Predigt zum 17. Sonntag im Jahreskreis 2017

P. Ambrosius Leidinger OSB, 30.07.2017in der Stiftskirche

Mt 13, 44-46

Meine lieben Schwestern, meine lieben Brüder!
„Die Musik spielt zwischen den Zeilen“. Alles ganz Wichtige im Leben ist nur mit einem aufmerksamen Herzen auszumachen, nur in Übereinstimmung mit der Wahrheitsstimme des eigenen Wesens.
Das gilt auch für das Herzensanliegen Jesu, das heute im Evangelium angesprochen ist:
das „Reich Gottes“.
Er hat uns gelehrt, im Vaterunser zu beten: Dein Reich komme! Dein Wille geschehe!
Und so ist unsere einfache Frage, die doch so schwer zu beantworten ist:
Das Reich Gottes, was ist das eigentlich?
Diese Frage war schon die Frage der Pharisäer an Jesus. Und er gibt ihnen zur Antwort:
„Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es an äußeren Zeichen erkennen könnte. Man kann auch nicht sagen: Seht, hier ist es! Oder: Dort ist es! Denn: Das Reich Gottes ist schon mitten unter euch“ (Lk 17,20-21).
Jesus gibt keine direkte Antwort. Er gebraucht wie in unserem Evangelientext heute auch vielmehr Bilder und Gleichnisse.
Heute spricht er vom unfassbaren Glück, das einer empfindet, wenn er einen Schatz, eine einmalig schöne Perle gefunden hat, für die er alles andere weggibt.
Wer das Reich Gottes gefunden hat, der hat nach der Bibel alles gefunden, weil er das große Glück im Leben gefunden hat, seinen großen Schatz.
Das sind große Worte: Aber die Frage bleibt: Wo liegt denn dieser Schatz, wo ist denn dieses große Glück zu finden, das mit dem Reich Gottes zusammenhängt?

In den ersten Jahrhunderten war die Kirche des Ostens theologisch führend. Die größten Theologen kamen von dort. Der größte von ihnen, Origenes, kam aus Ägypten, aus der Stadt Alexandria, die damals die führende Stadt im Osten war, geprägt von griechischer Kultur mit der größten Bibliothek des Altertums. Der große Origenes geriet zwischen die Mühlsteine theologischer Streitigkeiten, was dann verhinderte, dass er in späterer Zeit zu den Heiligen gezählt wurde.

Origenes hat die Frage nach der Gottesherrschaft auf den Punkt gebracht.
Er sagt: Das Reich Gottes ist in jedem Augenblick nichts anderes als Jesus allein.
Origenes hat Jesus mit dem griechischen Wort die „autobasileia“ genannt, die Königsherrschaft, die automatisch mit ihm da ist, das „Reich Gottes in seiner eigenen Person“.

Origenes führt diesen Gedanken noch einen Schritt weiter: Auch hierfür hat er wieder ein prägnantes griechisches Wort geschaffen: Er sprach von Jesus als dem „logos spermatikos“. Der Sohn, der logos, das Wort Gottes ist das Sperma, der Same, der „logos spermatikos“, eingestiftet, eingesenkt, in jedes Menschenherz, in dem er wachsen will.
Das ist der Schatz, die kostbare Perle, die wir nicht draußen hier oder da suchen müssen, sondern sie liegt auf dem Grund unseres Herzens, es ist der Same Christus, der dort wachsen will. Dieser göttliche Samen wurde uns in der Taufe eingesät. Durch den Empfang eines jeden Sakramentes und durch das Hören des Wortes Gottes wird unser Herz sozusagen je neu eingesät und auch gedüngt, damit die Saat gut wachsen kann.

Die Perle ist gefunden. Der Mann ist fasziniert von seiner Entdeckung. Er verkauft alles, um sie zu erwerben. Nachdenklich müssen wir sagen: Wir haben die kostbare Perle, Jesus.

Wir müssen feststellen: Viele, auch Christen, suchen den Schatz, nur nicht mehr bei Christus. Sie nehmen sich selbst als Christen nicht mehr ernst und beschweren sich über den Werteverfall des christlichen Abendlandes.

Die Vielen nehmen das Kostbare dieses Schatzes gar nicht mehr recht wahr, geschweige denn, dass sie sich daran freuen können. Im 3. Jahrhundert sagte schon Tertullian, ein römischer Theologe, kritisch: „Christus ist nicht die Gewöhnung, sondern der Wahrheitsschatz.“ Wir wollen aber positiv fragen: Was ist es eigentlich, was uns Jesus so teuer macht, dass er unser Schatz wird? Und hier möchte ich noch einen großen spirituellen Lehrer zu Rate ziehen: den hl. Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, dessen Festtag wir morgen feiern. Genau diese Frage ist das Hauptthema seiner Spiritualität.

Er spricht vom „Mehr“, vom „Größer- Werden“, vom „Wachsen“. Alles zur größeren Ehre Gottes. So sind wir auf dem Weg zu Gott, der immer größer ist als wir es je begreifen können. Wir sind ein Leben lang Pilger.
Diesem Immer- Mehr steht bei Ignatius das richtige Maß gegenüber.

Das rechte Maß hängt mit meiner Person zusammen. Aber es ist noch tiefer begründet als in mir selbst: es ist begründet im Willen Gottes. Was genau der Wille Gottes für den Einzelnen ist, ist Ignatius bemüht zu finden. Für jeden kann es etwas anderes bedeuten. Den Willen Gottes für mich zu finden, darin liegt unser Glück.
Ignatius folgt hier der Logik des Vaterunsers: Dein Reich komme – Dein Wille geschehe.

Um noch einmal das Bild aus dem Evangelium zu gebrauchen: Einen jeden von uns hat Gott gebildet mit einem großen Schatz im Herzen, der kostbaren Perle, der göttliche Same auf dem Grund unseres Herzens. Und es gilt, uns die Augen zu geben, den eigenen von Gott geschenkten Reichtum zu spüren. In jedes Menschen Herz wachsen je andere Samenkörner heran, die dort in unendlicher Verschwendung vorhanden sind. Jeder entdeckt eine andere Facette von Jesu Persönlichkeit. Ganz Unterschiedliches kann an ihm faszinieren. Jeder macht eine andere Erfahrung mit Gott. Es gibt so viele Zugänge zu Jesus wie es Menschen gibt, denn jeder begreift vom Reich Gottes, jeder begreift von Jesus Christus, immer nur ein kleines Stück.

Frère Roger, der Gründer von Taizé, konnte es so sagen: Das aber, was du von Jesus und seinem Evangelium verstanden hast, das lebe, das lebe ganz, ist es auch nur ein kleines Stück. Das genügt.
Davon lass dich wirklich ergreifen – dann hast du den Schatz gefunden, der für dich reicht,
denn du hast den Willen Gottes für dich gefunden,
dann vermehrt sich dein Glück, weil du mit dir identisch lebst,
dann vermehrt sich das Glück, zu dem du von Gott berufen bist. Amen.