Predigt zu Neujahr 2017

P. Johannes Naton OSB, 1. Januar 2017 in der Stiftskirche Neuburg

Lesungen: Num 6,22-27; Gal4,4-7; Lk 2,16-21

Liebe Kinder, liebe Schwestern und Brüder!

Man kann unsere kleine Klosterkirche derzeit nicht betreten, ohne die Weihnachtskrippe wahrzunehmen. Möglicherweise ist Ihnen dabei nichts Besonderes aufgefallen. Es ist eine hübsche Krippe, liebevoll aufgebaut, gute Handwerksarbeit steckt in dem Stallbau, und die Figuren sind bekleidet mit Stoffen alter Messgewänder. Ein paar Weihnachtssterne und zwei Weihnachtsbäume geben den Rahmen für das friedliche Idyll dieser Szene.

Ähnliches sehen wir derzeit in fast allen Kirchen, ganz gleich, welcher Konfession, so will es die Tradition. Das heißt, die Tradition will es gerade nicht, de facto ist das eine ganz neue Erscheinung, zumindest in dieser Zusammenstellung: Christbaum und Krippe beieinander.

Der Christbaum ist einer der jüngsten von allen Weihnachtsbräuchen und dabei sehr deutsch und – evangelisch! Erst im 18.Jahrhundert startete der Tannenbaum als Christtagssymbol seinen Siegeszug um die ganze Welt. Goethe erwähnt in den Leiden des Jungen Werther einen solchen Christbaum, und im mittleren 19.Jahrhundert breitet sich das Schmücken von Tannen in den bürgerlichen Familien über Europa und dann über die ganze Welt aus. Aber eben erst dann. Warum so spät?

Zwar läßt sich durch historische Quellen belegen, dass schon im Jahre 1521 in der Stadt Münster Weihnachtsbäume als Schmuck in wohlhabenden Familien vorkamen. Nur bei Wohlhabenden, denn Tannenbäume waren zu damaliger Zeit in Mitteleuropa selten und vor allem in Skandinavien beheimatet. Die wenigen erhältlichen Bäume waren also teuer und nur für Reiche erschwinglich, ärmere Familien begnügten sich mit einzelnen Zweigen. Erst im späten 19.Jahrhundert ließ die preussische Regierung systematisch große Tannenwälder in unseren Breiten für Nutz- und Bauholz anpflanzen, und damit verbreitete sich auch der weihnachtliche Tannenbaum schnell. Zudem war er bei den EVANGELISCHEN CHRISTEN ein willkommenes Gegensymbol zur katholischen Krippentradition, die seit dem reformatorischen Bildersturm unter Verdacht stand, oberflächlicher Zierrat zu sein und von der reinen Lehre Jesu abzulenken. Und je mehr die Protestanten herrliche Bäume in ihre Kirchen stellten, desto mehr polemisierten die Katholiken dagegen: BÄUME? HEIDENKRAM, LUTHERMUMPITZ! Warum denn nur Heidenkram? Nun, es gab Historiker, die meinten, das Schmücken von Christbäumen gehe auf den heidnischen Mithras-Kult zurück, kurz vor Jesu Geburt war die Anbetung dieses Sonnengottes im römischen Reich Mode geworden, und zur Wintersonnenwende schmückte man diesem Gott tatsächlich einen Baum, aber keine Tanne, eher Lorbeerbäume. Und eine Tanne hat zugegebenermaßen noch keine spezifisch christliche Aussage in sich. Es ist ja auffällig, dass immer häufiger das Entfernen von Kreuzen aus der Öffentlichkeit gefordert wird, weil Religion Privatsache sei. An den monströsesten Weihnachtsbäumen auf Marktplätzen und Regierungspalästen jedoch nimmt niemand Anstoß. Sollte er doch nur ein leeres Zeichen sein, dass auch Mitrasjünger und Agnostiker schätzen können? Doch man tut den Protestanten Unrecht, wenn man ihnen diese Mithras-Nummer in die Schuhe schieben wollte, ebenso wie die evangelische Verteufelung der Krippe ganz unnötige Polemik gewesen war. Denn beides sind zutiefst biblische Formen der Verkündigung. Der Krippenbau fasst die Weihnachtstexte von Lukas und Matthäus bildhaft zusammen, und der Gedanke des Weihnachtsbaumes ist verwurzelt im Psalm 96: Es jauchze die Flur und was auf ihr wächst! Und jubeln sollen die Bäume des Waldes, wenn der Herr kommt!

Wie kann nun ein jubelnder Baum aussehen? Doch nur so: Der Baum, der immerzu grün und nur grün ist, er leuchtet plötzlich von Gold und Silber. Der immer nur Zapfen und Nadeln trug und nie Früchte, er trägt plötzlich Kugeln und Sterne und süßes Gebäck!

Und das ist die Botschaft: Wenn Christus kommt, betrifft das nicht nur ein paar wenige, ein paar Auserlesene, ein paar besonders fromme Menschen, es betrifft die ganze Schöpfung! Die Geschichte des gesamten Kosmos ist neu geschrieben in dem Moment, da der Schöpfer der Welt sich zu einem Teil der Schöpfung macht, in dem der Erlöser den Leib der Unerlösten annimmt. Und jedes Geschöpf, dass sich für diesen Erlöser, für das Kind in der Krippe öffnet, kann plötzlich ein fruchtbares Leben führen, auch wenn er vorher der Armseligste und Einfältigste von allen gewesen wäre. So eine schöne Botschaft, Bäume und Stall verkünden sie gleichermaßen. Und wir Christen hatten Jahrhundertelang nichts besseres zu tun, als diese beiden Zeugen gegeneinander auszuspielen und unsere konfessionelle Streitsucht zu bedienen.

Am Hochfest der Gottesmutter wird im Evangelium ein ganz schlichter Satz zur segensreichen Weisung: Maria bewahrte alles in ihrem Herzen und dachte darüber nach. Mit Nachdenklichkeit hatte der Streit um Krippe und Tanne ja herzlich wenig zu tun, eher mit zeitgeistverhafteter Blindheit. Selbst das schönste Geschenk Gottes kann derjenige verderben, der in Selbstgerechtigkeit an seiner notorischen Feindseligkeit festhält. Da braucht es den marianischen Geist, der nichts für selbstverständlich hält, der aber immer mit dem Wunder rechnet und der begreift, dass Gottes Liebe nur in Stille und Ausdauer erfasst werden kann. Denn es geht um einen Segen, der wie zu Aarons Zeiten auf ein ganzes Volk gelegt sein soll, ja auf eine ganze Menschheit. Und es geht um einen Segen, der befreit, der aus Sklaven Erben macht, also nicht nur Freie, sondern Teilhaber der Heiles. Völker in der Finsternis und unfreie Menschen sind aber immer noch Bestandteil der politischen Realität, nah wie fern. Der Streit um Tanne und Krippe war noch der harmloseste, den gläubige Menschen austrugen. Den immerhin haben wir überwunden, andere noch nicht.

Gehen wir mit Mariens Segen in das neue Jahr, machen wir uns ihre Besonnenheit zu eigen und begreifen wir die Friedensbotschaft, die in Krippe und Weihnachtsbaum aufleuchtet. Wenn diese in ein paar Tagen oder Wochen wieder aus den Kirchen hinausgeräumt sind, dann kommt es auf uns und unser Zeugnis an. Wie gut oder schlecht, wie segensreich oder traurig das neue Jahr wird, steht und fällt auch mit unserem Beitrag. Das Leuchten unserer Augen, die Güte unseres Handelns und die Wahrhaftigkeit unserer Worte werden den Mitmenschen zeigen, wieviel wir vom Weihnachtsevangelium und dem Vorbild Mariens im Herzen bewahrt haben. Amen.