Predigt zum 2. Advent 2017

P. Ambrosius Leidinger OSB, 10.12.2017 in der Stiftskirche

Meine lieben Schwestern und Brüder!

Erzählanfänge oder Titel eines literarischen Werkes sind, wenn sie gut sind, ein Vorausverweis auf das Ganze. Sie sind wie ein Ball, der als Bogen über das ganze Werk fliegt. Und deshalb ist es gut, Anfänge mit dem Ende eines Werkes zu vergleichen, und in Beziehung zu setzen, wo und wie landet der Ball? Das möchte ich heute mit dem Markus- Evangelium tun.

Besonders Prof. Gadamar hat uns gelehrt: Literarische Texte sind Teil einer lebendigen kommunikativen Situation, und wenn man nur am Text klebt, kann man ihn nicht interpretieren. Man muss erheben, auf welche Fragen, auf welche Nöte, auf welche Erfahrungen ist dieser Text eine Antwort.

Das Markus- Evangelium, so die alte Tradition, die auch von heutigen Fachleuten bestätigt wird, war um das Jahr 70 / 71 für die Gemeinde in Rom bestimmt. Die Situation war folgende: Im Jahre 64 steckte Kaiser Nero die Stadt in Brand, schob das den Christen in die Schuhe, die beiden Häupter Petrus und Paulus wurden ermordet, und Tacitus berichtet, dass viele Gemeindemitglieder von den eigenen Leuten überliefert wurden. Eine furchtbare Verfolgung.

2 Jahre später beginnt der jüdische Krieg. Der führende General Vespasian sitzt im Norden bei Cäseräa Philippi, da bezieht er Winterquartier, überlässt den Kriegszug seinem Sohn Titus. Nach dem Tod des Nero 68 ging alles drunter und drüber: Drei Kaiser in einem Jahr. Vespasian wird von den Truppen des Ostens als Kaiser ausgerufen, er setzt sich durch.

Zum ersten Mal wird jemand, der nicht aus dem Hochadel stammt, sondern aus der Ritterschaft, in Rom Kaiser. Und sein Sohn Titus zieht in Palästina nach Süden und gewinnt den jüdischen Feldzug mit der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70. Das der Hintergrund.

Anfang: da hören jüdische Ohren das Buch Genesis. Im Anfang. Das ist nicht nur ein zeitlicher Anfang, das ist das Prinzip, der Grund des Evangeliums. Anfang des Evangeliums. Da hört man den Freudenboten des Jesaja, der eine Zeitenwende ankündigt, Eu- Angelion, gute Nachricht, das sind persönliche Mitteilungen wie Geburten von Kindern etc. Es ist vor allen Dingen eine Nachricht aus dem Kaiser-Haus, die dem ganzen Weltkreis gilt. Und im Jahre 69 ging diese Nachricht in die damalige Welt. Vespasian: Kaiser.
Anfang der Frohbotschaft von Jesus. Ein jüdischer Name aus einem entlegenen Winkel des Reiches. Christus, der Gesalbte, der Inbegriff jüdischer Hoffnung und dann Sohn Gottes.

Auch hier der Hintergrund: Römische Kaiser wurden zu Söhnen Gottes erklärt. Durch Senatsbeschluss wurde der Vater vergöttlicht. Es gab einen Ritus. Eine Wachsleiche wurde verbrannt, löste sich auf, sie war bei den Göttern und der Sohn nannte sich dann Sohn Gottes. D. h. also, ein ungeheuer verheißungsvoller, auch politisch aufgeladener Anfang.

Und dann das Ende. Die Frauen, die zum Grab kommen, sie flüchten voller Schrecken, und sie schweigen. Abbruch. Aber schon vorher sagt ein Engel, er ist auferstanden, er ist bei Gott, sucht ihn in Galiläa.
Aber die Provokation dieses Anfangs und dieses Endes ist, dass nach diesem großen Wurf die ganze Sache abzubrechen scheint. Und das scheint die Situation der römischen Gemeinde gewesen zu sein. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Mit diesem Ruf stirbt Jesus und der kam wohl auch aus dem Herzen dieser bedrängten Gemeinde. Das Markus-Evangelium ist eine Antwort für die Gemeinde auf diese Situation, des möglichen Abbruchs der Jesus-Bewegung.

Das Evangelium hat drei große Teile. Am Anfang das Wirken Jesu in Galiläa mit vielen Wundern, am Schluss die Passion und der Mittelteil beschreibt den Weg Jesu von Cäsaräa Philippi nach Jerusalem, der gleiche Weg wie der des Vespasian und seines Sohnes Titus.

Dieser zentrale Mittelteil wird gerahmt von zwei Blindenheilungen, die unterschiedliche Qualitäten haben. Die erste Heilung ist ein Schritt von der Blindheit zum undeutlichen Sehen. Der Mann bei Besaida, der dort geheilt wird, sieht Menschen noch wie Bäume.

Das war zur Jüngerbelehrung erzählt. Dreimal die Voraussage des Kreuzes, und jedes Mal verstehen es die Jünger nicht. Petrus bekennt zwar: du bist der Messias.

Das sieht er, aber dann muss Jesus ihn belehren, es geht nach Jerusalem eben auf den Märtyrertod zu, was Petrus nicht kapiert, was die Jünger bis zum Ende nicht kapieren. Und dann kurz vor Jerusalem unten in Jericho, der blinde Bartimäus.

Er schreit: Jesus Sohn Davids, erbarme dich meiner. Er wird geheilt und folgt Jesus auf dem Weg hoch nach Jerusalem. Das ist klares Sehen: Den Weg Jesu bis nach Jerusalem unter das Kreuz mitgehen. Es geht diesem Evangelisten darum, zu einer tieferen Wahrnehmung zu führen, und zwar seine Gemeinde um das Jahr 70: Sie hört nicht und sieht nicht und kapiert nicht.

Er ist der Sohn Gottes, und gerade Markus beschreibt die politische Situation sehr drastisch. Die Mächtigen missbrauchen ihre Macht und sie lassen sich noch Wohltäter nennen. Bei euch aber soll ist nicht so sein, bei euch geht es um den Dienst. Markus entwickelt hier ein Gegenkonzept für eine alternative Gemeinschaft.

Mit Vespasian ist zum ersten Mal jemand, der nicht aus dem Hochadel stammt, sondern aus der Ritterschaft aufstieg, in Rom Kaiser. Und er nahm viele mit, die in den höheren Staatsdienst eintraten, Aufsteiger.

Und hier wird gesagt: Die Karriere des wahren Gottessohnes, die geht nach unten. Deshalb bemüht euch so wie Bartimäus notfalls durch Schreien um diese tiefere Wahrnehmung, für das Sehen und Hören dessen, worauf es wirklich ankommt.

Und dass Markus dieses Unverständnis der Jünger durch zwei Wundererzählungen rahmt, damit will er wohl auch sagen: Glauben ist ein Wunder. Wir können uns dann um ihn bemühen und müssen es auch, aber das Geschenk des Glaubens ist wie eine Blindenheilung.

Goethe und Schiller dichteten im Jahre 1799 gemeinsam: „Was ist das schwerste von allem? Was dir das leichteste düngt: Mit eigenen Augen zu sehen, was dir vor den Augen liegt.“

Man könnte dieses Dichterwort auch abwandeln: mit eigenen Ohren zu hören, was durch die Worte hindurch tönt. Oder noch gesteigerter: was hinter den Worten schweigt. Darum geht es. Das ist der Glaubensakt. Und es ist ein Gehen nach unten, aber nicht so wie die Hühner, die beim Picken nur auf dem Boden starren, sondern, wenn Sie so wollen mit diesem Blick nach unten auch immer mit dem Adlerblick nach oben. Der Glaube will die Wirklichkeit, die wahre Wirklichkeit aufschlüsseln. Und gleichzeitig einen neuen, einen ungeheuren Horizont geben, den Markus durch sein Evangelium am Anfang aufreißt.

Gott selbst sagt im Himmel: ich sende meinen Boden vor dir her. Hört auf ihn. Schaut auf die Gestalt dieses Menschen. Geht nach Galiläa. Vertieft euch in das, was er dort getan hat. Die große Vision dieses Evangeliums ist: Jesus ist das verborgene Wasserzeichen für die Menschen, für die Menschheit, ja, für den ganzen Kosmos. Und dafür braucht es Augen und Ohren, Augen und Ohren des Herzens, um das wirklich wahrzunehmen. Amen.