Predigt zum 20. Sonntag im Jahreskreis 2017

P. Johannes Naton OSB, 20.08.2017 in der Stiftskirche

1.Lesung: Jes 56,1-7 2. Lesung: Römer 11,13-32 Evangelium: MT 15,21-28

Liebe Schwestern und Brüder,

„Wer betet, bleibt nie allein!“ So beginnt ein Kirchenlied von Lothar Grassmann. Dieses Wort ist ebenso einfach wie zutreffend: Ein Betender ist nicht allein, weil er durch sein Gebet eintritt in die Gemeinschaft von Millionen Geschwistern, die im gleichen Netz des Glaubens surfen. Und er ist nicht allein, weil unser Gott ein JAHWE, ein Gott für und mit uns ist, der unser Rufen hört. So weit, so tröstlich.

Dennoch können ausgerechnet die frommen, die aktiven und hingebungsvollen Gläubigen beim Rufen zu Gott auch genau das Gegenteil erfahren: EINSAMKEIT BEIM BETEN, das ist möglich, ja das ist ein wachsendes Problem für gläubige Menschen.

Einsam als Christ – das ist zunächst ein gesellschaftliches Problem: Immer mehr Christen stellen fest, dass sie ganz anders denken und glauben als ihre Umwelt. Kollegen und Freunde, Mitschüler, Nachbarn – ja sogar die eigenen Familienmitglieder zeigen oft kein Verständnis für die Gläubigen. Das ist nicht nur eine Frage des regelmäßigen Kirchgangs, aber schon hier wird Einsamkeit spürbar, wenn man sich im Kollegenkreis oder vor Freunden rechtfertigen muss, weil einem die Messe am Sonntag heilig ist. Ganz bitter ist das für Kinder oder Jugendliche, die nach Kommunion oder Firmung ihre Begeisterung für Jesus entdeckt haben und allzu oft in Klasse und Clique dadurch zum totalen Außenseiter werden. Manchmal ist es nur Kopfschütteln, manchmal ein spöttischer Kommentar, allzu oft aber offenes Mobbing und Aggression: Religion, noch dazu christliche, ist eben uncool. Das ist für junge Christen nur schwer erträglich. Wer versteht mich, wer steht mir bei?

Zur gesellschaftlichen Misere, die natürlich in einer säkularen Kultur kein Wunder ist, kommt nun noch eine innerkirchliche Krise: Zwar gibt es in unserer Region und überall in unserem Land viele lebendige und vorbildliche Pfarrgemeinden mit engagierten Priestern, Gemeindereferentinnen und Ehrenamtlichen. Aber immer häufiger kommt es auch vor, dass sich spirituell suchende Christen in ihren Pfarreien nicht mehr heimisch sind, dass die Kirchen allzu oft verschlossen, die Gottesdienste traurig, die Predigten müde, die Möglichkeit zum Glaubensgespräch kaum oder gar nicht vorhanden sind. Immer weniger Priester und Hauptamtliche sind für immer mehr und immer größere Pfarreien da, immer weniger getaufte Christen sind aktiv. Ich will beten, ich will über meinen Glauben sprechen, ich will meinen Kummer und meine Fragen im Kreis von Brüdern und Schwestern erörtern – aber niemand ist da, dem ich mich anvertrauen könnte.

Nun, da ist aber immer noch Gott! Der ist immer da! Jesus hört mich immer, will immer für mich da sein! Ist das so? Oder gibt es nicht gerade bei spirituell aktiven Menschen auch die gegenteilige Erfahrung? Gerade in schweren Zeiten, in Phasen der Traurigkeit, des Zweifels oder der Versuchung: Man betet, doch Gott scheint nicht zu hören! Man hält immer wieder Fürbitte in einer wichtigen Sache – und nichts geschieht! Man sehnt sich nach Gott – und empfindet nur Leere.

Die Tochter ist auf den Tod erkrankt, von einem bösen Geist gequält. Die Mutter überwindet alle Schranken der damaligen gesellschaftlichen Ordnung und wendet sich an Jesus, und er schweigt! Und sie insistiert, und er beleidigt sie, redet von nichtswürdigen Hunden.

Um Gottes Willen! So kennen wir Jesus nicht. So wollen wir ihn nicht wahrnehmen und nicht verkünden! Und doch erfährt es die Frau so! Was im Evangelium als unglaubliche Härte des Heilandes erscheint, ist nichts anderes als die Veranschaulichung eines seelischen Vorganges, den viele kennen: Der schweigende Gott!

Wie sieht es gewöhnlich mit unserem Gebetsleben aus? Bittet, so werdet ihr empfangen, so heißt es in der Bibel.(MT 7,LK11) Wie oft habe ich eine prompte Wunscherfüllung erfahren dürfen? Wohl dem, der hier leichten Herzens nicken kann. Doch auch dies geschieht: Ein Mensch bittet dringend Gott um Hilfe, er betet und ruft und zündet Kerzen an …und…GOTT SCHWEIGT! Es geschieht nichts, und der Beter vernimmt nichts! Was dann?
Viele stellen dann das Beten ein. Manche, fromm gesinnt, denken sich: Ich bin halt nicht würdig, mein Anliegen war zu vermessen, ich füge mich in Gottes Willen. Andere, weniger demütig, beginnen zu klagen, schimpfen auf den nutzlosen Gott, der die Bestellung nicht sofort erledigt. Und wieder andere…beten weiter, beten intensiver, bedrängen Gott, ja sie ringen mit Gott! Und damit liegen sie richtig.

Die Erfahrung der Kanaaniterin ist die Erfahrung vieler Heiliger: Gott ist eben nicht der Heilsautomat, der auf Knopfdruck Wünsche erfüllt. Das Ringen mit Gott ist keine gemütliche Sonntagsandacht mit lieblichen Liedern, Ringen mit Gott bedeutet seelische Anstrengung, Erfahrung von Enttäuschung und bleiernem Schweigen, Selbstzweifel, neues Suchen und Grübeln über die Unergründlichkeit Gottes. Ein lebenslanger Prozess.
Die Kanaaniterin macht alles richtig: Sie hat nicht nur ein gutes und gerechtes Anliegen, sie hat auch Jesus glasklar als mächtigen Helfer erkannt. Sie lässt sich darum durch sein Schweigen nicht entmutigen. Ihre Haltung ist nicht: Er muss mir helfen, weil mir das zusteht! Sie zeigt vielmehr ihr festes Vertrauen auf die Liebe Gottes, die so reich ist, dass auch für jenen, der in den hinteren Reihen der Weltordnung, genug Segen da sein muss. Nicht ihr eigenes Anrecht, sondern SEINE GRÖSSE ist das Argument dieser Frau. Der Glaube an Gottes Größe gibt ihr Kraft und Ausdauer, und so gelangt sie zur Heilserfahrung. Das Kind ist geheilt.

GEBET ist im biblischen Sinne eben nicht einfach Bitte um Wunscherfüllung, GEBET IST GESPRÄCH MIT GOTT! Entweder Hören auf Gott oder das Herz ausschütten vor Gott. Gebet ist Beziehung. Und wie schon zwischenmenschliche Beziehungen nicht funktionieren, wenn sie nur auf ein einseitiges Fordern und Nehmen reduziert werden, so darf Gottesbeziehung nicht auf Wunscherfüllung verkürzt werden, es geht hier wie dort um LIEBE! In die Liebesbeziehung zwischen Gott und Mensch gehört auch das Aussprechen der eigenen Sorgen und Wünsche. Aber vor allem gehört das Suchen nach Gott, das Hören auf sein Wort, auch auf seine Wünsche an uns, das Verkosten der Stille und das Prüfen des eigenen Herzens zum Gebetsleben dazu. Die Frucht eines solchen Betens ist in Gottes Hand gelegt.

Kein Prediger kann seinem Zuhörer versprechen: Dein Wunsch geht in Erfüllung, wenn Du nur genug betest! Und es sollte auch niemand sagen: Dein Wunsch ging nicht in Erfüllung, weil Du zu wenig gebetet hast. Es kann nur heißen: Es führt kein anderer Weg näher zu Gott als das Beten.

Die Kanaaniterin sollte unsere Exerzitienmeisterin sein. Ihr Beten für das kranke Kind entspringt ihrer Liebe zum Kind und stärkt diese Liebe zugleich. Das Ringen mit der ersten Enttäuschung führt zu einer Weiterung ihres Gottesbildes. Je mehr Widerstand sie erfährt, desto mehr vertraut sie in die Liebe Gottes. Und hätte sie aufgegeben, weil sie meint, nicht würdig zu sein, wäre dies eine Unterschätzung der Liebe Gottes gewesen.

Bin ich wie diese Frau? Werde ich den Mut haben, Jesus meine Not anzuvertrauen, wenn sie mir zu schwer wird? Glaube ich im Ernst, dass Gott willens und fähig ist, in mein Leben einzugreifen? Und werde ich das Gespräch mit Gott aufrechterhalten, wenn erst einmal nichts geschieht? Ertrage ich diese Einsamkeit?

Vor allem aber ist hier Kirche gefragt, also wir alle: Stehen wir zur Verfügung, damit niemand beim Beten einsam bleibt? Nehmen wir die Not jener Glaubensgeschwister wahr, die sich nach Gemeinschaft, nach Verständnis und Hilfe sehnen? Tragen wir etwas dazu bei, dass Kirche nicht nur Service-Zentrale für meine eigenen Wünsche, sondern Heimat für viele werden kann?

Wer betet, ist nie allein! Das ist wahr. Aber wenn wir den Suchenden diese Aussage um die Ohren hauen, ohne ihnen zu helfen, dies auch zu erfahren, dann sorgen wir für genau jene Frustration, die die Frau in den ersten Versen des heutigen Evangeliums durchlitt. Jesus ist der Andere, der immer ganz andere, der es uns manchmal schwermacht und den wir viel zu oft falsch verstehen, aber er liebt uns und sehnt sich nach unserer Liebe! Liebe braucht Leidenschaft. Liebe gibt sich nicht mit billiger Vertröstung zufrieden. Liebe will es nicht leicht haben, Liebe will Erfüllung. Liebe durchdringt Täler und Dunkelheiten, überwindet Mauern und Abgründe, um zum Geliebten zu gelangen. Wer von solch einer Gottesliebe beseelt ist, wird noch manche Einsamkeit durchleiden, wird aber immer wieder fündig werden. Die Kanaanitische Mutter ist namenlos, aber sie ist die Schutzpatronin der vielen einsamen Christen, und auch darum ist niemand beim Beten allein. Amen.