Predigt zum 15. Sonntag im Jahreskreis 2016

P. Ambrosius Leidinger OSB, 10. Juli 2016 in der Stadkirche Heidelberg

Evangelium: Lukas 10, 25-37

Meine lieben Schwestern und Brüder

Der Begriff „Menschlichkeit“ gehört zu den anziehenden Worten unserer Tage. Der Ruf nach Menschlichkeit und einem menschenwürdigen Leben ertönt allenthalben und findet Resonanz in unseren Herzen.

Gerechtigkeit allein reicht nicht aus, um ein wirklich menschliches Zusammenleben zu ermöglichen. Wahre Menschlichkeit muss aus einer noch tieferen Quelle gespeist werden: aus der Kraft der Liebe.

Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter berührt alle wichtigen Aussagen Jesu über die Liebe:

Sich selbst annehmen und lieben, den Nächsten annehmen und lieben, nicht richten, seine Feinde lieben und ihnen vergeben.

Sich selbst annehmen und lieben:

Es heißt bei Jesus immer wieder: Liebt euren Nächsten wie euch selbst. Die Selbstannahme, die rechte Selbstliebe ist ein normalerweise schwieriges Kapitel im Leben eines Menschen. Wenn sie gelingt, dann ist immer ein langer Prozess zu einer inneren Heilung hin auszumachen.

So tritt uns beim barmherzigen Samariter ein leuchtendes Beispiel für einen großen, innerlich großen Menschen entgegen, der unser Herz berührt und uns auch ein wenig beschämt, denn es tritt uns da ein versöhnter Mensch entgegen, der ganz aus der Kraft seines Herzen lebt und handelt. Er zögert nicht lange, hilft in aller Schlichtheit und regelt auch noch, was für den Verletzten zu regeln ist.

Das mit der „eigenen Wertschätzung“, wie die Psychologen sagen, ist gar nicht so einfach. Wir alle tragen Verletzungen mit uns herum, seelische Schmerzen, die wir in uns vergraben haben. Ganz oft sind kleine Wehwehchen oder auch große psychosomatischer Natur, ein seelischer Schmerz steckt dahinter.

Wir müssen uns positiv klar machen, dass uns bei allem Mangel auch sehr viel Liebe geschenkt wurde. Wir müssen versuchen, immer wieder, aus dieser positiven Erfahrung heraus zu leben.

Es ist schon einige Jahre her, da war ich in einem anderen Kloster zu Gast und bekam für die Vesper ein Antiphonale von dort und beim Aufschlagen fiel mir so ein frommes Bildchen entgegen, gedruckt zu einem Goldenen Priesterjubiläum. Es stand da geschrieben als Bibelzitat:

„Credidimus caritati“, aus dem 1. Johannesbrief: „Wir haben der Liebe geglaubt“, „Credidimus caritati“, wir haben der Liebe einen Kredit eingeräumt. Wir Christen haben eine eindeutige Grundentscheidung für die Liebe getroffen und aus dieser Grundentscheidung versuchen wir, unser Leben zu gestalten.

Und das können wir nur sagen, weil umgekehrt die Liebe uns einen Kredit eingeräumt hat. Weil wir Liebe erfahren haben, konnten wir ihr glauben und unser Leben darauf aufbauen. Tausendfach wurde uns Liebe geschenkt, so dass wir sie weitergeben können. Wir leben also von den Zinsen des Kredits, der uns Gott großzügig eingeräumt hat, der gewährte Kredit, der uns in unser Leben Vertrauen fassen ließ.

Dazu gehört sofort und ganz unbedingt das Verzeihen und die Vergebung. Ein versöhntes Herz haben ist das höchste Ziel bei den Mönchsvätern.

Wir hatten in Kloster einen alten Pater, der konnte dir genau sagen, wer ihm vor 48 Jahren Böses angetan hat und wer ihm vor 32 Jahren auf den Schlips getreten ist. Er war bis oben hin voll von diesem Mist, der ihn fast erstickt hat. Aber er konnte sein ganzes Leben lang nicht vergeben.

Im Wort „vergeben“ steckt auch das Wort „geben“. Wir geben uns Leben zurück, weil wir Hass weggeben. Wir werfen eine Bürde ab und können unsere Kräfte dafür einsetzen, lebendig zu sein.

Ein solch heiler Mensch muss der barmherzige Samariter gewesen sein.

Die Samariter und die Juden lebten seit Jahrhunderten in Erbfeindschaft. Er konnte sogar ohne zu Zögern einem Feind helfen.

So sind wir zum zweiten Punkt angelangt, der Jesus so wichtig ist: der Feindesliebe.
Wie soll das gehen, das mit der Feindesliebe, die Jesus uns ans Herz legt?
Wer bekommt nicht schon einmal Streit mit Kollegen, Bekannten und nächsten Angehörigen? Wem ist nicht dieser oder jener unsympathisch oder ist einem schon einmal auf die Nerven gegangen? Es gibt vielleicht Menschen, die man sich möglichst weit weg wünscht, dort, wo der Pfeffer wächst.

Aber im normalen Leben ausgesprochene Feinde zu haben, ist eher die Ausnahme als die Regel.

Was kann das also heißen: seine Feinde lieben?

Die Sozialpsychologie, die Wissenschaft, die sich Gedanken macht, wie Menschen und Gruppen aufeinander reagieren, macht die Sichtweise Jesu deutlich, dass Feindesliebe nicht nur die Liebe zum ausgesprochenen Feind beinhaltet. In der Sprache dieser Sozialpsychologie würde die Forderung Jesu dann etwa so lauten: „Fühle dich von den Angehörigen der Fremdgruppe nicht weiter entfernt als von denen deiner Wir-Gruppe!“
Die Wir-Gruppe sind jene, bei denen ich mich zu Hause fühle, für die ich gerne das Wort „wir“ gebrauche, es sind die, die ich liebe: meine Familienangehörigen, meine Freunde und Kollegen. Mit ihnen verstehe ich mich gut, ich unterhalte mich gerne mit ihnen, höre ihnen zu. Ich denke mich in sie hinein, mache ihre Fragen zu meinen Fragen, ihre Not zu meiner Not, ihre Sorgen zu meiner Sorge.

Fremdgruppen dagegen bestehen aus all denen, zu denen ich „ihr“ oder „die“ sage: die Jugend, die Franzosen, die Ossis, die Wessis, die Bischöfe usw. Es sind die, die ich nicht kenne, und die mich auch nicht reizen, sie kennen zu lernen. Sie sind mir gleichgültig, manchmal lästig, unsympathisch.

„Fühle dich von den Angehörigen der Fremdgruppe nicht weiter entfernt als von denen deiner Wir-Gruppe!“. Nähe wird verlangt. Wer lieben will, sucht den anderen kennen zu lernen und zu verstehen. Das ist der erste Schritt zur Gemeinschaft. Er sieht zu, hört hin. Er sagt denen etwas, die ihm nichts sagen. Er lässt die, die ihm nicht liegen, nicht links liegen; er denkt sich in sie hinein, indem er wohlwollend durchdenkt, warum sie so und nicht anders reden, handeln und reagieren.

Ich las letzthin in einem Zeitungskommentar eine sehr interessante Begründung, warum sich Israelis und Palästinenser bis aufs Messer feindlich sind. Die Antwort ist in unserem Sinn verblüffend: Obwohl sie räumlich zusammenleben, kennen sie sich nicht und wollen sich auch nicht kennen lernen. Das ist der Hauptgrund ihrer Feindschaft.
Aber bleiben wir bei uns. Das Einander- fremd- werden nimmt immer mehr zu. Wie oft habe ich schon gehört: „Ja, wissen Sie, auch bei uns auf dem Dorf werden die Leute sich immer fremder. Sie laufen immer mehr aneinander vorbei. Keiner nimmt mehr wirklich Anteil an dem anderen. Man braucht ja auch nicht mehr den anderen, jeder lebt relativ unabhängig in seinem Wohlstand und da gibt es auch noch das Fernsehen.“
Wenn uns, soziologisch ausgedrückt, die Fremdgruppe kalt lässt, z.B. wenn wir uns in keiner Weise bemühen, die Ausländer in unserem Land zu verstehen, dann bekommt das Wort Jesu von der Feindesliebe doch einen sehr realistischen Bezug und ist ganz und gar nichts Überstiegenes.

Zu dieser Lebenshaltung schreibt Hermann Hesse: „Wir töten, indem wir vor Armut, Not, Schande die Augen zudrücken. Wie für den konsequenten Sozialismus das Eigentum ein Diebstahl ist, so ist für den konsequenten Gläubigen jenes Nichtanerkennen von Leben, jede Härte, jede Gleichgültigkeit, jede Verachtung nichts anderes als Töten.“
Konrad Lorenz hat als eine der „acht Todsünden der zivilisierten Menschheit“ den „Wärmetod der Gefühle“ genannt, den Schwund der Fähigkeit, Nöte in unserer Umgebung zu sehen und an uns heran zu lassen, die verborgenen Wünsche der nächsten Menschen zu ahnen und den Mut zu haben, sich in das Leben der anderen einzumischen, um ihnen zu helfen.

Allen auf einmal nahe kommen wollen, ist unmöglich. Aber wenn sich ein jeder bemühte, nur zu einem einzigen Menschen eine bessere Beziehung aufzubauen und zu leben! Ich weiß noch, dass ich zu einem Bruder in meinem Kloster am Anfang gar keine Beziehung hatte, dass ich mit ihm nichts anfangen konnte. Der Grund war, dass ich ihn eigentlich gar nicht kannte. Und wie sich das Verhältnis gewandelt hat, weil ich an seinem Leben Anteil nahm und erst jetzt sein wahres Wesen kennen lernte. Heute sind wir befreundet
Noch ein letzter Gedanke:

Wir müssen auch unterscheiden lernen zwischen dem Bösen, das uns einer antat, und dem Menschen, der das Böse tat. Nur wenn wir mit dem Bösen nicht ihn selbst verdammen, wird überhaupt Feindesliebe möglich.

Der hl. Franz von Sales hat es ins Positive gewandt so gesagt: „Man soll solange bei einem Menschen nicht aufhören zu suchen, bis man etwas Gutes bei ihm gefunden hat.“
Und der hl. Benedikt sagt es in seinem Kapitel über den Abt: „Der Abt hasse das Böse und liebe die Brüder“ (RB 64,11).

Das lehrt uns der barmherzige Samariter. Selbst für uns schwache und zerbrechliche Menschen ist dieses Modell der Liebe anwendbar, ja noch mehr: Es ist heilsam für unser eigenes Leben. Amen.