Predigt zum 100ten Jahrestag von Fatima

P. Ambrosius Leidinger OSB, 13. Mai 2017 in der Stiftskirche Neuburg

Meine lieben Schwestern und Brüder!

Von Kindertagen an sind wir katholischen Christen daran gewöhnt, die Gottesmutter mit vielen Namen zu nennen nach dem Gesetz des Herzens, das für den geliebten Menschen immer neue Namen erfinden möchte und ihrer nie genug finden mag.

So rufen wir Maria in der lauretanischen Litanei mit immer neuen Namen an. Wir sagen:

„Mutter des guten Rates“, „Mutter der schöne Liebe“,
„Jungfrau, mächtig zu helfen“.

In meiner Heimat pilgert man nach Luxemburg zur „Trösterin der Betrübten“.

Wenn im Laufe der Geschichte Krisen und Katastrophen kamen, hat man der langen Reihe dieser Anrufungen die eine oder andere noch hinzugefügt.

Als die Französische Revolution das Abendland erschütterte, hat Papst Pius VII. die Anrufung „Auxilium Christianorum“, „Du Hilfe der Christen“ hinzugefügt, als im letzten Jahrhundert zum ersten Mal unendliche Ströme von Blut im Ersten Weltkrieg sinnlos vergossen worden waren, Papst Benedikt XV.: „Regina pacis“, „Du Königin der Friedens“.

In dieser ernsten Zeit vor 100 Jahren, in der eine ganze Generation von jungen Männern sinnlos hingeschlachtet wurde, ist Maria den drei Hirtenkindern in Fatima erschienen. Sie trat dem Irrsinn entgegen, und sie forderte die Christen auf, sich ganz neu durch das Gebet auf Christus auszurichten, selbst aktiv zu werden, durch das Gebet das Schicksal zu wenden, dem Irrsinn entgegenzutreten.

Uns klingt das Gedicht Reinhold Schneiders von 1936 in den Ohren:
Allein den Betern kann es noch gelingen
Das Schwert ob unsern Häuptern aufzuhalten
Und diese Welt den richtenden Gewalten
Durch ein geheiligt Leben abzuringen.
Ich möchte weiter zitieren:
Denn Täter werden nie den Himmel zwingen:
Was sie vereinen, wird sich wieder spalten,
Was sie erneuern, über Nacht veralten,
Und was sie stiften, Not und Unheil bringen.
Jetzt ist die Zeit, da sich das Heil verbirgt,
Und Menschenhochmut auf dem Markte feiert,
Indes im Dom die Beter sich verhüllen,
Bis Gott aus unsern Opfern Segen wirkt
Und in den Tiefen, die kein Aug‘ entschleiert,
Die trockenen Brunnen sich mit Leben füllen.

Meine lieben Schwestern und Brüder,

Ich meine, wenn wir heute 100 Jahre Fatima feiern, dann könnten wir ganz privat diesen Anrufungen der lauretanischen Litanei eine neue hinzufügen: „Du stille Jungfrau, bitte für uns“.

Wir wissen aus dem Leben dieser Frau eigentlich außerordentlich wenig. Aber aus dem wenigen, was wir wissen, können wir schließen, dass über ihr ein Hauch von Stille, von Besinnlichkeit, von Innerlichkeit gewesen sein muss. Die Bibel sagt es in sparsamen Worten ganz deutlich: „Maria aber bewahrte alle diese Worte in ihrem Herzen“.

Und die Bibel tut sogar noch mehr: sie stellt uns nämlich deutlich vor Augen, dass das keine passive Stille ist, keine tödliche Stille, wie wir modernen Menschen vielleicht fürchten möchten. Die Bibel zeigt ganz deutlich, dass Maria das war, was wir einen einsatzbereiten Menschen nennen.

Ihre Einsatzbereitschaft, sich hineinzustellen in das, was Gottes Willen von ihr erwartete, kam ja gerade aus der Stille.
Und ich meine weiter, dass diese lebendige Stille, die wir an Maria sehen und vielleicht bewundern, das ist, was uns Menschen bitter Not tut in einer Welt des Lärms und der Hetze und der schreierischen Reklame.
Wir stehen in Gefahr, innerlich gar nicht mehr still werden zu können.

Unsere Vorfahren haben nicht umsonst von einem Höllenlärm gesprochen. Der hl. Bischof Ambrosius von Mailand hat einmal gesagt: „Der Teufel braucht Lärm, Christus braucht Stille“.

Und es ist vielleicht kein anderes Gebet als das Rosenkranzgebet, in dem uns Maria innerlich an die Hand nimmt und uns zu Jesus führt, das wir innerlich ausruhen, aufatmen können, den Hauch von Stille, von Besinnlichkeit, von Innerlichkeit spüren, wie wir es bei Maria gesehen haben.

Meine lieben Schwestern und Brüder!

Ich habe vor einigen Wochen ein Buch des großen französisch-sprachigen Schriftstellers Eric-Emmanuel Schmitt gelesen: Der Titel: „Mein Leben mit Mozart“.

Ich fand dort einige bemerkenswerte Sätze über die Stille. Einen Satz möchte ich zitieren:
„Deine Musik, Mozart, hält inne, dicht an der Stille …

Es gelingt Dir beinahe, die Musik der Stille anzunähern, denn du weißt, Nachdenklichkeit und Staunen – diese Gabe unserer frühen Jahre - empfindet man nur fern allen Lärms.“

Dieser Satz über Mozarts Musik beschreibt so wunderbar Maria.

Nachdenklichkeit und Staunen – diese Gabe unserer frühen Jahre - mit der Empfindung für Gottes Stimme fern allen Lärms.

Jehudi Menuhin, der berühmte Geiger, 1999 in Berlin gestorben, schreibt über die Musik und die Musiker:
„Im Idealfall muss es so sein, dass der Spieler gleichmäßig seine Partitur vorträgt und so viel Unregelmäßigkeit zulässt, dass ein Element von Bewegung durchkommt, von dem das Ganze lebt,
ein Spielraum eröffnet wird: la part de Dieu - Gottes Part.
Davon bekommt jede Musik ihre Strahlkraft.“
So ist es auch beim Gebet, beim Rosenkranzgebet: Dieses kontemplative Gebet hat eine große Gleichmäßigkeit, aber auch dieses Element der Stille, in dem sich der Spielraum Gottes eröffnet.
Wahre Kunst, wahre Musik, wahres Gebet, unser Leben hat eben ein Plus, ein Mehr, den Esprit, etwas über den Rand des Sichtbaren hinaus, ein Plus, ein Mehr,
- la part de Dieu, den Part Gottes.
Davon bekommt jedes Leben seine Strahlkraft.

Ich habe in Paris studiert und bin sonntags nachmittags oft in Notre Dame in die Vesper gegangen und daran anschließend war die Abendmesse, meistens mit dem Kardinal, damals Lustiger. Vor der Vesper war meistens ein Konzert und so waren -international wie Paris ist- eines Tages ein japanischer Chor dort, der Gregorianischen Choral sang. Das hatte mich natürlich sehr interessiert.

Ich habe heute noch das „Ave Maris stella“ im Ohr, ganz und gar perfekt gesungen, aber noch heute tun mit die Ohren weh, die Musik war wie Plastik, ohne Seele. Das Plus, die Seele, das Geheimnis der Musik war nicht erfasst.

- Bei uns Mönchen ist es eher umgekehrt: Bei den vielen Alten können wir gar nicht perfekt singen. Aber die Seele der Musik ist erfasst, wir leben mit dieser Musik und aus dieser Musik heraus, die Qualität unserer Musik ist, dass sie unser Gebet vor Gott ist.

Noch ein letztes Beispiel aus der Musik:
Der Messias von Händel hat einen eigenartigen Schluss. Vor dem allerletzten Takt des letzten Amen ist eine Generalpause - 4 Sekunden lang.
4 Sekunden: das ist lang.

In diesen 4 Sekunden Pause ersteht das ganze grandiose Stück noch einmal vor dem geistigen Auge. Interpreten sprechen davon, dass diese Pause die Seele des Stückes sei. Aus dieser Stille wächst dann das letzte Amen heraus.
O, Maria, du stille Jungfrau, bitte für uns, jetzt und in der Stunde unseres Todes. Amen.