Predigt zum 16. Sonntag im Jahreskreis 2016

P. Johannes Naton OSB, 17. Juli 2016 in der Stiftskirche Neuburg

Liebe Schwestern und Brüder,

Nach der wunderschönen Erzählung vom Stammvater Abraham, der mit bester orientalischer Gastfreundlichkeit die Engel des Herrn bewirtet und so zum Empfänger der Segensbotschaft wird, können wir für die tüchtige Marta im Lukas-Evangelium doch nur Symphatie entwickeln: Sie will als gute Gastgeberin für den besten Gast, den man sich nur vorstellen kann, eben das Allerbeste.

Dennoch ist durch das Schlußwort des Evangeliums klar, dass Maria irgendetwas besser verstanden und besser gemacht hat als die tüchtige Marta. Muss man da Mitleid haben mit Marta, die sich viel mehr anstrengt als ihre Schwester, die nichts tut?
Nein, zumindest wir heute sollten die emotionalen Vorurteile beiseite schieben und genau hinsehen: Maria tut etwas, was uns erheblich schwerer fällt als der Aktionismus der Marta: Sie hört aufmerksam zu! Sie setzt sich zu Füßen Jesu und konzentriert sich ganz auf ihn. Das scheint ihr leicht zu fallen, für die meisten von uns ist das aber Schwerstarbeit. Denn unsere Kultur hat das lange Zuhören schon lange verlernt. Wer ist noch imstande, einer Fernsehsendung 30 Minuten zu folgen, ohne umzuschalten? Wer ist noch bereit, mit eigenen Kommentaren zu einer Nachricht so lange zu warten, bis man den Betroffenen ausführlich zugehört hat? Wer kann sich noch an eine Talkshow erinnern, in der alle Gesprächsteilnehmer einander lauschten, ohne ins Wort zu fallen?

Das lange Warten, das Aushalten von Stille, die Konzentration auf eine ausführliche Erzählung oder Belehrung mit zusammenhängenden Gedankengängen wird zunehmend zu einer aussterbenden Kunst, einem Luxus für die Minderheit, die dies noch lernen oder durch besondere Begabung erfahren durfte.

Man vergleiche einen Kinofilm oder eine Nachrichtensendung von 1960 mit solchen von heute, man vergleiche eine Schulstunde damals und jetzt.

Radiomacher und Werbefachleute rechnen heute mit Zehntelsekunden, um ihre Botschaft vernehmbar zu machen. Und wer kann sich noch längere Zeit in Gottes schöner Natur oder in einer so herrlichen Altstadt wie Heidelberg bewegen, ohne Iphone oder Ipad zu zücken, als wäre die virtuelle Welt relevanter als die echte Welt, die sie umgibt?

Wie würden Maria und Marta heute auf einen Besuch des Herrn reagieren? Marta müsste nichts ändern. Hektisch umherlaufen und irgendetwas machen, das ist nach wie vor ein Standard-Muster. Die meisten einsamen Menschen haben einen vollen Terminkalender. Die meisten beziehungsgestörten Kinder haben keine ruhige Minute. Auf alle Tragödien und Terroranschläge reagiert die Welt mit Debatten, Hektik und Aktionismus. Das können wir gut.

Maria? Die würde vielleicht heute eine Weile Jesus zuhören, dann plötzlich das Handy zücken oder eine SMS schreiben, auf jeden Fall ein paar Selfies mit dem Herrn machen oder unentwegt ins Wort fallen und Jesus bitten, sich kurz zu fassen.
Das alles mag jetzt wie Kulturpessimismus eines Ewiggestrigen klingen. Denn früher war ja angeblich schon immer alles besser, das wußte man schon zu Jesu Zeiten.

Aber für uns heute wird es eine ernste Angelegenheit, wenn wir auf die Tragödien der letzten Tage schauen: Innerhalb weniger Tage Anschläge und Massaker in der Türkei, in Amerika, im Irak, in Pakistan, dann wieder Amerika, dann in Frankreich, dann wieder in der Türkei...mit jeder dieser menschengemachten Gewaltorgien begegnet uns die Existenzfrage: Was ist der Mensch? Gibt es einen Gott? Was wird aus uns? Vermutlich hat Jesus über genau diese Fragen zu Maria und Marta sprechen wollen. Und welche Kultur haben wir entwickelt, wenn uns das Schicksal mit diesen Fragen konfrontiert? Gerede, Aktionismus, politische Instrumentalisierung, Besserwisserei: Aber niemand wird still und niemand hört zu!
Selbst die Trauerrituale haben sich zu Events entwickelt, mit Lichtershow und Star-Aufgebot, dazu liveticker im Netz und ein Brennpunkt im ZDF.

Es gab früher einmal die gediegene Erfindung der SCHWEIGE-MINUTE! Alle Anwesenden stehen auf und sagen NICHTS! Nur eine Minuten, das war ja schon ein Zugeständnis an den hektischen Rhythmus der Moderne. Aber immerhin: NICHTS sagen ist ein Akt der Demut! Das Geschehene berührt ein zu großes Thema, das der Mensch nicht einfach wegplappern kann. Ich habe im Blick auf die Existenzfrage und das Leid anderer erst einmal nichts mitzuteilen, sondern zu hören.
Das Schweigen wäre heute eine höchst angemessene Kulturform. Sie ist unbedingt multikulturell, alle Religionen und Ideologien können undiskriminiert dabei mitmachen. Das Schweigen ist auch offen für Veränderungen der Erkenntnis. Sollte kurz nach der schockierenden Nachrichte eine neue Meldung die Sachlage anders erscheinen lassen, muss ich doch von meinem Schweigen nichts zurücknehmen. Und ich muss weder heucheln noch lügen.
Die bemitleidenswerten Spitzenpolitiker müssen nach Orlando, Ankara oder Nizza immer wieder zum Ausdruck bringen, dass sie diese Gewalt verurteilen. Dabei ringen sie nach Worten, die das jeweils Besondere der Tragödie ausdrücken sollen. Und doch klingt es meist recht stereotyp.

Warum nicht einfach sagen: Das Parlament oder das ganze Volk möge eine Schweigeminute einlegen für die Opfer.
Wir können das eben nicht gut, was Maria konnte: still dasitzen und hören.

Denn da ist neben der ungewohnten Stille, die unsere eigene Unsicherheit so schmerzlich offenlegt, noch eine schlimmere Zumutung dabei: Sie sitzt zu seinen Füssen. Sie ist Schülerin, er der Meister. Kein Dialog auf Augenhöhe, keine angemaßte Gleichwertigkeit, sondern die freie Entscheidung, Jesus den Größeren sein zu lassen, der mir etwas zu sagen hat.
Das ist tatsächlich ein schmerzlicher Teil unseres Glaubens. Zwar wird Gott Mensch und begibt sich auf Augenhöhe, ja als Kind in Betlehem sogar noch tiefer. Aber als Erlöser ist er dann doch der, der mehr kann als wir.

Schweigen und hören können, das setzt voraus, dass ich akzeptiere, nicht schon alles zu wissen und zu können. Marta dagegen, die scheinbar dienstbare Aktivistin, hat die Rolle des Souveräns übernommen: Sie ist die Geberin, die Bewirtende, die Helfende, damit aber auch die Stärkere und die Mächtigere. Nicht selten hat ehrenamtliches Engagement einen solchen Reflex: Wer hilft, dem widerspricht man nicht. Wer hilft, hat recht und gehört zu den Guten.

In manchen Fällen ist es notwendig, stark zu sein und zu helfen. Aber Gott gegenüber ist es eben auch notwendig, zuzugeben, dass ich nicht stark genug bin und selber Hilfe brauche.

Wir Christen werden nicht darauf warten können, dass unsere angeblich so überlegene Kultur des Westens, die dauernd das Modewort ACHTSAMKEIT im Munde führt und doch nichts davon erkennen läßt, das Schweigen und Hören wirklich erlernt. Wir sollten im Gegenteil versuchen, dies als unseren Dienst für die Welt zu verstehen: Das Zuhören und die Selbstzurücknahme könnte eine Tugend sein, die wir so unverkrampft leben wie Maria, damit immer mehr Menschen in sich diese schöne Fähigkeit entdecken und so zu stilleren und weiseren Menschen werden. Denn auch der gastfreundliche Abraham war zuvor durch sein Hören auf Gott überhaupt erst fähig geworden, ihm zu dienen.

In das hektische Stimmen-und Aktionsgewirr unserer Zeit eine gute Portion Besonnenheit und Demut einzubringen, das wäre eine segensreiche kirchliche Spendenaktion. Amen.