Predigt zum 10. Sonntag im Jahreskreis 2016

P. Ambrosius Leidinger OSB, 4. Juni 2016 in der Stiftskirche Neuburg

Evangelium: Lukas 7, 11-17

Meine lieben Schwestern und Brüder,

als ich dieser Tage in unserer Bibliothek arbeitete, sind mir alte Predigtvorlagen aus den 60ziger Jahren in die Hände gefallen.

Da stand über neutestamentliche Wunder zu predigen sei immer eine heikle Sache. Sie enthielten zwar eine Wahrheit, aber nur so wie bei Märchen. Wortwörtlich sei das alles nicht zu nehmen, deshalb solle man auch nicht auf dem Wunderbaren herumreiten.
Ich erinnerte mich an meinen Heimatpfarrer aus der damaligen Zeit, meiner Jugendzeit. Der Herr Dekan war eine große Persönlichkeit und ein tüchtiger Mann. Rastlos tätig, permanent überarbeitet, bewegte – wie man so sagt – Welten, verwandelte die aus dem Schutt des Krieges provisorisch aufgebaute Kirche in einen sakralen Prachtbau, war auf jedem Festchen zu finden, machte eine tolle Jugendarbeit. Er hat mir imponiert.

Als ich dann eines Tages als Abiturient zu ihm ging und ihm eröffnete, ich wolle auch Priester werden, da wurde er merklich still und zurückhaltend, als ich dann zwei Jahre später ins Kloster eintrat, da war er total distanziert und verwirrt und wurde damit nicht fertig, und er gestand mir, Jesus sei für ihn eine faszinierte Gestalt, aber das mit der Auferstehung und das mit dem Leben nach dem Tod, das mit dem Himmel, das wüsste er nicht. Nein, sage er, wenn er ehrlich sei, er habe sich sein ganzes Leben für die Menschen eingesetzt und Jesus sei sein großes Vorbild. Und er sagte, er brauche den „ganzen Zauber“ nicht. Was er denn damit meine?

Das mit der Auferstehung sei ein nachösterliches Interpretament, eine Erfindung, eine Projektion der Jünger nach Ostern. Und der schon alte Mann fügte hinzu:
„Ich bin froh, wenn das ganze Theater vorbei ist!“ Er meinte sein Leben. „Dann will ich Ruhe haben, sonst nichts!“ Zu meiner Einkleidung kam er nicht.

Es war dann eine große Beerdigung, als er starb, und sein rastloser Einsatz wurde überschwänglich gewürdigt.

Ich glaube nicht, dass Gott ihm nur seine Ruhe ließ, vielmehr - um es bildlich auszudrücken - wird er ihn in den Arm genommen und auf seine göttliche Art überrascht haben.

Und da war noch ein anderer Priester, der für mich ganz wichtig war, mein Religionslehrer. Er überzeugte ganz anderes. Die Leute sagten, er sei ein sehr weltlicher Herr und sie meinten damit, ihm wäre nichts Menschliches fremd und er passte gar nicht ins vermeintlich fromme Priesterbild.

Wir kamen bei ihm im Religionsunterricht auf den Himmel zu sprechen. Wir fragen ihn also nach dem ewigen Leben: „Sagen Sie uns, was ist der Himmel?“ „Was Ihr wollt?“
„Wie? Was Ihr wollt?“

„Na, wie ich es Euch sage: Was Ihr wollt? Was Ihr Euch ganz tief innen wünscht!“
Häh“ „Und wenn wir unserer Mutter die Pest an den Hals wünschen?“
„Dann wünscht ihr in Wahrheit Gerechtigkeit.“
„Und wenn wir unkeusche Wünsche haben?“
„Dann wünscht Ihr Euch zu lieben und geliebt zu werden und Seligkeit.“
„Und wenn wir davon träumen, Fußball zu spielen wie Beckerbauer und so viel Geld zu verdienen wie er?“
„Dann wünscht Ihr Euch Vollkommenheit, Stärke, Schönheit, Souveränität, Gemeinschaft, Glück, Unabhängigkeit, materielle Sicherheit …“
Ich denke oft an dieses Gespräch.
Wenn wir in das heutige Evangelium schauen, und nach dem ewigen Leben fragen, dann sehen wir, dass in zwei Ebenen gesprochen wird, in einer individuellen und einer universalen.

Die Hauptsache hat nicht der tote junge Mann gespielt. Sein Leichenzug steht zwar in der Mitte der Szene, aber es heißt nicht: Als Jesus den Toten sah, sondern: „Als er seine Mutter sah, da wurde er von Erbarmen überwältigt. und er sagte ihr: ‚Weine nicht’“.
Und was er dann tut, endet auch wieder bei der Mutter: „Und er gab ihn seiner Mutter zurück.“ Im Vordergrund steht also nicht die Totenerweckung, sondern Jesus ließ sich vom Leid der Mutter anrühren.

Im griechischen Urtext heißt es: Er wurde von Erbarmen überwältigt. Noch zweimal kommt dieses „von Erbarmen überwältigt“ bei Lukas vor: Beim verlorenen Sohn. „Er war noch weit weg, da sah in sein Vater, wurde von Erbarmen überwältigt, lief ihn entgegen, fiel ihn um den Hals und küsste ihn“ (Lk 15,20).

Und: „Ein Samariter aber, der des Weges zog, kam herbei, sah ihn und wurde von Mitleid überwältigt“ (Lk 10,33).

Dasselbe wird hier im Evangelium von Jesus gesagt. Er bringt es nicht fertig, an dieser Frau vorbeizugehen.

Denn sie ist ja auch ausgeraubt worden. Sie ist dem brutalsten Räuber in die Hände gefallen, den es gibt: dem Tod. Ein erstes Mal hat er sie überfallen und ihr den Mann weggenommen, dann auch noch den Sohn. Schlimmer kann es ja nicht kommen. Und da wird Jesus von Erbarmen überwältigt.

Und dann kommt erst die universale Ebene. Die Witwe, die den Leichenzug anführt, dieses Bild des Jammers, ist zugleich ein Bild der Menschheit, der verzweifelten, völlig ratlosen, vom Rätsel des Todes verstörten Menschheit.

In diesem Trauerzug stehen wir ja alle. Und wenn wir uns in diesem Trauerzug wiederfinden, trifft uns der Blick Christi, der Blick über die Bahre des Todes hinweg, und das wunderbare Wort: „Weinet nicht“.

Und so sagt uns die Geschichte von Naim: es tritt uns der Herr, der auferstandene Herr, an der Pforte des Todes entgegen und sagt: „Weinet nicht! Ich lebe, und auch ihr werdet leben“ (Joh 14,19). „Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er gestorben ist“ (Joh 11,25).

Meine lieben Schwestern und Brüder,
jede Zeit hat ein anderes Bild von Jesus.
Die frühe Kirche entdeckte Jesus als den guten Hirten,
die Romanik verehrte in Christus den Weltenkönig,
die Gotik erkannte den Gekreuzigten,
am Anfang der Moderne war die „Herz Jesu-Verehrung“ stark.

Etwas von dieser Wucht einer Epochenerkenntnis hat der Nachdruck, den der alte Papst Johannes Paul II. auf den „Gott der Barmherzigkeit“ legte.

Bei seinem letzten Polenbesuch sagte er: „Die Stunde ist gekommen, in der die Göttliche Barmherzigkeit die Hoffnung in den Herzen verbreiten und zum Funken einer neuen Zivilisation werden muss, der Zivilisation der Liebe“.

„Außer der Barmherzigkeit Gottes gibt es keine andere Quelle der Hoffnung für die Menschen“. Und der Papst sprach so oft von der Kultur des Todes, von einer unbarmherzigen Welt, und der Zivilisation der Liebe.

Diese Zivilisation der Liebe ist der Sauerteig, den wir Christen in die Gesellschaft einbringen müssen, ohne die die Auferstehungshoffnung unglaubwürdig ist. Barmherzigkeit und ewiges Leben gehören zusammen: das hat uns Jesus heute im Evangelium gezeigt.

In seiner Regel hat der hl. Benedikt einen gewaltigen Tugendkatalog mit 74 Artikeln aufgestellt. Der letzte, der alles zusammenfasst, lautet: „Und an Gottes Barmherzigkeit niemals verzweifeln.“ Er sagt nicht wie sonst immer gesagt wird: „Auf Gottes Barmherzigkeit hoffen“. Wenn schönes Wetter im Leben ist, ist es einfach, von Gottes Barmherzigkeit zu reden, ja, aber man kann auch an Gott verzweifeln, man spürt so oft nichts von seiner Barmherzigkeit, man kann den Glauben verlieren angesichts der Not und des Elendes und der Ungerechtigkeit unter den Menschen. Man kann sich für deren Überwindung einsetzen, wie es mein alter Pastor so mustergültig getan hat, und trotzdem den Glauben verlieren. Das passt in unsere Welt.

Was sind wir denn? Wir sind die Generation von Leuten, die mit allem fertig werden, bloß nicht mit sich selbst. Wir zweifeln an allem; am meisten zweifeln wir an uns selbst. Und da sollen wir an Gottes Barmherzigkeit nicht zweifeln. Wie modern doch der hl. Benedikt ist.
Die Frage, wie es denn mit dem Himmel aussieht, kann uns niemand beantworten. Das scheint Jesus nicht wichtig zu sein. Viel wichtiger ist ihm: Er wurde von Erbarmen überwältigt.

Da gab er Zeugnis von seiner Auferstehung und vom ewigen Leben. Amen.