Predigt zum 23. Sonntag im Jahreskreis 2017

P. Johannes Naton OSB, 10.09.2017 in der Stiftskirche

(Römer 13, 8ff.; Matthäus 18,15ff.)

Liebe Schwestern und Brüder!

Der Besitzer des metallic-grünen Sportwagens mit Münchner Kennzeichen und schwarzen Felgen ist ein schlechter Mensch. Er ist aggressiv, rücksichtslos und arrogant und hat keine Ahnung von der deutschen Straßenverkehrsordnung. Denn der Mann war mir neulich im Stadtverkehr nicht nur sehr dicht aufgefahren, sondern hat mir dann auch noch den Vogel gezeigt. Eine Unverschämtheit, die ich mir nicht bieten lassen muss, das wird jeder einsehen. Dem hätte ich, wenn wir ins Gespräch gekommen wären, ein paar deutliche Takte zu sagen gehabt. Solche Leute kenne ich, die brauchen eine deutliche Ansage, sonst verstehen die nichts!

Alle diese Gedanken jagten mir damals im Bruchteil eine Sekunde durch den Kopf, sie kämpften sich mit einiger Mühe aus den Sphären des Unterbewussten in jenen Bereich des Gehirns, wo ich zu bewusster Reflexion im Stande bin. Und siehe da, wenig später war von dem meinem gerechten Zorn nicht mehr viel übrig. Denn mir dämmerte, dass mein eigenes Fahrverhalten nicht ganz unschuldig an dem Manöver des Hintermannes gewesen war. Offen gesagt, ich hatte ihm die Vorfahrt genommen, naja, nur ein bißchen und nicht absichtlich, aber doch voll verantwortlich. Die Geste des anderen Fahrers mag unfreundlich und ein wenig grob gewesen sein, aber sie brachte die Situation auf den Punkt: Mein Fahrverhalten war nicht gerade klug gewesen, ich hatte eine Gefahr verursacht, die der andere durch gute Reaktion entschärfen mußte. Der Fahrer des Sportwagens war also durchaus kein böser Mensch, er hatte in der Sache Recht.
Und dennoch – dass er mir den Vogel zeigte, hatte mich beleidigt. Das ist ein ganz normaler Reflex. Eine Zurechtweisung hinzunehmen, das ist schwer. Wir Menschen reagieren darauf selten mit Nachdenklichkeit oder Einsicht, sondern lieber mit Ausflüchten oder gar mit Gegenangriffen. Es bricht mir zwar eigentlich kein Zacken aus der Krone, wenn ich dem, der meinen Fahrstil kritisiert, sagen würde „Da haben Sie durchaus recht, ich bitte um Entschuldigung!“ Doch viel leichter ist es zu sagen: „Sie fahren doch selbst wie ein Berserker!“ oder „Ja, ich habe Ihnen die Vorfahrt genommen, aber ich hatte auch eine schwere Jugend.“ Was im Fall eines folgenlosen Fahrfehlers belanglos erscheint, bekommt im menschlichen Alltag allzu oft eine dramatische Dimension: Die Unfähigkeit, Kritik vernünftig zu äußern oder einzustecken, kann für eine Ehe, eine Familie oder eine Gemeinde sehr giftig werden. Viele zerbrochene Beziehungen sind daran gescheitert. Darum sollte das Erlernen einer guten Konfliktkultur zu einer christlichen Erziehung unbedingt dazugehören. Und siehe da, die Bibel erweist sich dabei als sehr wirklichkeitsnaher und pragmatischer Ratgeber. Jesus selbst gibt die notwendigen Erläuterungen.
Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht.

Ganz einfach: Jeden Streit erst einmal diskret mit dem Betroffenen klären! Das ist aber leichter gesagt als getan. Ich kenne keine Statistiken dazu, würde aber doch schätzen, dass wir in 9 von 10 Fällen die Fehler eines MItmenschen nicht mit ihm selbst, sondern hinter seinem Rücken mit Dritten besprechen: Schon gehört? Der Sowieso ist wieder zu spät gekommen. Die Dingens hat mich schon wieder nicht gegrüßt. Und so weiter… Es gehört viel guter Wille dazu, auf Tratsch zu verzichten und diskret das Konfliktgespräch zu suchen. Jesus aber will, dass dies der ERSTE unserer Schritte sei. Und wenn das sachliche Gespräch unter 4 Augen nicht gelingt? Dann soll man es im kleinen Kreis erörtern und noch einmal versuchen. Das klingt bei Jesus sehr amtlich:

Hört er aber nicht auf dich, dann nimm einen oder zwei Männer mit, denn jede Sache muss durch die Aussage von zwei oder drei Zeugen entschieden werden.

Hier nimmt Jesus die damalige Rechtspraxis auf. Ein Streit in der Gemeinde soll ebenso seriös verhandelt werden wie ein Gerichtsverfahren. Das bedeutet aber auch, dass der von mir Kritisierte ein Recht auf Verteidigung hat und die von mir hinzugezogenen Helfer keine voreingenommenen Parteigänger, sondern seriöse Zeugen sein sollen. MÄNNER waren es in der damaligen jüdischen Rechtsprechung. Für die alltägliche Praxis ist das Geschlecht der Zeugen natürlich ganz unwichtig. Aber die quasi juristische Formulierung Jesu macht klar: Auch Konflikte in Familie und Gemeinde haben sich an geltenden Normen zu orientieren und vertragen keine Willkür. Dann kommt ein scheinbar hartes Wort von Jesus:

Hört er aber auch auf die Gemeinde nicht, dann sei er für dich wie ein Heide oder ein Zöllner.

Das heißt für den Konfliktfall: Irgendwann ist es auch mal gut. Wenn kein Einsehen da ist, dann muss eben solange eine Maßregelung getroffen werden, bis der erwiesenermaßen Schuldige sein Verhalten ändert. Das scheint im Gegensatz zu stehen zu anderen Worten Jesu, wo es heißt, dass wir unseren Brüdern und Schwestern immer wieder vergeben sollen, und zwar nicht nur sieben mal sondern siebenundsiebzig mal. Aber da spricht Jesus ja von solchen Sündern, die eben um Vergebung bitten, nicht von jenen, die auf ihrem Standpunkt beharren. Für eine Gemeinde oder Gemeinschaft wie auch für eine Freundschaft oder Ehe muss es aber einen Rahmen geben, der Recht und Unrecht unterscheiden lässt. Aber das ist ohne Krach kaum zu haben.

Ein evangelischer Pastor hat einmal seine Konfirmanden im Unterricht gefragt, bei wem denn gerade zuhause Krach wäre. Darauf gingen ganz viele Hände nach oben. Da meint der Pastor, dann stelle ich lieber die Gegenfrage: Bei wem ist KEIN KRACH zuhause? Ein einziger Jugendlicher zeigt auf. Der Pastor fragt: Wie schaffst Du das, dass bei Dir daheim kein Krach ist? Der Junge antwortet: Naja, ich wohne alleine!

Da wurde deutlich: Wo zwei oder drei in menschlicher Gemeinschaft zusammen sind, ist Hader mitten unter ihnen. Das ist keine Katastrophe, sondern der Normalzustand sozialen Lebens. Daher ist eine gesunde Streit- und Versöhnungskultur unverzichtbar. Darum könnte die Christenheit einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Klimaverbesserung leisten, wenn sie die heutigen Bibelworte ernst nimmt und umsetzt. Denn was genau wird hier über Zurechtweisung gesagt?

1) Beim Streit sind wir Geschwister. Es gibt kein Oben und Unten, nicht Richter und Angeklagte, sondern Brüder und Schwestern.
2) Diskretion tut Not: Unter 4 Augen löse man das Problem.
3) Es geht um ZuRechtWeisung, nicht Demütigung. Meine Zurechtweisung sollte bei aller Wut trotzdem weise sein und dem anderen gerecht werden.
4) Und wenn es um wichtige Dinge geht, dann hole andere dazu, aber der Betroffene ist dabei.
5) Zum Zöllner und Sünder werde keiner durch Gerüchte und Intrigen, sondern allenfalls nach Anhörung aller Betroffenen und besonnenem Urteil.
6) Paulus hängt über alles das die entscheidende Überschrift: DIE LIEBE SCHULDET IHR EINANDER IMMER! Und ein Ergebnis der geschuldeten Liebe müsste sein, dass ich niemanden in einer Weise kritisieren sollte, die ich selbst nicht ertragen möchte.

Denken wir also ab und zu über unsere eigene Kunst des Kritisierens nach und vergleichen sie mit unserer Kunst des Kritikannehmens. Und wenn uns da ein Ungleichgewicht auffällt, sollten wir mit der Selbstzurechtweisung beginnen, bevor unsere Schwestern und Brüder uns diese Last abnehmen. Ob im Straßenverkehr, in der Firma, in der Kirche oder in der Familie: Nicht das Ignorieren von Konflikten, sondern das Bearbeiten der Konflikte ist gefordert. Dann kann Spaltung vermieden und Liebe gewonnen werden. So gewinnt man Brüder und Schwestern zurück, und nur das sollte unser Ziel sein. Das ist auch eine Glaubensfrage: In unserem Glaubensbekenntnis finden wir nicht die Aussage ICH GLAUBE AN DIE EWIGE HÖLLENSTRAFE FÜR MEINE WIDERSACHER, es heißt vielmehr darin: ICH GLAUBE AN DIE VERGEBUNG DER SÜNDEN! Diesen Glauben sollte man uns Christen ruhig anmerken können.

Amen.