Predigt zum 17. Sonntag im Jahreskreis 2017

P. Johannes Naton OSB, 30.07.2017 in St. Theresa, Ziegelhausen

1 Könige 3,5-12, Mt 13,44-46

In jener Zeit sprach Jesus zu der Menge: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte den Acker. Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte. Als er eine besonders wertvolle Perle fand, verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte sie.

Liebe Schwestern und Brüder,

das ging ja heute mal Ruckzuck mit der frohen Botschaft: Schatz gefunden, Acker gekauft, happy end, Perle gefunden und erstanden, Besitzer glücklich! Und so ist das Himmelreich. Man findet es zufällig, und wenn man dann richtig reagiert, ist man auch irgendwie glücklich! Das ist schön. Aber auch ein wenig zu einfach. In meinem Alltag läuft es nie so einfach ab. Und irgendwie ist das ja auch langweilig, wenn das mit dem Schatz so leicht geht.
Dabei sind Schatzsuchen in Büchern und Filmen ja immer hochspannend, Schätze wollen in mühevollen und gefährlichen Expeditionen gehoben und gegen böse Feinde verteidigt werden. Solche Geschichten faszinieren ein Millionen-Publikum. Dagegen fällt die heutige Kürzestgeschichte aus der Bibel etwas enttäuschend aus.

Das liegt aber daran, dass ich Ihnen nur die Kurzfassung vorgelesen habe, die das Lektionar bzw. die kirchliche Liturgie-Kommission alternativ anbietet, aus pastoralen Gründen, wie es heißt. Die Langfassung ist nämlich eine Zumutung. Aber diese längere Fassung macht die Schatzgeschichte erst spannend. Denn es geht nach den eben gehörten Versen von Schatz und Perle so weiter: Weiter ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Netz, das man ins Meer warf, um Fische aller Art zu fangen. Als es voll war, zogen es die Fischer ans Ufer; sie setzten sich, lasen die guten Fische aus und legten sie in Körbe, die schlechten aber warfen sie weg. So wird es auch am Ende der Welt sein: Die Engel werden kommen und die Bösen von den Gerechten trennen und in den Ofen werfen, in dem das Feuer brennt. Dort werden sie heulen und mit den Zähnen knirschen. Habt ihr das alles verstanden? Sie antworteten: Ja. Da sagte er ihnen: Jeder Schriftgelehrte also, der ein Jünger des Himmelreichs geworden ist, gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt.

Das ist jetzt nicht mehr ganz so schön und heiter. Vom Ende der Welt, von einem Feuer und vom Zähneknirschen ist die Rede, das klingt nach Höllenpredigt. Und die haben in der Kirche eine traurige Wirkungsgeschichte gehabt. Aber schauen wir uns die Geschichte trotzdem mal genau an. Denn da hat sich etwas geändert. Das Bild vom Fischfang stellt alles auf den Kopf. Anfangs war der Mensch der Suchende und das Himmelreich der zu findende Schatz. Und das Finden war reine Glückssache oder auch Gnade. Und wer Pech hat, findet eben nichts. Jetzt sind wir Menschen plötzlich die Fische, und der Himmel fängt uns. Also ein Rollenwechsel. Gott sucht und findet uns. Und wie beim Schatz stellt sich die Frage, was aus dem Fund wird. Wenn der suchende Mensch genug investiert, also wenn er es wirklich will, dann wird das Himmelreich sein Eigen, dann wird er in Gott den Frieden finden. Und die Engel? Die sortieren die Fische, jene, die gefunden werden wollen, und jene, die es nicht wollen. Bei den Versen von Schatz und Perle war es eine einseitige Sache. Der Mensch sucht, oder er sucht nicht. Fertig. Mit dem hinzugefügten Fischzug wird klar: Es beruht auf Gegenseitigkeit, Gott und Mensch suchen einander. Ja, Gottes Suche und Sehnsucht geht vor. Wir kennen das von Jesus: Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe Euch erwählt, so heißt es im Johannesevangelium, Kap.15. Und im ersten Johannesbrief steht: Nicht darin besteht die Liebe, das wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und seinen Sohn für uns hingab.

Schatz, Perle und Fischfang sind Bilder für eine Beziehungsgeschichte. Gottes Plan ist, dass wir Menschen durch die Beziehung zu ihm segensreich und glücklich werden. Aber er warnt eben auch vor der Möglichkeit des Scheiterns. Dieses Motiv gehört selbstverständlich zu allen Abenteuergeschichten mit Schatzsuchen. Viele Dichter machen ihren Heldenfiguren sozusagen die Hölle heiß, entweder durch böse Widersacher oder durch die Versuchung. Selbst dem Geiz und Geldrausch zu erliegen. Geld allein macht nicht glücklich, so die romantische Moral. Und das ist ganz realistisch, wie man oft bei Lottogewinnern sieht: Offizielle Statistiken gibt es zwar nicht, aber es gibt Schätzungen von Insidern, nach denen 80 Prozent aller Lottogewinner bereits nach zwei Jahren wieder bei Null oder sogar im roten Bereich angelangt sind. Ein Großteil der Lottogewinner wird also nicht glücklich. Im harmloseren Fall verlieren sie einfach das viele Geld in kurzer Zeit an üble Berater oder durch törichten Kaufrausch. Im schlimmeren Fall scheitern Ehen und zerbrechen Familien, warten Sucht und Einsamkeit. Aus himmlischer Freude wird höllische Verzweiflung.

Das kann leider auch in Glaubensdingen passieren.

Eine Kirche, die reich und sicher geworden ist, die keine Verfolgung und keine Ängste mehr zu kennen scheint, kann sich plötzlich in der Bedeutungslosigkeit wiederfinden, in der Leere, sowohl bezüglich der Gottesdienstteilnehmer als auch der Hoffnungskraft, die sie beseelt.

Eine Religion, die reich an Eifer und Sendungsbewußtsein ist, kann dennoch die Liebe verlieren und sich in grausamen Glaubenskriegen zu höllischem Terror versteigen.

Und dann müssen die Engel Gottes aussortieren, was die Menschen nicht von sich aus haben ablegen wollen: Das Böse, den Hass, die Selbstsucht, die Anmaßung, selber Gott und Richter sein zu wollen.

Jesus kommt nicht als Hassprediger, sondern als Friedensfürst. Die einzige Gewalt, die bei ihm Thema ist, ist jene, die er selbst erleidet. Der Schatz im Acker und die Perle, das ist die Liebe Gottes, die nicht durch Sieg und Gewalt errungen werden muss, sondern die als Geschenk über uns kommt. Aber dieses Geschenk ist auch viel zu schön und kostbar, als dass man es einfach so in die Tasche steckte und nicht mehr daran dächte. So geht man mit Schätzen nicht um. Unser Leben sollte eine immerwährende Schatzsuche sein, damit wir immer neu die Tiefendimensionen der Liebe Gottes ermessen und uns um sie bemühen.

Christen dürften eigentlich niemals Langeweile haben. Das Leben ist voller Fragen, die Welt voller Chancen und Probleme, die Bibel voller Geschichten und Verheißungen. Wie satt und träge muss eine Gesellschaft sein, die das nicht versteht und Religion nur als Service-Institut für oberflächliche Gewissensbetäubung akzeptieren kann?
Der heutige Sonntag ist für uns ein Tag zum Auftanken, leiblich wie seelisch. Und dann folgen 6 Tage der Schatzsuche. Was werden wir finden? Welches Bibelwort wird mich zum Nachdenken anregen? Welcher Heilige wird mir Vorbild oder Ratgeber sein? Welchen Konflikt kann ich in dieser Woche mit Gottes Hilfe vielleicht lösen? Welche Begegnung wird mein Herz erfreuen und welches Gespräch mein Wissen über Gott und die Welt bereichern?

Liebe Schwestern und Brüder, lassen Sie uns die Einladung Jesu annehmen und unser Leben als Schatzsuche verstehen. Wenn wir suchen, werden wir finden. Amen.