Predigt zum 16. Sonntag im Jahreskreis 2017

P. Johannes Naton OSB, 23.07.2017 in der Stiftskriche Neuburg

UNKRAUT IM ACKER (Lesungstexte: Weisheit 12,13-19, Matthäus 13,24-43)

Liebe Schwestern und Brüder,

Sie haben an diesem sommerlichen Sonntagvormittag den Weg in die Kirche gefunden. Das ist umso erfreulicher, als ja viele getaufte Mitmenschen andere Wege gehen. Viele ziehen es vor, jetzt durch die Natur zu wandern statt zum Gottesdienst. Mit gutem Grund: Ist man Gott nicht besonders nahe in der Natur, zumal in den von Menschen noch nicht verdorbenen Flecken der Schöpfung? Vielleicht hier am Neckar, in einem entlegenen Tal oder auf dem Philosophenweg, morgens nach Sonnenaufgang? Was für Herrlichkeiten sieht und hört man da: Eine singende Vogelschar, üppige farbenfrohe Pflanzen, sattes Grün ringsumher, plätschernde Bäche, Schmetterlinge, vielleicht eine niedliche Katze, die auf Sammetpfoten durch die Wiesen streift, einen erhaben am Himmel kreisenden Bussard, elegant segelnde Schwalben, hier und da eine huschende Maus. Natürlich, harmonisch und still erscheint alles weise und gut geordnet. Ist nicht die Betrachtung der friedlichen Schöpfung schon ein Gottesdienst, eine fromme Meditation, vielleicht ehrlicher und erbaulicher als so manche Messe in einer dunklen Kirche mit müder Gemeinde und müder Predigt? Hört man nicht im Singen der Vögel und Summen der Insekten, dem Rauschen der Bäume und dem Plätschern des Baches ein wahres Gotteslob?

Ja, wir können es so sehen, zumindest wir Menschen, sofern wir ein Dach über dem Kopf haben, einen gefüllten Kühlschrank, eine Krankenversicherung und gute Ärzte in Nähe, jedoch keinen einzigen Fressfeind fürchten müssen und selbst bei einer Missernte nicht hungern werden. Die anderen Geschöpfe aber sehen es anders: Für die Mücken und Fliegen sind die elegant schwebenden Schwalben brutale Killer: sie dezimieren still und effektiv wehrlose Insektenschwärme. Für die Schwalben wiederum ist diese Jagd kein Sport, sondern lebensnotwendige Pflicht: Ein Schwalbeneltern muss für seine Küken binnen weniger Monate etwa 12000 Insekten erbeuten, sonst droht der Hungertod. Der scheinbar harmlose Spaziergang der Katze ist aus der Vogelperspektive tödliche Bedrohung. Das flinke Huschen der Mäuse und Kaninchen ist kein Spiel, die Achtsamkeit ist der Todesangst geschuldet: Wer in der Tierwelt nicht aufpasst, wird verspeist, wer nicht funktioniert, wird verhungern. Die Natur ist keine Veganerin und kennt weder Inklusion noch Caritas-Institute. Denn das Prinzip der Natur ist nicht die Solidarität, sondern die Nahrungskette.

In den blühenden Garten der Schöpfung, der uns Wohlstandsmenschen solche Freude bereitet, ist ein bitteres Unkraut beigemischt, das Gesetz vom „Fressen und Gefressen-Werden“. Paulus schrieb einmal von der Schöpfung, die in ihren Geburtswehen liege und sich nach der Erlösung sehne. Wer schon einmal in einem Wald einen verendenden Vogel oder Hasen entdeckt hat, der - durch Krankheit oder Verletzung hilflos geworden - zu einer stumm leidenden Beute für Insekten und Maden geworden ist, der kann nachfühlen, was er damit meint. Ein Leben, das nicht auf dem Sterben anderer Lebewesen basiert, wäre uns lieber, ist aber in dieser Welt vorläufig nicht zu haben.

Gehen wir also besser nicht nur in den Wald, sondern auch in die Kirche, denn nur, wenn wir zur Schöpfung einen guten Schöpfer hinzudenken, kann uns das Naturidyll dauerhaft erfreuen. Hier in der Kirche ist er unser Thema: Der Schöpfer, der sich kümmert, wie das Buch der Weisheit schreibt. Der, wie das Kinderlied biblisch fundiert erklärt, alle Sternlein zählet, dass ihm auch nicht eines fehlet, der alle Fischlein und Mücklein rief beim Namen, dass sie so ins Leben kamen, dass sie nun so fröhlich sind. Ohne den Glauben an diesen guten Schöpfer und Retter kann ich in der Natur kaum Trost finden.

Und dann sind wir in der Kirche und singen Halleluja und hören Gottes Wort. Und wieder geht es los. Denn auch dieser Acker, die Kirche, ist ja voller Unkraut und war es immer. Kirchliches Wirken in der Geschichte ging seit je einher mit Schuld und Lüge und Gewalt. So mancher Knabenchor weiß ein Klagelied davon zu singen. Durch solche Kirchenschuld ist die Verkündigung des Evangeliums verdunkelt. Kirchenkritik ist nicht ja nicht durchweg böse Lügenkampagne, sondern allzu oft wohlbegründet, und nicht nur von außerhalb der Kirche kommt die Klage. Progressive und konservative Christen protestieren immer wieder, wahlweise gegen die zu linke oder zu rechte Kirche, gegen das 2.Vatikanum oder gegen die Frauenfeindlichkeit, und in den letzten Jahren ist im Internet eine Zunahme des fanatischen Hasses in solchen Debatten zu vernehmen. Da ist bei denen, die die Kirche vom Unkraut radikal reinigen wollen, bereits eine Saat des schlimmen Hasses eingebaut.

Aber auch jenseits der extremen religiösen Bewegungen gibt es den unübersehbaren Wunsch vieler Menschen, eine makellose Kirche zu haben. Die vielen Kirchenaustritte lassen sich eben nicht nur mit der Kirchensteuer erklären. Es ist das zum Teil selbstgerechte, aber oft auch ganz berechtigte Unbehagen der Christen an Strukturen oder Praktiken der jeweiligen Kirche, nicht nur im Katholizismus. So mancher Austretende hat die Kirche innig geliebt und verlässt sie nach langem Leidensweg in großer Trauer. Aber die meisten, die ihre Kirche verlassen, haben es leider nie versucht, in einer der vielen anderen Kirchen heimisch zu werden, als ob sie ahnten, dass auch dort ein Acker voller Unkraut auf sie wartet. Wie perfekt muss eine Kirche für den heutigen Christen sein, dass er sich diese zumute? Und kann es überhaupt eine perfekte Kirche geben? Bislang gab es sie nicht.

Matthäus, der dieses Gleichnis vom Acker aufschrieb, hatte es schon mit einer Kirche zu tun, wo Streit und Spaltung an der Tagesordnung war und in der schon die Elitechristen mit den Hufen scharrten, um endlich reinen Tisch zu machen in der Kirche der Auserwählten. Die Ernte und die Scheidung von Gut und Böse hat ihre Zeit, so weiß der Evangelist, und über den Zeitpunkt wie auch über die Bewertung, was gut genug sei, um Weizen zu heißen, entscheidet allein und souverän der Herr. Das ist zunächst eine Entlastung für uns: Wir müssen uns nicht schämen, weil die Kirche nicht perfekt ist. Das ist eben die natürliche, aber nicht himmlische Seite der Kirche. Sie ist immer zu reformieren, aber auf Erden nicht zu perfektionieren. Also durchatmen, den heiligen Zorn dämpfen und die Barmherzigkeit, die wir zu Beginn jeder Hl.Messe im Kyrie erbitten, zum eigenen Prinzip machen. Das ist gut. Aber das verlangt auch Demut: Ich glaube, zu wissen, wer in der Kirche was falsch macht und wer kritisiert, bekehrt oder aus dem Verkehr gezogen werden sollte. Und ich muß mich doch von Christus ermahnen lassen: Halt! Du bist kein Engel! Du wirst es nicht schaffen, Unkraut zu vernichten, ohne den Weizen zu schädigen. Denn der Acker ist nicht nur die Kirche, der Acker bin ich selbst, und das Unkraut ist in mir selbst dicht neben dem guten Weizen. Kinder des Bösen sind eben doch auch einige meiner Gedanken, Worte und Werke. Da verbittet sich jede Radikalität.
Das Aushalten der Unvollkommenheit in der Kirche und in mir selbst steht und fällt mit meinem Glauben an den Herrn, der über allem steht. Glaube ich dem Buch der Weisheit, dass Gott stark genug ist, um milde sein zu können? Wenn Gott gut ist, könnte ich mich und meine unvollkommene Kirche ertragen. Wenn aber kein guter Gott zu glauben wäre, dann wäre auch eine perfekte Kirche nutzlos und unerträglich. Aber da ist wieder das alte Kinderlied zu zitieren, das von den Sternlein und Mücklein, die Gott beim Namen nennt. In der letzten Strophe wird da gesungen von den unzähligen Menschenkindern, und es heißt: Gott der Herr hat an ihnen allen seine Lust sein Wohlgefallen, kennt auch dich und hat dich lieb! Wer das glauben kann, der kann dann auch an einem Waldspaziergang wirklich Lust und Wohlgefallen haben. Vor allem aber könnte so ein Glaubender sich ganz gelassen der Nächstenliebe widmen und die Unkraut-Bekämpfung dem Herrn überlassen. Fangen wir also heute noch damit an, über diese Hoffnung zu reden, mit unseren Kindern und mit jedem, der die Sehnsucht nach Frieden kennt. Amen.