Predigt zum 1. Advent 2016

P. Johannes Naton OSB, 27. November 2016 in der Kapelle des St. Elisabeth Krankenhauses

Lesungen: Römer 13,11; Evangelium: Mt 24,29-44

Liebe Schwestern und Brüder,

Bedenkt die Zeit, so ruft uns Paulus im Römerbrief zu. Natürlich, wir kennen die Zeit, der Advent beginnt. Was verbinden wir mit dieser Zeit, mit diesem Begriff? Welche Gedanken kommen uns, wen wir das Wort ADVENT in diesen Tagen immer wieder hören?Spontan dominieren wohl Begriffe wie: Weihnachtsvorbereitungen, Schmuck und Dekoration für Haus und Kirche, Weihnachtsmärkte, Besuche, Adventskonzerte, Geschenke besorgen, Grüße schreiben, Küchenplan erstellen etc... ;

Besser wären ja eigentlich folgende Stichworte: Zur Ruhe kommen, Hoffnung schöpfen, Familie, Gemütlichkeit, Kerzenlicht;

Am besten aber: Einkehr, Umkehr, Ankunft Jesu, Gottesdienste, Adventskranz, Bibelworte…

Wer aber verbindet schon mit Advent das Wort WACHSAMKEIT? Der Evangelist Mattäus erwähnt es. Aber ist das Evangelium gut gewählt? Passt das zum Advent? „Ihr kennt nicht die Zeit!“ so schreibt er. Das stimmt ja nicht. Wir kennen den Termin genau: 24. Dezember! Den Heiligen Abend vergißt hier keiner!

Aber obwohl wir wissen, das dieses Fest verlässlich alle Jahre wieder zum gleichen Termin stattfindet, geschieht es erstaunlich oft, dass Advent oder die Weihnacht misslingen. Ja gerade bei aktiven, engagierten Christen wird der Advent oft zu einer puren Stresszeit, einer pastoralen tour de force. Zur Ruhe oder gar innerer Andacht kommt man selten oder nie, an kaum einem Tag wird soviel gestritten wie an Weihnachten.

Daher ist es haargenau richtig, am 1.Adventssonntag die Wachsamkeit einzufordern. Matthäus tut das zwar im Blick auf das Ende der Geschichte und die Wiederkehr Christi, aber im Prinzip gilt das genau so für jeden von uns Christen immer dann, wenn der Advent beginnt. Wir wissen eben nur das Kalenderdatum des Kirchenfestes, wir kennen aber nicht den Augenblick unserer nächsten Gottesbegegnung: Wann im Advent wird mir ein Wort oder ein Mensch so begegnen, dass mein Herz mit Hoffnung erfüllt wird?

Wann wird am Weihnachtsfest Christus mein Herz wirklich berühren, so dass wenigstens für einen kurzen Moment seine Menschwerdung in mir selbst geschieht?

Das Weihnachtsfest ist so von säkularem Kitsch überlagert und dabei in seiner Botschaft so geheimnisvoll, dass die Gefahr für uns groß ist, dieses Fest zu versäumen. Erschwerend kommt hinzu, dass unsere westliche Kultur Advent und Weihnacht immer mehr entleert und mit nichtigen Scheinthemen überfrachtet, so dass diese beiden Zeiten nicht mehr unterschieden werden. Die Vorbereitung und das Fest selbst werden nicht getrennt, sondern zu einer monatelangen Konsumkitsch-Dauerorgie vermengt.

Jeder Fussballer weiß zwischen Trainingslager und WM-Turnier zu unterscheiden, jedes Kind kennt den Unterschied zwischen dem Backen eines Kuchens und dem Aufessen. Die Qualität von Torten und Turnieren hängt wesentlich von der Sorgfalt der Vorbereitung ab. Warum nicht auch bei Advent und Weihnacht?

Wenigstens die überzeugten, aktiven Christen sollten diese Unterscheidung ernst nehmen. Ein Markt am 1.oder 2.Advent kann kein Weihnachtmarkt sein, sondern eben ein Adventsmarkt. Ein Christbaum mit Kerzenschmuck gehört zum Heiligen Abend, nicht zum Nikolaustag, und das Christkind kommt eben noch nicht 12. oder 15.Dezember, es ist nur unterwegs. Ein Christkindlmarkt Ende November ist lausiges Timing. Und die Geburt des Herrn feiern wir ja auch nicht, wie ich anfangs behauptete, am 24.12., sondern am Beginn des 25. Dezember, denn erst nach dem dunkelsten Moment der Nacht kommt der Jubel der Engel.

Gewiss, das sind Kleinigkeiten, aber sie zeugen vom Verlust der Aufmerksamkeit.

Lassen wir uns also vom Evangelium wachrütteln. Machen wir aus unserem Taschenkalender einen Adventskalender:

Setzen wir bewußt einige feste Termine hinein, die dem Nachdenken, der Stille, dem Lesen in der Bibel oder einem geistlichen Buch gewidmet sind. Streichen wir einige Termine, die nur stressig und eigentlich überflüssig sind.

Und machen wir aus dem Advent wieder das, was es von Anfang an in der Christenheit war: Eine Fastenzeit! Ersetzen wir einige große Genüsse durch kleinere, machen wir die nächste Freude nicht uns selbst, sondern einem Mitmenschen, sparen wir körperliche und geistige Kräfte ab und zu für Wesentliches auf statt für Zerstreuung. Und, warum nicht, auch Buße wäre ein Thema: Welche Angst oder welche Schuld könnte mein Weihnachtsfest verdunkeln und sollte daher bedacht und bereinigt werden? Welche kleine Untugend meines Alltagslebens könnte mit etwas Mühe in eine kleine Tugend umgewandelt werden? Mit welchem meiner Mit-Menschen müsste ich Versöhnung feiern, bevor Weihnacht gefeiert werden kann?

Für all das braucht es die von Jesus eingeforderte Wachsamkeit! Es geht nicht um pausenlose Tugendhöchstleistung, es geht um das Erspüren des Momentes, wann das eine oder andere der genannten Dinge gelingen könnte. Und gelänge nur ein einziger Termin der Besinnung in den vier Wochen, und könnte nur ein einziger Verzicht von mir einem anderen Menschen zum Segen werden, und würde ich eine einzige schlechte Angewohnheit in eine gute wandeln können, es wäre ein Advent nach dem Herzen des Herrn.

Amen!