Predigt zum 18. Sonntag im Jahreskreis 2016

P. Ambrosius Leidinger OSB, 30. Juli 2016 in der Stiftskirche Neuburg

Evangelium: Lukas 12,13-21

Meine lieben Schwestern und Brüder!

Als ich bei der Vorbereitung der Predigt das Evangelium las wie auch jetzt steht mir ein lieber Freund vor Augen. In Juli letzten Jahres war ich mit ihm in Ferien. Er wollte dann einen Tag eher zurück nach Hause fahren, weil er ein großes Kino leitete, und es stand gerade am letzten Tag unserer Ferien die Premiere einen neuen Filmes an.
In diesen Sommertagen liegt er im Klinikum. Eine heimtückische Krankheit hat ihn im Griff. Er wird bald sterben. „Alles ist Windhauch“ und das „Du Narr“ ist bittere Realität geworden.

Aber diese negative Sicht auf das Leben hat mein Freund nie gehabt. Er war nie von der Habgier angefochten, im Gegenteil, er hat vielen Menschen geholfen.

Es gibt ein berühmtes lateinisches Sprichwort aus dem Mittelalter: „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem.“ „Was immer du tust, tue es weise, mit Klugheit und bedenke das Ende“.

Wenn wir das zu beherzigen versuchen, - es ist ja die Sinnspitze des heutigen Evangeliums -, dann besteht die Weisheit darin, zu bedenken, dass in unserem Leben immer Gott mit im Spiel ist, dann berührt das unseren Glauben, unsere Grundeinstellung zu Jesus Christus, und darin unsere Grundeinstellung zum Leben.

Das gewaltigste Selbstbewusstsein, in dem ein Mensch leben kann, heißt: „Ich bin geliebt.“ Wer aus diesem „Ich bin geliebt“ lebt, dessen Leben kann Flügel bekommen. Ich bin immer von Gott geliebt.
Diesem Selbstbewusstsein muss ein Sinnbewusstsein zur Seite treten. Das heißt: Ich bin berufen. Gott hat etwas mit mir vor.

Dieses radikale „Ich bin geliebt“, „ich bin berufen“ sind die beiden Grundworte unseres Daseins. Sie beruhen im Tiefsten auf Gnade. Erst in diesen beiden Worten - geliebt und berufen - begreifen wir den Sinn unseres Daseins.
Aber im menschlichen Leben ist es immer so: Die wesentlichen Dinge müssen geläutert werden. Sie müssen aus dem harten Gestein unseres Ichs herausgeschmolzen werden. Nur die Liebe hat die nötige Glut dazu.

Das bloße Ich-Sein, das bloße Starren auf sich selbst, führt dazu, in sich selbst zu verarmen.

Die Armut an Lebenssinn wird zur Gier nach Lebensmitteln. Die Armut an Gewissheit wird zur Gier nach Sicherheit. Die Armut an Vollmacht wird zur Gier nach Macht. Die Armut an Charisma wird zur Gier nach Kompetenz. Die Armut an Anerkennung wird zur Gier nach Beifall. Die Reihe ließe sich mühelos fortsetzen.

Wir bereichern uns an dieser Welt im Maß unserer inneren Armut: Da verweigert sich der Mensch der Läuterung und betäubt den entstehenden Schmerz der Sinnlosigkeit: Wer es nicht in sich findet, wird es draußen vergeblich suchen!
Wir überhitzen in dieser äußeren Suche die Welt und machen sie zur Hure - als seien die Dinge, von denen wir leben, die Liebe, aus der wir leben, je käuflich.

In der verzweifelt selbstsüchtigen Suche stehen wir in der Gefahr, den falschen Dingen Gewicht zu geben.

Die Grundworte unseres Daseins aber lauten: Du bist geliebt, und du bist berufen zu lieben.
Doch gerade diese Grundworte sind verletzbar. Denn wir müssen sehen: Der Grund der Liebe ist auch der Grund des Leidens:

Ohne die menschliche Verletzbarkeit, die darin besteht, dass wir einander anvertraut sind, gäbe es auch keine Liebe.
Weil wir der Liebe bedürftig sind, sind wir einander anvertraut. Doch wo unsere Bedürftigkeit verletzt wird, da öffnet sich unweigerlich eine Quelle des Leidens.

Oder anders herum gesagt: Bestünde diese Welt aus leidensunfähigen Wesen, so gäbe es auch keinen Raum der Liebe.

Es sind zwei Seiten der gleichen Wahrheit: auf der einen Seite die Bedürftigkeit, auf der anderen die Berufung zur Liebe. Wir überwinden das Leiden nicht, indem wir die Bedürftigkeit unseres Daseins überwinden, sondern indem wir Liebende werden! Nur der Liebende ist tatsächlich erleuchtet. Er wendet sich seiner Berufung zu.

Der vermeintlich Bedürfnislose – sei er noch ein so großer Asket - hat keine Erleuchtung erlangt; er hat sich lediglich nicht mehr so verletzbar gemacht. Er hat die Notwendigkeit in sich abgestumpft, geliebt zu werden. Das ist keine Erleuchtung, sondern spirituell überhöhte Feigheit vor der eigenen Geschöpflichkeit.

So ist wahre Spiritualität nicht die Erweiterung unseres eigenen Bewusstseins, sondern die Ausrichtung unseres Bewusstseins auf eine Berufung zur Liebe. Durch nichts kann die Gnade Gottes stärker in uns werden als dadurch, dass wir lieben, was immer das im konkreten Fall bedeutet. Wenn wir aber unsere Berufung nicht in uns beleben, wenn wir sie vergessen, wird unser Herz ermatten - und mit ihm der Glaube.

Darum bedeutet Glauben nicht nur, dass ich darauf vertraue, dass Gott gut ist, sondern ebenso, dass ich entdecke:
Gott traut mir etwas Gutes zu! Wir sollen den Aufgaben unseres Lebens zur Gabe werden. Darum ist es wichtig, dass wir nicht nur fragen: Worauf vertraue ich? Ebenso sollten wir uns fragen: Was wird meinem Leben zugetraut?

Wem oder was soll mein Leben dienen? Es geht dabei nicht – wie schon gesagt - um die Hybris vermeintlicher Gotteserkenntnis, die für sich in Anspruch nimmt, die Geheimnisse Gottes zu ergründen, sondern um die menschliche Demut, die sich für diese Welt in Anspruch nehmen lässt. Denn diese Welt ist um unserer Berufung willen als eine bedürftige Welt erschaffen!

Spirituelle Erfahrung ist die Erfahrung der Augen Christi in den Augen des Kindes. Es ist die Erfahrung der Nacktheit Christi im nackten Bettler; es ist die Erfahrung des hungernden Christus im Hunger unserer Menschengeschwister. Es gibt keine Gotteserkenntnis an der Barmherzigkeit vorbei.

Es gibt keinen Schatz, keine Ernte in Gottes Scheunen an der Barmherzigkeit vorbei.

„Ich bin geliebt“ –das ist unser gewaltiges Selbstbewusstsein als Christen, und das ist der Sinn unseres Leben – „Ich bin berufen, zu lieben“.

Gott schenke uns seine Gnade dazu, aus diesen Lebenswurzeln je neu zu leben