Predigt zum 24. Sonntag im Jahreskreis 2016

P. Johannes Naton OSB, 11. September 2016 in der Stiftskirche Neuburg

Lesungen: Exodus 32,7-14; Lukas 15,1-32;

Liebe Schwestern und Brüder,

wir haben eben das Gleichnis von Vater und Sohn aus dem Lukas-Evangelium gehört, und vorhin war aus dem Buch Exodus vom Volk Gottes die Rede, das sich von Gott abwendet und in die Irre geht. Offenbar ähnliche Geschichten, Schuld und Sühne, Umkehr und Vergebung, mit je kleinen Varianten: Das Volk ähnelt dem Sohn, beide gehen falsche Wege. Der gute Vater gleicht Jahwe, beide werden verlassen und sorgen sich um die Kinder. Nur dass im AT der Vater von Mose beschwichtigt und zur Versöhnung überredet werden muss, während im NT der Vater den älteren Bruder zur Liebe ermahnt. In beiden Fällen aber könnte man sich einig werden: Vom Vater weggehen ist eine Sünde, die es zu meiden gilt. Aber wer das für die Moral des Gleichnisses hält, ist auf dem Holzweg, denn die Geschichte vom verlorenen Sohn hat eine ganz andere Pointe als die Exodus-Erzählung, sie ist keine Schuldgeschichte. Weil wir aber quasi als Overtüre die Schuldgeschichte Israels vernehmen, sind wir geneigt, auch den verlorenen Sohn als einen Sünder zu sehen, dem unverdiente Barmherzigkeit widerfährt. Die heutige Auswahl der Leseordnung ist da meines Erachtens recht unglücklich. Doch sehen wir genau hin:

Das Volk in der Wüste sündigt. Es bricht den Bund und verstößt gegen das Gebot seines Gottes. Nur dem einen Gott zu huldigen. Es wendet sich von dem Befreiergott ab und den Götzen der anderen Völker zu. Davor hatte Jahwe gewarnt und fast flehentlich das Volk an sich binden wollen. Nun will er strafen, doch Mose kann ihn beschwichtigen. So wird dem Volk seine Verirrung doch noch vergeben, es kommt zur Erneuerung des Bundes.

Was aber ist mit dem Sohn bei Lukas? Er ist kein Sünder, der Fortgang des Jungen ist nicht schuldhaft. Die Einforderung der Erbsumme und das Ausziehen von Zuhause geschah nach geltendem Recht und Gesetz. Der Sohn gliedert sich aus dem Sippenverband aus. Er erhält nicht etwa ein Darlehen, sondern seinen Besitz ausgehändigt. Allerdings darf er auch ab sofort von seiner Familie weder Fördermittel noch Schutzleistungen erwarten. Der Vater wiederum ist im Evangelium offenbar nicht verärgert über den Auszug des Sohnes, er drängt ihn nicht, zu bleiben, er schimpft nicht, die Trennung verläuft reibungslos.
Und doch spricht der Sohn bei der Rückkehr davon, ein Sünder zu sein, der nicht mehr Sohn sein darf. Man könnte das auf den unseriösen Lebenswandel, das Prassen und Zechen beziehen. Aber der Verlust der Sohnschaft hatte damit nichts zu tun, er war keine Strafe, sondern Folge eines Rechtsaktes: Der junge Mann hatte sich aus der Familie ausgeklinkt, er WOLLTE NICHT MEHR SOHN SEIN und wäre es auch dann nicht mehr, wenn er in der Fremde nur Gutes getan hätte. Von der Sünde des Prassens hätte er, wenn er noch Sohn gewesen wäre, nach entsprechender Reue vom Vater freigesprochen werden können. Aber der Vater selbst spricht ja beim Wiedersehen gar nicht von den bösen Taten und will von Wiedergutmachung durch Tagelöhnerdienste nichts wissen.

Langer Rede kurzer Sinn: Es geht in diesem Gleichnis nicht um Schuld und Vergebung. Aber um Sünde geht es schon. SÜNDE IM WORTSINNE: Ein Sund trennt zwei Landmassen voneinander, Sünde ist eigentlich eine Beziehungsbeschreibung: Hier haben sich zwei verloren. Nicht zufällig hat Lukas diesem Gleichnis die Geschichte der Drachmen vorangestellt. Die verlorene Drachme ist nicht schuldig. Thema ist die Sehnsucht der Frau nach ihrem Geld, die schier unvernünftige Mühe beim Suchen und Freude nach dem Finden angesichts einer läppischen Kleinmünze. Gott ist so wie diese Frau, und die Frau ist so wie der gute Vater. Der Sohn ist nicht wie ein verlogener Pharisäer oder ein korrupter Zöllner, sondern er ist ein Verlorener. Ein Sund , eine für ihn selbst unüberbrückbare Kluft ist zwischen ihn und den Vater geraten. Sogesehen ist er doch der Prototyp aller Sünder. Ein Mensch, der nichts mehr von Gott weiß oder sich nicht mehr nach Gott sehnt, lebt in Sünde, obwohl er vielleicht Gutes tut und die Wahrheit sagt. Er handelt nicht böse, aber ihm fehlt etwas. Und zwar das Entscheidende, der Ursprung und der Halt. In der Folge kann böses Denken oder Handeln aus dieser Trennung folgen, doch das wären nur die Symptome einer tiefer sitzenden Krankheit.

Jesus wirbt immer wieder darum, die Beziehung zu Gott nicht am Buchstaben des Gesetzes, sondern an der Liebe festzumachen. Gott will nicht ohne Menschen sein, der Mensch kann nicht ohne Gott sein.

Der Sohn hatte in der Fremde lernen müssen, dass er ohne den Vater nicht glücklich wird. Auch ohne Spielsucht und Hurerei wäre er früher oder später gescheitert.

Der Vater hatte gewußt, dass er das Herz des Sohnes nicht durch Zwang oder Zorn an sich binden kann, er mußte und wollte ihn in die Freiheit entlassen. Die Sünde des Fortgehens war hier also keine Schuld im klassischen Sinne, sie war das, wovon das Exultet in der Osternacht singt: FELIX CULPA, glückliche Schuld! Denn diese Emanzipation des Sohnes führt zu der Erkenntnis, die erst ein glückliches Leben ermöglicht: Ohne Gott geht es nicht!

Wie aber erkenne ich das, wenn ich nie fortgehe?

Beachten Sie den älteren Bruder: Er ist der Miesepeter im Evangelium, obwohl er eigentlich für Gehorsam und Treue steht. Aber da stimmt etwas nicht. Man spürt da etwas bei den klagenden Worten des Älteren, das nicht behagen will. Und beim wiederholten Lesen findet es sich: Der ältere Sohn klagt: Nie hast Du Vater mir auch nur eine Ziege für ein Schlachtfest gegeben. Und der Vater sagt: Alles was mein ist, ist dein! Nur einer von beiden kann recht haben. So wie es aussieht, hat der Ältere niemals darum gebeten, ein Fest feiern zu dürfen. Er hat die Sohnschaft nur als knechtische Arbeit für den Vater aufgefasst, nicht aber als Teilhabe am Reichtum. So hat er auch für den Ausbrecherbruder nur Neid und Zorn übrig. Der ältere Bruder, obwohl so nah beim Vater, lebt ebenfalls in Sünde: Er war nie imstande, die Herzensnähe des Vaters zu verkosten und als Quelle der Freiheit zu erfahren, lieber wollte er in Unfreiheit bleiben und mir Argwohn den Freigänger beobachten und dessen Scheitern genießen. Der jüngere Sohn im Schweinemist war dem Vater näher als der ältere im eigenen Haus.

Was folgt für uns daraus, wenn wir dieses Gleichnis nicht als Schuldgesc hichte, sondern als Beziehungsgeschichte lesen? Zunächst eine unbequeme: Wir müssten die eigene Position neu bestimmen. Wie gut kenne ich meinen Gott und Vater? Habe ich meine Glaubensbeziehung zu Gott bisher als Reichtum oder als Last und Eingrenzung verstanden? Wann habe ich das letzte mal eine Reifung meines Glaubens erlebt, bin von einer kindlich-abhängigen zu einer erwachsenen, freien Gottesliebe vorangeschritten? Und wann bin ich wie der ältere Bruder voller Eifersucht auf die Ungläubigen oder Kirchenfernen, deren Freiheitsdrang mich provoziert?

Aber es gibt ja auch die große Erleichterung: All jene Eltern und Großeltern, die leiden, weil Kinder oder Enkel nicht mehr an Kirche interessiert sind, von Gott nichts wissen wollen oder unselige Lebenswege beschreiten, all jene, die sich Vorwürfe machen, dass sie schuldig sein könnten am Irrweg der Kinder, sie können aufatmen. Grundsätzlich liegt das nicht an Euch! Das kommt in den besten Familien vor, selbst bei dem barmherzigen Vater. Die Gottesbeziehung kann nicht pädagogisch verordnet werden, das Kind nicht sozusagen zu gutem Christsein überredet oder geformt werden. Irgendwann muss der Tag kommen, an dem ein Mensch sein kindliches Ja zu Gott in ein erwachsenes JA wandelt. Und das geschieht oft auf so weiten und krummen Wegen wie in diesem Gleichnis. Wer so in Sorge um die Jugend ist, der mache es nicht wie der ältere Sohn und werde zum bigotten Grandler. Man nehme lieber Maß am barmherzigen Vater, der nicht klammert und nicht nachhakt, aber immer erwartungsvoll das Fenster Ausschau hält.

Beten wir immer wieder für die, um die wir uns Sorgen machen, dass sie den Weg finden, den Gott für sie geplant hat. Und beten wir, dass die Kollateralschäden eines solchen Suchweges nicht zu groß sein mögen, dass nicht zuviele Tränen fließen müssen, bis sich alles fügt. Aber geben wir niemals einen Menschen auf.

Es mag sein, dass heute besonders viele Christen fremdgehen und nicht die Nähe Jesu Christi suchen sondern sich in oberflächlichen Konsum oder extreme Ideologien verrennen. Das könnte damit zusammenhängen, dass man bei uns solche frohen Vater-Sohn-Glaubensfeste fast nie erlebt, dafür aber oft mit griesgrämigen Glaubensgeschwistern zu tun hat, deren Gottesbeziehung so langweilig und freudlos erscheint, dass man eigentlich nur weglaufen möchte. Da bin ich gefragt.
Mal bin ich selbst mehr wie der Ältere, mal mehr wie der Jüngere. Der Gott Jesu Christi aber ist immer wie der Vater, der sich danach sehnt, seine Kinder glücklich zu sehen. Frohe Botschaft Jesu Christi, Amen.