere Sohn rechnet auf: „So viele Jahre diene ich dir schon. Nie wurde mir ein solches Fest bereitet, obwohl ich nie gegen deinen Willen gehandelt habe“. Auch hier: der Vater geht auf sein Lohn- und Leistungsdenken überhaupt nicht ein: „Mein Kind, du bist immer bei mir, und alles, was mein ist, ist auch dein“.

Der Vater antwortet stets: „Mein Sohn, mein Kind“. Er fordert von den Söhnen nichts. Keine Argumente, keine Rechtfertigung, keine Leistung. Nichts.

Das wurde von den Jugendlichen als „unnormal“, als nicht nachvollziehbar empfunden. Es übersteigt ja auch tatsächlich unsere normale Erfahrung mit Menschen.

Auf die theologische Ebene gehoben, bedeutet das: Gottes Erbarmen geht über unseren Erfassungshorizont.
Jesus will sagen: Wir brauchen Gott keine Vorleistungen zu bringen.

Hier hat auch der Konflikt Jesu mit den Pharisäern seinen Sitz im Leben. Die Pharisäer waren fromme ernsthafte Leute, die Gottes Gebote wirklich ernst nahmen. Sie waren keine sturen Unmenschen, zu denen sie manchmal in den Evangelien abgestempelt wurden. Sie strengten sich an, um des Erbarmens Gottes würdig zu werden. Aus dieser Haltung heraus konnten sie Jesus nicht verstehen und mussten ihn zur Rede stellen.

Der springende Punkt war: Sie hatten sich nicht darüber geärgert, dass er den Zöllnern und Dirnen Vergebung verhieß – dafür beteten sie auch - , sondern darüber, dass er sagte, Gott verlange nichts dafür. Das fanden sie Gottes unwürdig. Wir wissen, wie scharf Jesus dagegen protestierte.

Der Vater kennt nur die Liebe zu seinen Söhnen. So ist Gott. Warum? Es gibt keine Gründe dafür. Er ist so. Der barmherzige Vater ist der heilige Gott der unbegreiflichen Liebe.
Der hl. Benedikt schreibt in seiner Klosterregel einen sehr bedeutsamen Satz als letzten Punkt einer sehr langen Aufzählung von Weisungen.

In der ganzen Tradition heißt es: Wir sollen auf Gottes Barmherzigkeit vertrauen.
Benedikt aber schreibt: „Wir sollen an Gottes Barmherzigkeit niemals verzweifeln“ (RB 4). Benedikt geht davon aus, dass es im Leben Situationen gibt, da wir von Gottes Barmherzigkeit nichts mehr erkennen und spüren, dass wir an Gott verzweifeln können,

dass wir wie die Söhne neben dem Vater stehen und innerlich nicht zusammenkommen. Im Gleichnis gibt es ja kein wirkliche Happy End.

Aber, und das ist der Trost und die Verheißung des Evangeliums, nur wenn wir uns immer wieder in Gottes Barmherzigkeit versenken und von ihr berühren lassen, kann auch unser Herz größer und barmherziger werden. Amen.