Predigt zum 23. Sonntag im Jahreskreis 2016

P. Johannes Naton OSB, 11. September 2016 in Ziegelhausen

Lesungen: Weisheit 9,13-19; Lukas 14,25-33;

Liebe Schwestern und Brüder,

Kennen Sie das Problem, beim Beten nicht die richtige Konzentration zu finden? Man möchte gerne in der Bibel lesen, aber die Gedanken schweifen ab. Man will gern während der Predigt genau zuhören, aber die Alltagssorgen blockieren das Gehirn.

Man will gern bei der Wandlung ganz andächtig und still auf Gott schauen, und doch gehen einem alte Streitigkeiten oder unerledigte Arbeiten durch den Sinn.

Dieses Problem ist beim Beichten ein Dauerbrenner. Nicht, dass das Beichten ein Dauerbrenner wäre, die Beichtstühle sind nicht überlaufen. Aber ausgestorben ist das Sakrament noch lange nicht, und viele, die es nutzen, erzählen, dass ihr Konzentrationsmangel bei Messe und Gebet sie belastet.
Gut so, darüber sollte man reden. Denn es ist gar nicht schlimm, es ist eigentlich keine Sünde, sondern nur ein Irrtum. Der Irrtum ist, dass das Beten eine Kopfsache wäre. Wie in der Schule, wo man aufpasst, weil jederzeit der Lehrer abfragen könnte, was eben das Thema war.

Aber der Kopf und Verstand sind nur ein Teil unseres menschlichen Wesens. Wir sind auch Leib, haben Fleisch und Blut und viele Sinne. Die Bibel kennt seit jeher viele Gebetsformen. Das Aufsagen von Texten oder das Lesen frommer Bücher ist nur eine von vielen Möglichkeiten. Die Antike wußte von der Körperlichkeit des Menschen. Das Niederknien, das Hände-Erheben, das sich zu Boden werfen, das bewußte Stehen in den Vorhöfen des Tempels, das ist vor allem eine Körpersprache. Dann die Wallfahrt, das Pilgern zu einem Heiligen Ort. Der Tanz vor Gott im Heiligtum...alles das galt und gilt als Gebet.

Wir neuzeitlichen Menschen sind geneigt, zu sagen: Wenn der Verstand nicht dabei ist, dann ist das kein ehrliches Gebet, sondern Schauspiel. Aber das ist nur dann der Fall, wenn ich bewusst anderen etwas vorspiele, was mein Herz eigentlich nicht will.

Mein Verstand will oft nicht so, wie mein Herz will. Ich neige dazu, meinen Verstand zu überschätzen. Ich halte mich für klug, aber in Wirklichkeit wird nichts so schnell müde wie mein Verstand. Er ist ablenkbar, er ist manipulierbar, er spielt sich auf und fällt auf sich selbst hinein.
Gehe ich mit dem festen Vorsatz in die Messe, jedes Wort genau zu hören und zu bedenken, wird es mit Sicherheit schiefgehen.

Sollte man es lassen, wenn der Kopf nicht frei ist? Wegbleiben, wenn das Herz sich sträubt?

Nun ja, wenn Gottesdienst ein einseitiger Service ist, in dem ich mich von Gott bedienen lasse und ein Bedürfnis stille, ist es nur konsequent, wegzubleiben, wenn mir nicht danach ist. Jedes Jahr zweimal zur Kirche zu gehen, ist auch eine Form von Regelmäßigkeit. Und angeblich gehen ja viele zum Beten in den Wald, da muss also jetzt ganz schön was los sein.

Aber Gottesdienst ist eben auch der Dienst der Erlösten für Gott und seine Kirche. Jeder Beter wird gebraucht. Natürlich ist es schöner, wenn ich zur Sonntagsmesse gehe und dort viele Brüder und Schwestern treffe. Natürlich wird es für Kinder angenehmer, zur Kirche zu gehen, wenn die Freunde auch kommen. Natürlich ist es für die Alten ein Trost, wenn viele junge Leute zur Kirche gehen. Mein pures Dasein ist schon ein Dienst und ein Freudengeschenk für die anderen. Auch wenn in meinem Herzen nur Lähmung und Leere herrscht. Jetzt kommt eine Möglichkeit, dem eigenen Kopf ein Schnippchen zu schlagen. Geben Sie ihm einfach Urlaub! Wenn der Kopf noch mit einem alten Streit oder der Vorfreude auf ein anstehendes Fest beschäftigt ist, dann lassen Sie ihn. Sagen Sie Ihrem Verstand, als wäre es ein Bruder oder Freund: Denk was du willst, ich geh mit meinem Leib dorthin. Nach der Messe sprechen wir uns wieder.

Und dann legen Sie diese Grübeleien und Gedankenspiele mit in den Kollektenkorb, so wie Sie Gott diese Stunde schenken, als Opfer, eine Stunde der Lebenszeit, die Gott Ihnen geschenkt hat.

Und wenn Sie doch das Gewissen quält, Ihre Unaufmerksamkeit könnte Gott beleidigen, dann haben Sie ein Lossprechwort kurz vor dem Kommunion-Empfang: Herr ich bin nicht würdig...

Wenn Sie diesen einen Satz mit ehrlichem Bewußtsein sprechen, dann sind Sie auch zum Kommunion-Empfang würdig.

Und wenn Sie Sorge haben sollten, dass der Kirchenbesuch nutzlos sei, weil Sie wissen, dass der Prediger ein Narr und der Kirchenchor eine Zumutung ist, dann müssen Sie sich entscheiden, ob Sie Christ sind oder Theaterabonent. Als Christ können Sie selbst die Qualität jedes Gottesdienstes aufwerten, durch Ihren Gesang und Ihr Gebet. Gehen Sie FÜR ANDERE, nehmen Sie in Gedanken einen oder zwei Menschen, um die Sie sich Sorgen machen, mit in die Kirche. Sie haben zwei Schultern, stellen Sie sich vor auf der einen sitzt ihre kranke Tante und auf der anderen ein arbeitsloser Freund. Beide halten Sie in der Kirche einfach Gott hin und bitten für diese um Gottes Zuwendung. Schenken Sie so den beiden und Gott etwas Zeit, in der Gutes geschehen kann.

So einfach ist es, auch ohne Grübeln und immerwährende Aufmerksamkeit ein guter Kirchgänger zu sein. Solche praktischen Vollzüge gehen ja auch mitten im Alltag. Wenn Sie mit dem Auto im Stau stehen, oder im Wartezimmer des Zahnarztes sitzen, wenn Sie auf den Bus oder Zug warten, der Verspätung hat, oder wenn an der Fleischertheke der Kunde vor Ihnen kein Ende findet:
Wie wäre es mit einem kleinen Atem-Stoßgebet? Bei jedem Einatmen denken Sie still: Jesus, mein Herr. Und beim Ausatmen: Erbarme Dich! Oder Sie denken dabei an jemand anderes. Jesu, meine Kinder. Segne sie. Jesus, meine Mutter: Heile sie. Jesu, die Flüchtlinge. Beschütze sie.

Schon wird eine scheinbar verlorene Zeit ohne große Konzentration zu einem heiligen Moment.

Das ist keine Nebensache. Das ist eine notwendige Übung, wenn auf Dauer unser Glaube überleben soll. Denn in jedem von uns, die wir uns zu Jesus bekennen, gibt es nicht nur die begeisterte, gläubige und fromme Seite. In uns steckt auch immer schon der Widerspruch, die Lustlosigkeit, die Sehnsucht danach, von Gott in Ruhe gelassen zu werden. Das sind die 20.000 Mann des feindlichen Königs, von denen ich wissen muss, ob ich sie mit meinen 10000 Mann besiegen kann! Und da sind wir beim Evangelium gelandet. Wer sich zur Nachfolge entschließt, wer Christ sein und bleiben wil, der muss mit einem Gegner rechnen, in sich selbst. Jesus ruft uns nicht zum Krieg gegen andere auf. Er fordert Selbsterkenntnis und Umkehr. Wir werden die träge Seite in uns nie ganz los, auch die Heiligsten Menschen nicht, gerade diese wußten besonders um die eigenen Schattenseiten.

Die mangelnde Konzentration, die Lustlosigkeit oder Lähmung ist ein alter Trick der inneren feindlichen Armee, für die unser Kopf am anfälligsten ist. Darum sollten wir uns einige Varianten des Körpergebets aneignen, damit wir diesem unbeständigen Gesellen namens Verstand ab und zu ziehen lassen und dennoch Gott die Treue und Ehre erweisen können.

Und wenn ein ganzer Tag mir misslingt und ich am Abend nichts weiß, was ich ins Tagebuch unter der Rubrik Heldentat verzeichnen könnte, so genügte ein Stoßgebet zum Himmel für einen Menschen, dem es schlecht geht, und der Tag ist zum Sonntag geworden. Jesus traut uns das zu. Wir sind dazu nicht verdonnert. Aber wir sind gefragt. Jeder von uns. Amen.