Predigt zu Neujahr 2018

P. Ambrosius Leidinger OSB, 1. Januar 2018 in der Stiftskirche, Heidelberg

Liebe Schwestern und Brüder!

„Wird‘s besser, wird‘s schlimmer, so fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich, Leben ist immer lebensgefährlich“: das war Erich Kästner.
An der Jahreswende ziehen wir gerne Bilanz. Wir schauen zurück und nach vorne. Wir wollen die Zeit strukturieren und deuten. Wir wollen dem Leben und der Zeit, die dahinfließt, einen Sinn geben und die etwas lakonischen Sätze von Kästner drücken etwas aus, was die Geschichtsphilosophie bewegt.

Da gibt es die einen, die sagen, es wird schlimmer. Philosophen, Vordenker des dauernden Niedergangs, gibt es in allen Spielarten. Manche von denen prophezeien zwar den Untergang des Abendlandes, aber sagen: das Gesetz der Geschichte folgt organischen Grundmustern. Da blüht eine Kultur, ein Weltreich auf, und dann ermüdet es und junge frische Völker stoßen nach. Es ist ein organischer Kreislauf.

Ein weiteres Geschichtsverständnis: die Wiederkehr des immer Gleichen. Und das sagt auch schon der Prediger: Nichts Neues unter der Sonne.

Und dann gibt es auch die, die sagen, es wird besser. Gerade hinter der Neuzeit, hinter den letzten Jahrhunderten, steht - sagen wir - dieser Mythos - vielleicht am deutlichsten bei Hegel. Die Geschichte ist eine immer größere Selbstverwirklichung des Geistes.

Ein Meisterschüler Hegels, Karl Marx, hat diese Sichtweise auf ökonomische Prozesse ausgelegt, auf politische Revolutionen, und was dabei herauskam, das wissen wir auch alle. Also der Fortschritt zum immer Besseren: da sind wir total ernüchtert.

Nun sagen viele, hinter diesem Fortschrittsdenken steckt das alte Konzept der Heilsgeschichte. In der Tat, es beginnt wie im goldenen Zeitalter, mit dem Paradies, wunderbar.

Und dann passiert dort der größtmögliche Gau. Die Menschen, denen Gott einen wunderbaren Garten gegeben hat, wollen plötzlich sein wie Gott. Und die Menschen, die in Familien zusammenleben sollten, enden im Brudermord und die Reiche der Erde sollen in Babel in ein Einheitsreich, in eine Einheitssprache gezwungen werden, was immer alle Machthaber versuchten, und dann die totale Verwirrung.

Die Heilsgeschichte verläuft sehr diskontinuierlich. In der Geschichte Israels schließt Gott mit diesem Völkchen einen Bund, und der wird gebrochen. Oft im Bild der Liebe beschrieben, im Bild der Ehefrau, die Ehebruch begeht.

Natürlich gibt es die Verheißung, dass am Ende alles gut wird, und es gibt den verheißungsvollen Anfang, aber ein Gesetz der Geschichte ist sich da wohl schwer ablesen.

Was würde Jesus sagen? Er erzählt Geschichten, erzählt Geschichten vom Richtigen mitten im Falschen, Geschichten von Armen, von Trauernden, von Friedenstiftern, die gerade in dieser Welt oft nicht durchdringen. Aber es sind Hoffnungsgeschichten, und er sagt: ich streue wie ein Sämann Samen aus und ich weiß: vier Fünftel geht daneben, aber auf einem kleinen Fleckchen, in manchen Herzen geht’s doch auf.

Oder er erzählt Alltagsgeschichten von einer Frau, die Brot backt und nicht deren Kneten, nicht das Wasser, das sie hinzutut, ist entscheidend, sondern die eigene Kraft dieses Sauerteigs. Da wird sich etwas durchsetzen im Kleinen: das ist es, was Jesus erzählt. Ihr könnt mitten im Falschen das Richtige tun, und er würde auch sagen: Bei allem Tun, bei allem Handeln habt ihr es nicht in der Hand. Und Jesus würde uns sicher für unser persönliches Leben, für das Geschick der Welt, seine Grundbitte ans Herz legen: Dein Reich komme. Deine Kraft wollen wir durch unsere Offenheit in unser Herz ziehen. Dein Reich komme, aber nicht nur in unser Herz, sondern auch in unsere Strukturen, in unsere Familien, in die von Terror geplagte Welt, in die Pulverfässer, die es überall gibt.

Die Zeitalter sind sich immer gleichgeblieben, sagte Goethe. Der große Skeptiker und auch Melancholiker konservativen Zuschnitts hängt wohl dem zyklischen Geschichtsbild an, nicht dem Fortschritt, aber auch nicht der reinen Dekadenz, aber dann kommt der entscheidende Satz des Dichterfürsten: „Das einzige, worauf es wirklich ankommt, sind echte Menschen“, echte Menschen, die im Kleinen Gegengeschichten schreiben, Menschen, die trotz allem - Gutes tun, und damit wären wir wieder bei Erich Kästner gelandet, bei seinem vielleicht berühmtesten Diktum: „Es gibt nichts Gutes außer man tut es“, und Jesus würde hinzufügen: Ihr könnt es tun, wenn ihr euch auch im neuen Jahr von Gottes Geist führen und erfühlen lasst.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein gutes, ein von Gottes Geist gesegnetes Neues Jahr, worauf wir alle sagen können: Amen, so sei es.