Predigt zum 22. Sonntag im Jahreskreis 2017

P. Johannes Naton OSB, 3. August 2017 in der St. Theresa, Ziegelhausen

Eine gutkatholische Bäckerin schickt ihren 6jährigen Sohn mit einem frischen Brot zum Pfarrer und schärft dem Kind ein: „Wenn der Herr Pfarrer dir öffnet, dann sagst du zuerst GELOBT SEI JESUS CHRISTUS und dann gibst du ihm das Brot!“ Der Kleine geht und klopft, Mutters Weisung eingedenk, an die Pfarrhaustür. Doch nicht der Pfarrer, sondern die Haus-hälterin öffnet. Der Junge grübelt kurz, sagt dann GEGRÜSSET SEIST DU MARIA und gibt das Brot ab.

Liebe Schwestern und Brüder, dieser Witz ist wahrlich nicht neu, aber er passt gut zum heutigen Evangelium, wenn auch nicht gleich beim ersten Hinhören. Denn die Perikope ist natürlich alles andere als lustig. Jesus kündigt sein Leiden und Sterben an, was schon ernst genug sein sollte, und dann weist er auch noch seinen Freund Petrus mit einmaliger Härte zurecht, nur weil dieser die Tötung Jesu nicht zulassen möchte. Den gut meinenden Freund als SATAN zu beschimpfen, das ist erschreckend. Warum tut Jesus das? Das können diejenigen besser verstehen, die schon letzten Sonntag in der Hl.Messe waren und das Evangelium hörten. Regelmäßiger Messgang lohnt sich. Denn da war zu hören, wie Petrus ganz vorbildlich erklärt, dass er Jesus für den Messias und Sohn Gottes hält. Darauf lobte ihn Jesus mit den Worten „Das hast Du nicht aus dir selbst, sondern der himmlische Vater hat es dir eingegeben.“ Und dann folgte noch die rätselhafte Anweisung an die Jünger, niemandem zu sagen, dass er der Messias sei.
Und nun, gleich im nächsten Vers, gibt Jesus den Jüngern eine unverzichtbare Zusatzinformation zu der Botschaft, dass er der Messias sei: DER MESSIAS MUSS LEIDEN UND VON DEN HOHEPRIESTERN DEM TODE ÜBERLIEFERT WERDEN, UM SPÄTER AUFZUERSTEHEN. Da hört plötzlich das Gottvertrauen des Petrus auf. Das soll nicht passieren, diesen Plan Gottes mit dem Tod Jesu will er verhindern. Das ist verständlich. Er steht noch am Anfang seiner Apostel-Schulung, es müssen noch viele weitere Leidensankündigungen, Gleichnisse, Wunder und Zeichen Jesu folgen, damit die Jünger die Botschaft verstehen. Vor allem aber muss der Hl. Geist gesandt werden. Erst nach dem Pfingstwunder wird die apostolische Kirchenpost abgehen und dann nicht mehr zu stoppen sein.

Das SATAN-WORT Jesu korrespondiert hier mit dem VATER-Wort zuvor. War für die erste Antwort Petri „Du bist der Sohn Gottes“ noch ganz der Himmlischen Vater verantwortlich, so ist es für diese zweite Aussage „Das darf nicht geschehen“ der teuflische Gegenspieler. Jesus weiß, dass ein unscharfer, verfälschter Messiasbegriff seine ganze Verkündigung und Erlösungsbotschaft entstellen muss und spaltende Verwirrung in die Kirche tragen wird. Daher will er, dass die Jünger mit der Messiasverkündigung keinesfalls vor Pfingsten beginnen. Erst dann, mit dem Kreuz und dem leeren Grab im Rücken, wird ihre Verkündigung einen Sinn ergeben. Andernfalls würde Jesu Botschaft immer wieder auf die Agenda eines politischen Nationalhelden reduziert werden, aus heutiger Sicht wäre das Wunschbild der Zeitgenossen Jesu eine reaktionäre Monarchie mit revanchistischen und großstaatlichen Ambitionen, jedoch ohne Barmherzigkeit, ohne Inkarnation und ohne Auferstehung.

Denn ungefähr das hätten Petrus und die anderen wohl anfangs verkünden wollen, so wie viele vor ihnen: Das leidgeplagte, besiegte und fremdregierte Volk Israel würde eben gern die ungläubigen Römer loswerden, selbst wieder zu davidischer Königsmacht aufsteigen und es dann den Feinden und Überläufern von heute so richtig zeigen. Aber in den Petrusbriefen und den paulinischen Zeugnissen werden wir einen ganz anderen Messias, einen leidenden, hingebungsvollen und versöhnenden Gottessohn vernehmen. Der hat nicht anderen das Kreuz aufgedrückt, sondern es für alle getragen. Ohne Pfingsten war diese Botschaft eine Überforderung. Daher sollten sie erst einmal nur hören und lernen. Man sollte nur verkünden, was man auch versteht. Das ist eine Binsenweisheit, die noch älter ist als der Witz, mit dem ich die Predigt begann.

Aber der Witz kann zur Brücke zwischen Petrus und uns werden. Petrus und der kleine Bäckerjunge haben ja das gleiche Problem, beide können mit dem Christusbegriff noch nichts Rechtes anfangen und sind doch gefragt. Der kleine Bäckerjunge weiß nicht, was das von der Mutter eingetrichterte Bekenntnis GELOBT SEI JESUS CHRISTUS wirklich bedeutet und macht sie zur braven Männerbegrüßung, die dann bei Damen eben anders ausfallen musste. Die Kindermund-Komik fällt zurück auf den unreflektierten Sprachgebrauch der erwachsenen Christen, bei denen das Messias-Bekenntnis so oft zur bürgerlichen Floskel verkommt.

Hier können wir uns fragen, ob unser Wissen und Gebrauch des Christus-Begriffes dem eines Kindes überlegen ist. Wieviel Mühe gebe ich mir, über den Messias nachzudenken? Hat mein Wissen über Jesus Folgen für mein Verhalten und Handeln? Wie reagiere ich, wenn Christus mit Geboten und Ansprüchen an mich herantritt, die unbequem werden? Die Petrus-Antwort NEIN DAS DARF NICHT SEIN entschlüpft uns wohl häufiger, als wir meinen. Es geht ja nur selten um das ganz große Kreuz des Martyriums, das Kreuz der Alltagsnachfolge ist viel unscheinbarer. Ich möchte gern zu einer Kirche gehören, die in Ordnung ist, und ich ärgere mich über ihre Miss-Stände. Warum? Wirklich aus Liebe zur Kirche? Oder doch, weil ich lieber ein Reisender in der ersten Klasse bin, wo es nichts auszusetzen gibt und wo ich mich keiner Kritik stellen müsste?

Die 10 Gebote sind ein deutliches Wort Gottes an mich, wie ich meine Christusnachfolge gestalten kann: Aber ist es nicht manchmal leichter, sie umzudeuten? Ist für mich im Falle eines Falles, vor allem eines verlockenden Vorteiles, nicht oft genug der Zweck dienlich, um die Mittel zu heiligen? Und wenn in meinem Umfeld die Frage nach Jesus und der christlichen Botschaft aufgeworfen wird, wie mutig ist dann mein Zeugnis, wenn auch Freunde und Verwandte plötzlich meinen, unser Glaube sei peinlich oder gar böse und gefährlich? Mein Mut hat Grenzen, das Einknicken vor dem Mainstream oder vor meinem eigenen inneren Schweinehund geschieht dann genauso schnell und unscheinbar wie damals bei Petrus. Und der war heilig, der war der Fels. Aber er hat auch ein Alibi, denn das war eben vor Pfingsten, vor der Sendung des Geistes. Ich aber bin gefirmt und längst erwachsen, jedenfalls erwachsener als ein kleiner Bäckerjunge. Ich habe also kein Alibi. Das sollte mich nachdenklich machen, denn die Frage, wer Christus sei, ist uns allen gestellt. Mit einem Lippenbekenntnis ist der, dessen Namen wir tragen und der das Kreuz für uns trug, eben nicht zufrieden. Der will mit Recht Taten sehen. Amen.