Predigt zum 2. Fastensonntag 2018

P. Ambrosius Leidinger OSB, 25. Februar 2018 in St. Elisabeth, Heidelberg

Liebe Schwestern und Brüder,

Es gibt wohl kaum eine Geschichte, die so schwer verständlich ist wie
von Abraham und Isaak: Da soll ein Vater seinen einzigen Sohn Gott als Opfer darbringen!

Gott befiehlt etwas so Schreckliches, das Grausamste, was unter Menschen möglich ist: Die Opferung dessen, was man am meisten liebt: die Tötung des eigenen Kindes?

Was ist das für ein Gott?

Kann man zu einem solchen Gott überhaupt beten?

Kann man zu ihm in der Not seine Zuflucht nehmen?

Und was ist das für ein Vater, der bei so etwas mitmacht, - ohne aufzubegehren, ohne sich gegen einen solchen Gott zu wehren? Offensichtlich ist er widerspruchslos zu dieser Tat bereit.
Soweit der äußere Tathergang.

Aber was will uns diese Geschichte überhaupt sagen?

Wenn wir im Buch Genesis zurückblättern, dann finden wir dort eigentlich nur Unheils-Geschichten: die Erzählung vom Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies, vom Brudermord, vom Turmbau zu Babel usw. Geschichten, die erzählen, wie Gottes Schöpfung durch die Menschen zunehmend verwüstet wird.

Und genau das macht dem Menschen, der die Folgen dieser Verwüstung wahrnimmt, zunehmend Angst. Nichts scheint Bestand zu haben. Alles ist bedroht. So kann man auf Dauer nicht leben. Und um diese Unheilslage zu verbessern, ist der Mensch bereit, immer mehr zu opfern.

Je schlimmer die Lage der Menschen ist und je bedrohter ihre Existenz, umso größer und wichtiger müssen die Opfer sein - bis hin zu Menschenopfern - und meist sind es die Söhne der Stammesfürsten, die geopfert werden, damit das Unheil aufhört.

Vielleicht wehrt sich Abraham deshalb nicht gegen Gott, der sein Kind als Opfer verlangt: Weil er glaubt, das müsse so sein; denn die Völker rund um ihn herum, die tun das ja auch. Und Abraham ist schließlich Stammesfürst.

Und so macht er sich auf den Weg zu diesem Berg – Und er ist bereit, diesem Gott alles zu geben, sein Kostbarstes und Liebstes - seinen Sohn.
Aber dann, als Abraham schon das Messer hebt, um seinen Sohn zu töten, da greift Gott ein. Und er verbietet dieses Opfer. Genau auf diese Stelle läuft die ganze Erzählung hinaus: Sie erzählt uns von Gott, der anders ist als die Götter, die die Menschen sich ausgedacht haben und von denen sie meinen, dass sie so Schreckliches von ihnen verlangen.

Unsere Erzählung berichtet uns von Gott, der ein solches Opfer ausdrücklich verbietet. Abraham soll seinen Sohn gar nicht opfern; er darf es gar nicht.

Sondern hier zeigt sich Gott als einer, der so ganz anders ist als die Menschen sich ihn ausdenken. Ein Gott, der gar nicht dauernd etwas von den Menschen will. Und wenn er etwas will, dann „nicht Opfer, sondern Barmherzigkeit“- so wie er es später immer wieder seinem Volk durch die Propheten sagen lässt.

Nicht dass der Mensch stirbt, sondern dass er das Leben hat - das Leben in Fülle - so wird es Jesus endgültig und unwiderruflich formulieren.

Liebe Schwestern und Brüder,

diese problematische Abrahams-Erzählung hat also nur den einen Sinn: Diesem Volk Israel zu sagen, dass es für seinen Gott nichts Kostbareres und Wichtigeres gibt als das Leben eines Menschen - und es nichts gibt, was so wichtig wäre, dass man dafür ein solches Leben opfern dürfte.

Und wenn Gott den Abraham in dieser Geschichte auf die Probe stellt, wie es ja im Bibeltext heißt, dann vielleicht gar nicht, damit Gott etwas über Abraham herausfindet - sondern damit Abraham etwas über ihn, über Gott herausfinden kann.

Damit es dort auf dem Berg im Land Morija so etwas gibt wie auf dem Berg Tabor: Einen neuen Blick.

Liebe Schwestern und Brüder,

diese Abrahams-Geschichte wurde in der Frühen Kirchen den Katechumenen am Beginn der Österlichen Bußzeit vorgestellt, damit sie ihr Gottesbild überprüften.

Und das heißt: Gott will keine Opfer nach dem Motto: Je weher es tut, umso mehr freut sich Gott. Es gibt eine Frömmigkeit, die meint, nur was schwer ist, was weh tut, das ist fromm.

Nein, es geht darum: Dass wir wie Abraham Gott neu sehen können, in einem anderen Licht, im richtigen Licht, im seinem hellen Licht.

Nicht Opfer will Gott, sondern Barmherzigkeit, nicht Opfer, sondern Liebe und Gerechtigkeit: darin liegt der Segen. Und wer so handelt, der selbst wird Segen sein in dieser Welt.

Ich will dir Segen schenken in Fülle, so sagt Gott zu Abraham - so viel Segen, dass Abraham ihn gar nicht alle für sich behalten kann, sondern selbst zum Segen wird für andere. Das ist die Zusage Gottes.
Liebe Schwestern und Brüder, dieser Segen Gottes will auch uns erfüllen, damit wir davon überquellen – damit auch wir Segen sind für and