Predigt zum 22. Sonntag im Jahreskreis 2016

P. Johannes Naton OSB Predigt in der Abtei Varensell

Lesung: Sirach 3,17 Evangelium: LK 14,1-14

Liebe Schwestern und Brüder,

wir haben eben Verse aus dem 14. Kapitel des Lukas-Evangeliums gehört. Der Begriff EVANGELIUM kommt vom griechischen EUANGELION und heißt bekanntermaßen so viel wie FROHE ODER GUTE NEUIGKEIT!

Als ich eben rief „Evangelium unseres Herrn Jesus Christus“ haben Sie geantwortet LOB SEI DIR CHRISTUS! Die gehörten Worte waren also so wertvoll, dass der Herr dieser Botschaft, Christus, gelobt werden muss.

Und was genau war die Botschaft? BITTE NICHT ANGEBEN! VORDRÄNGELN GILT NICHT! Die Gäste eines Pharisäers benehmen sich daneben und drängeln sich zu den Ehrenplätzen vor. Der Pharisäer lässt das geschehen, vielleicht, weil er ein taktvoller Gastgeber ist, vielleicht auch, weil er das Verhalten der Gäste billigt. Egal, Jesus nutzt die Gelegenheit, um diesen Leuten die Tugend der Demut und Bescheidenheit zu predigen. Dem kann man nicht widersprechen. ABER IST DAS DENN EINE GUTE NACHRICHT?

Nein, es ist korrekt und nachvollziehbar, aber es ist eher eine Maßregelung als eine frohe Botschaft. Und ist es eine Neuigkeit, die der Messias da verkündet? Eben nicht! Diese Botschaft, dass Demut und Zurückhaltung edler sind Selbstüberschätzung und Wichtigtuerei, das ist ein alter Hut, wenn auch ein guter. Wir hörten das ja eben schon ähnliches in der Lesung aus dem Buch Jesus Sirach. Die jüdische Weisheitstheologie hat solche ethischen Forderungen schon 200 Jahre vor Christus zu Papier gebracht. Wenn der Kern der Botschaft Jesu nur die Warnung vor Eitelkeit sein sollte, wäre das nicht sehr originell.

Aber es ist unser gemeinsamer Glaube, dass Jesu Wort ist tatsächlich Wort des Lebens ist, Wort für mich, für jeden von uns heute. Wer beim Bibellesen oder Predigen nur moralische Appelle findet und nichts sonst, der hat zu früh mit der Schatzsuche aufgehört. So ein Mensch gleicht einem Restaurantbesucher, der ein Drei-Gän¬ge-Me¬nü bestellt und schon nach der Vorsuppe heimgeht. Mag sein, dass ihn das sättigt, aber die Qualität des Restaurants kann er nicht ermessen. Kämpfen wir uns doch lieber zum theologischen Hauptgericht vor, graben wir tiefer, welche Schätze im Evangelium zu finden sind.

Da waren also diese Vordrängler, die von Jesus getadelt werden. Was ist eigentlich los mit Menschen, die immer wieder vorne stehen im Rampenlicht, bei Festakten und Gastmählern, bei Gottesdiensten und politischen Großereignissen? Einfach nur schlechte Manieren oder Charakterschwäche? Urteilen wir nicht zu schnell. Viele kommen immer wieder ganz nach vorne, nicht, weil sie wollen, sondern weil sie es müssen!

Einerseits gibt es solche, die tatsächlich lieber hinten stünden statt im Rampenlicht. Aber weil sie hohe Politiker oder Kirchenleute sind, denken sie: WAS SOLLEN DIE LEUTE DENKEN? Die Wohltäter, die Gemeinde, Parteifreunde, Journalisten? Schnell kommt der Vorwurf: Da versteckt sich einer, der doch UNS vertreten soll, mangelnde Leutseligkeit, der ist wohl nicht mehr gefragt! Nicht jeder, der vorne steht, steht dort gern.

Andererseits gibt es Leute, die tatsächlich mit aller Macht immer wieder sich selbst in Szene setzen, die sich Beachtung verschaffen, sich selbst loben und ihren Ruhm organisieren, weil sie nicht anders können! Sie haben nie gelernt, das Bedürfnis nach Zuwendung anders zu befriedigen. Manche Kinder erkennen sehr früh, dass sie nur geliebt werden, wenn sie funktionieren, wenn sie die Erwartungen ihrer Eltern und Mitmenschen erfüllen. Sie werden nicht um ihrer selbst willen akzeptiert, sondern nur aufgrund entsprechender Leistung. Und wer das von klein auf erfährt, kann als Erwachsener kaum noch aus seiner Haut. So verdienen viele, die zu Bescheidenheit und Demut nicht fähig scheinen, weniger Zorn und Verurteilung, sondern vielmehr Mitleid und Verständnis. Ihr Fehlverhalten ist Folge einer weltweiten Fehlkonstruktion menschlicher Lebensgestaltung.

Und Hand aufs Herz, habe ich nicht selbst ein solches Bedürfnis, mir die Liebe und Aufmerksamkeit anderer zu erzwingen, wenn sie nicht von selber kommen? Ganz subtil, durch wohl kalkulierte Gesten, Worte oder gute Taten? Meine eigene Unbescheidenheit weiß sich meist gut zu tarnen, aber wer ist schon ganz frei davon? Auch das Hintenanstellen kann eine Strategie sein, sich Anerkennung zu erkaufen: Seht, ich bin nicht eitel, sondern bescheiden, aus moralischer Überlegenheit wähle ich den hinteren Rang, doch ich mache es so, dass die Leute es bemerken und mich dafür schätzen. Echte Demut wird ja erst erkennbar, wenn sie keiner erkennt. Und solche Demut erfordert wirklich innere Größe.

Und nun endlich die gute Nachricht, der Kern des EVANGELIUMS: WIR HABEN DAS ANGEBEN BEI GOTT GAR NICHT NÖTIG! Das von Jesus beschriebene Festmahl ist eine Anspielung auf das Himmlische Gastmahl, das der Schöpfer allen seinen Kindern bereitet. Das Ziel meiner Existenz, das Eins werden mit Gott in seiner Herrlichkeit: Wenn es dazu kommt, dann sollten wir nach Jesu Mahnung jede Art von Protzerei und Wichtigtuerei unterlassen! Einerseits weil wir es uns nicht leisten können, weil wir als Geschöpfe vor dem Schöpfer immer in der Rolle des Kleineren vor dem Größeren stehen und ihm nichts weißmachen können, was er nicht schon wüsste. Dann aber vor allem, weil es gar nicht nötig ist: Gott will nicht das Maß seiner Liebe vom Maß unserer Tugend oder Leistung abhängig machen. Er liebt uns um unserer selbst willen, er will uns bei sich haben, weil wir seine Geschöpfe sind. Deswegen ist ja für das Gleichnis ein Festmahl gewählt, eine Einladung zu einer fröhlichen Feier, bei der Gott uns dabeihaben will. Und diese Feier ist eine himmlische, eine grenzenlose Freudenzeit. Bei himmlischer Freude ist es aber ganz und gar albern, nach Ehrenplätzen zu fragen. Wäre dort irgendein Winkel abgelegen vom himmlischen Herrn, wäre es nicht mehr der Himmel, denn dieser Bedeutet das Eins Sein mit Gott, die unmittelbare Gottesschau. Da ist der Kleinste zugleich der Größe, ihm fehlt nichts.

Wer das begreift, wer Mitmenschen in dieser Gesinnung hilft, der ist schon ganz nahe dran an der Gesinnung des Schöpfers, der zum Fest einlädt. Kommen wir mit leeren Händen, ohne Maske und Verstellung zu ihm, aber mit einem Herzen voller Sehnsucht und Vertrauen.
Das können wir, Jesus traut es uns zu. Und er macht es möglich durch sein Kreuz und seinen Geist. Die Freude darüber sollte bei jedem unserer Christlichen Feste aufleuchten. Amen.