Predigt zum 19. Sonntag im Jahreskreis 2016

P. Ambrosius Leidinger OSB, 7. August 2016 in der Stiftskirche Neuburg

Evangelium: Hebräerbrief 11

Meine lieben Schwestern und Brüder!

Vieles verbindet uns mit der kleinen judenchristlichen Gemeinde, an die sich der Hebräerbrief um das Jahr 90 richtet: Jene Gemeinde war klein, gesellschaftlich unbedeutend, dem Spott und sogar der Verfolgung ihrer Umwelt ausgesetzt.

Jene Gemeinde hatte den ersten Schwung und die Begeisterung ihres Glaubens verloren. Es fehlten die Zukunftsperspektiven.

Der Hebräerbrief versucht, auf die Glaubensnot der Zeit einzugehen. Seine Antwort lässt sich knapp zusammenfassen:
Glaube ist immer der Not und der Anfechtung ausgesetzt.

Unsere Situation ist keine einzigartige; sie ist zu bewältigen.

Ähnliche Erfahrungen haben Gläubige immer und überall gemacht, wo Gott in der Geschichte am Werke war.
An den Beginn des 11. Kapitels über den Glauben stellt der Autor des Hebräerbriefes so etwas wie eine Definition:
„Glaube ist: Feststehen in dem, was man erhofft; Überzeugt-Sein von Dingen, die man nicht sieht."

Schon dieser eine Satz verlangt von uns ein Umdenken: Glauben steht für uns oftmals im Gegensatz zum „Wissen", wir sehen ihn als etwas ausgesprochen Ungewisses an. „Glauben” ist im Deutschen gleichbedeutend mit „meinen”, „vermuten” - mit „nicht sicher wissen”. „Wissen” lässt sich grundsätzlich beweisen, „Glauben“ dagegen nicht. Das Lateinische unterscheidet dagegen zwischen „putare” und „credere”: „Putare” bedeutet „glauben” im deutschen Sinn von „meinen” und „vermuten”. „Credere” dagegen bedeutet etwas anderes: „von etwas überzeugt sein”, „auf jemanden sein ganzes Vertrauen setzen”, „auf ihn bauen. Das meint auch der Hebräerbrief.

Werfen wir noch einen weiteren Blick auf unsere Sprache: Wir sagen: „Ich glaube etwas” – „Was glaube ich?“ Bezogen auf Gott bedeutet das: Ich glaube, dass Gott wirklich existiert. Wir sagen auch: „Ich glaube dir” – „Wem glaube ich?“
Ich halte also etwas für wahr, weil du es als vertrauenswürdiger Mensch mir sagst. Im Credo heißt noch einmal anders: „Ich glaube an Gott”.

Das sagen wir eher selten: „Ich glaube an einen Menschen” oder „Ich glaube an Dich!”

So sagt etwa eine Mutter zu ihrem Kind: „Ich glaube an dich, dass du es schaffst.” Oder ein Liebender zu seiner Geliebten: “Ich glaube an dich. Ich stehe zu dir! Ich vertraue dir ganz und gar!” Bei allen Glaubenszeugen, die der Hebräerbrief dann aufzählt, geht es um dieses: „ich glaube an dich“, „Ich vertraue dir ganz und gar“. Es sind Beziehungsgeschichten. Wenn Abraham aus seiner angestammten Heimat aufbricht, folgt er nicht irgendeiner mitreißenden Idee, auch nicht seiner Abenteuerlust, und auch nicht der Aussicht auf wirtschaftliche Verbesserungen.
Vielmehr steht im Hintergrund des Aufbruchs seine ganz persönliche Beziehung zu Gott, der ihn angesprochen hat.
Sie ist geprägt von einem in der Erfahrung begründetem Vertrauen auf Gott und letztlich von einer Liebe zu ihm, die die Kraft hat, solch eine radikale Lebensentscheidung zu treffen. So etwa, wenn ein Mann seiner Frau in deren entfernte Heimat folgt oder umgekehrt.

Auf eine für uns nahezu unerträgliche Weise spitzt der Hebräerbrief das alles zu in seiner Schilderung der “Opferung” Isaaks. Martin Luther hat die ungeheure Spannung dieser Situation in aller Schärfe auf den Punkt gebracht: „Denn dass die Verheißung wider sich selbst lautet, ist offenbar. Denn wo Isaak soll getötet werden, so ist die Verheißung vergeblich und umsonst; wo aber die Verheißung gewiss ist und bestehen soll, so ist es unmöglich, dass dies sollte Gottes Gebot sein. Anders sage ich, kann die Vernunft nicht schließen.“ All unserer menschlichen „Vernunft” zum Trotz schließt der Hebräerbrief mit der ganz schlichten Tatsachenfeststellung: Auf Grund seines Glaubens erhielt Abraham den Isaak zurück! „Das ist ein Sinnbild”. So unglaublich das alles klingen mag – gezeigt werden soll: Es geht Gott nicht um Opfer, schon gar nicht um Menschenopfer, sondern um Vertrauen, das nur von einem Liebesverhältnis getragen wird. Liebe hat die Kraft, neue Wirklichkeit zu schaffen, und das nicht selten gegen all unsere „Vernunft”.

Im Letzten und Entscheidenden jedoch ist diese Liebe menschlichem rationalen Analysieren unzugänglich. Um dieses „Erfahrung der Liebe”, um dieses Vertrauen in Gott, geht es im Glauben.

Meine lieben Schwester und Brüder! Vertrauen lässt sich nicht speichern oder anhäufen als sei es ein Glaubensbesitz. Man kann nicht sagen: All die Jahre habe ich Vertrauen angehäuft, nun habe ich Ruhe, wie der reiche Mann mit seinen Scheunen. Nein, wir können Vertrauen einzig in den Momenten gewinnen, wenn wir es nötig haben. In den guten Zeiten ist unser Leben wie von selbst von der Güte der Tage getragen. Dann aber, wenn Zweifel sich bleischwer auf unser Leben legen und Sorgen, Schmerzen, Ängste und Entsetzen uns bedrängen, ist Vertrauen nötig, es muss uns von Gott geschenkt werden. Auf herrlichen Gipfeln sind wir voller Staunen und Dank. Auch das heißt Glauben. Doch erst im finsteren Tal suchen wir die Hand, die uns führt, und den Trost, der uns leitet. Hier lernt unser Herz zu vertrauen.

Noch ein weiterer Gedanke: bZum Glauben gehört der Zweifel. Bei den Kirchenvätern gibt es sogar ein Lob auf den Zweifel. Sie sagten: Der Zweifel ist ein Bote Gottes. Er ist ein Segen, denn der Zweifel widersetzt er sich dem stolzen Herzen. Sie zählen auf:

Der Zweifel erschüttert die Härte, die einmal Festigkeit war;
- er erschüttert Starrheit, die einmal Klarheit war;
- er erschüttert Macht, die einmal Charisma war;
- er erschüttert Stolz, der einmal Segen war;
- er erschüttert den Fanatismus, der einmal Leidenschaft war;
- er erschüttert das Opfer, die einmal Hingabe war;
- er erschüttert Lehren, die einmal Wahrheit waren;
- er erschüttert Erfahrungen, die einmal Gnade waren,
- er erschüttert Worte, die einmal Gebete waren

In alldem geschieht immer das eine:
Er erschüttert das, was einmal Liebe war und macht es wieder lebendig. Der Zweifel macht unsern Glauben jung. Amen.