Predigt zum 20. Sonntag im Jahreskreis 2016

P. .Johannes Naton OSB, 14. August 2016 in der Stiftskirche Neuburg

Liebe Brüder und Schwestern,

Das Evangelium Christi soll uns Mut zusprechen, ist aber oft eine Zumutung, so wie heute.

Jesus sagt, er komme, um Feuer auf die Erde zu werfen. Damit ließe sich noch leben. Es muss ja nicht als geistige Brandstifterei missdeutet werden, hier kann vom Feuer der Liebe oder von den Feuerzungen des heiligen Geistes die Rede sein. Aber wir würden doch eigentlich damit rechnen, dass Gottes Liebe und Geist alles zum Guten wenden würden. Jesus aber stellt seinen Jüngern die Frage: Glaubt Ihr etwa, ich sei gekommen, um Frieden zu bringen?

Ja, genau das hatten sie eigentlich geglaubt! Und das sollten doch eigentlich alle guten Christenmenschen glauben. Waren da nicht Engelschöre in der WEIHNACHT, die vom Frieden auf Erden sangen? War nicht FRIEDENSFÜRST einer der Titel, den Lukas dem Menschgewordenen Gottessohn gab, war da nicht die Bergpredigt mit der Seligpreisung der Friedfertigen, die dem Schlagenden auch die andere Wange hinhalten?

Und überhaupt: Spaltung und Streit kündigt Jesus an, gerade so, als ob das eine bereichernde Gabe sei! Was das denn nun nötig? Haben wir nicht seit Kain und Abel bis zum heutigen Tag ein Überangebot an Streit und Aggression in der Welt? Hat nicht das jüdische Volk wie auch die christliche Kirche von je her unter Spaltungen und Zerrissenheit gelitten? Warum sollte der Erlöser den Menschen ausgerechnet das bringen, was diese schon bestens selber können?

Gut, eine Deutung wäre vielleicht, dass dem Ringen, dem Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit eine stimulierende, bereichernde Kraft zu eigen ist. Es gilt den guten Kampf zu kämpfen, ikn Streit mit dem Bösen sollen Glaube und Liebe ihr volles Potential entfalten.

Aber wir wollen hier nichts verharmlosen: Das, was Jesus mit Spaltung und Streit beschreibt und was als Riss durch Gemeinschaften, Völker und Familien gehen wird, das hat mit kultivierten Debatten und akademischen Diskussionen nichts zu tun. Wenn Eltern ihren Ehe- und Scheidungskrieg auf dem Rücken ihrer Kinder austragen, dann ist das für diese Kinder die Hölle. Wenn die Christenheit, statt ihre unzähligen Spaltungen allmählich zu überwinden, sich immer mehr in Kleingruppen und Fraktionen aufspaltet, dann ist das ein Armutszeugnis. Wenn Religion immer häufiger mit Gewalt und Terror verbunden wird, ist das verheerend.

Und das ausgelöst zu haben, soll Jesus von Nazareth für sich in Anspruch nehmen? Halten wir zunächst fest:
Das Evangelium hat nicht die Eigenschaft, sich selbst aufzuheben. Die Friedensbotschaft der Weihnacht, das Gebot der Feindesliebe und die Seligpreisung der Friedfertigen in der Bergpredigt, die Mahnung, nicht zum Schwert zu greifen, sondern vielmehr dem Bruder immer wieder zu verzeihen, alles das bleibt gültiges Gottesgebot für uns.

Den heutigen Evangeliumstext können wir als eine Lektion für Fortgeschrittene verstehen, nämlich für jene, die die erste Lektion Jesu schon gelernt haben. Und die erste Lektion lautete: Hier kommt nicht der kriegerische Messias, der die römische Besatzungsmacht verjagen das Königreich Israel wieder herstellen wird. Das war für viele Jünger schon eine bittere Pille, denn genau das war ein weit verbreiteter Wunschtraum gewesen.

Nun kommt die zweite Lektion: Obwohl Jesus da ist, breitet sich weder im Jüngerkreis noch im Volk Israel noch in den jungen Christengemeinden des ersten Jahrhunderts ein harmonischer, störungsfreier Friede aus. Im Gegenteil, Hauen und Stechen bleibt an der Tagesordnung, in Gemeinden und Familien.

Nicht wenige verzweifeln darob und wollen die Flinte ins Korn werfen. Was nützt denn eine Religion, wenn sie mir nicht Frieden und Ruhe bringt? Krach habe ich doch im Alltag genug.

So neigen wir Christen immer wieder gern dazu, unser Leben einzuteilen in einen Religionsbereich für den Sonntag und einen Privatbereich für den Alltag. An Sonn- und Feiertagen möchte man dann nicht mit Streit und Sorgen behelligt werden, sondern in aller Ruhe ein Stückchen Himmel serviert bekommen. Und im Alltag, wenn es gilt, sich zu behaupten und die wirklichen Probleme des Lebens anzupacken, dann sollten Gott und seine Gebote nicht allzu sehr stören.

Solche Aufspaltung geschieht meistens sehr subtil, unbewusst. Aber wenn ich mich an solche Haltung gewöhne, dann wird mein Predigen bald zur Heuchelei, mein Kirchenleben zum Rollenspiel, mein Gebet zur Performance.

Jesus sagt durchaus nicht, dass wir Christen den Streit SUCHEN oder gar ENTFACHEN sollten. Aber er beendet die Täuschung, dass der Glaube uns eine billige Beruhigung schenken könnte. Im Gegenteil. Glaube bedeutet, immer intensiver die Spannung zwischen dem SCHON und NOCH NICHT der Erlösung zu spüren. SCHON ist die Erlösung in Jesu Kreuz geschehen, NOCH aber ist sie in der Weltgeschichte nicht vollendet.

Je mehr ich von der Friedensverheißung des Evangeliums weiß, desto schmerzhafter nehme ich die menschliche Wirklichkeit wahr. Und die Spaltung geschieht eben nicht nur zwischen sogenannten Gläubigen und Ungläubigen, und nicht nur zwischen sogenannten Progressiven und Konservativen in der Kirche oder Gemeinde, sondern vor allem in jedem von uns selbst. Als Christ bin ich sozusagen eine gespaltene Persönlichkeit, weil ich das Wort Gottes und seinen Segen in mir weiß und dennoch ein NEIN zu Gott immer wieder in mir spüre. Der Kampf, zu dem Jesus aufruft, findet also vor allem in meiner Seele statt. Er mahnt uns, dies ernst zu nehmen und nicht durch oberflächlichen frommen Mummenschanz zu übertünchen. VERHEISSUNG JESU ist, dass er in solchem Kampf nicht fern ist, sondern sich finden und erfahren lässt, wo ehrlich um sein Wort gerungen wird.

Darum muss Kirche und Christentum keine konfliktfreie JASAGER-Masse sein. Eine Kirche ohne Streitkultur wäre sterbenskrank. Wir müssen das mühevolle Ringen immer wieder annehmen. Nur so halten wir die Sehnsucht nach dem WAHREN FRIEDEN wach, nur so werden wir nicht blind für Unrecht und Armut in der Welt, nur so gelingt es uns, Jesus in den Brüdern und Schwestern zu erkennen, gerade in jenen, die nicht unserer Meinung sind.

Benedikt von Nursia fordert in seiner Regel immer wieder den GEGENSEITIGEN GEHORSAM ALLER BRÜDER ein. Das ist anspruchsvoll und ohne Konflikte kaum zu haben. Es ist aber genau die Haltung, die der Christenheit insgesamt helfen könnte, DEN WAHREN FRIEDEN GOTTES vom FAULEN FRIEDEN UNSERER WELT zu unterscheiden und die Sehnsucht danach in der Welt zu bezeugen. Mit agitatorischen Brandreden wird uns das kaum gelingen, mit dem Feuer des Heiligen Geistes könnten Trägheit und Selbsttäuschung überwunden werden. Dass dies gelingen kann, ist die frohe Botschaft Jesu für uns heute. Amen.