Predigt zu Karfreitag 2017

P. Johannes Naton OSB, 14. April 2017 in der Stiftskirche Neuburg

L1: Jes 52,13-53,12, L2: Hebr 4,14-16; 5,7-9, Ev: Joh 18,1-19,42

SEHT DAS LAMM GOTTES!

Dieser Ausruf ist uns Christen nicht fremd, praktizierenden Katholiken zumal, die in jeder Eucharistiefeier vor dem Empfang der Kommunion diesen Ruf des Priesters erwarten und routiniert mit dem Vers „Herr ich bin nicht würdig“ antworten.
Mit dem Karfreitag kommt uns das LAMM wieder in den Sinn, es ist wichtiger Teil des Festgeheimnisses.

Der Prophet Jesaja spricht davon in der ersten Lesung. Das Lamm als Bild für den Gottesknecht wird in der Karliturgie eindeutig auf Christus hin gedeutet, und dies mit biblischem Grund: Der Täufer Johannes war es ja, der Jesus von Nazareth so titulierte: Seht Jesus, das Lamm Gottes! Die Zuhörer des Täufers nahmen dies offenbar ohne Befremden an.
Was für ein wunderbares Gottes-Bild. Eines, das uns Gott näherbringt. Ein Friedensgott, ein gewaltloser Erlöser,
Sanftmütigkeit ist sein Gefährt. An den Weihnachtskrippen dürfen die kleinen Lämmlein auf den Armen der liebevollen Hirten nicht fehlen. Sollte nicht jeder von uns Christus in seinem Herzen so liebevoll und dienstbar tragen wie jene ihre Schafe? Das Symbol des Lammes ist auch ganz unumstritten, niemand regt sich auf, wenn das Wort LAMM in der Kirche hörbar wird, anders als das Kreuz, anders als die Rede vom Sohn der Jungfrau, vom Richter oder vom SOHN GOTTES!
Anders auch als das viele Reden von Schuld und Sünde in der Kirche. Davon war früher so oft die Rede, und von der Kritik an dieser Sündenrede ist heute so oft die Rede. Also reden wir doch lieber mehr von dem Lamm. Vermeiden wir die anstößigen alten Bilder und Lehrsätze, damit die Menschen leichter zu Jesus finden.

Aber ist Jesus denn wirklich ein Lamm? Welche Eigenschaften Jesu faszinierten damals den Täufer und seine Zuhörer? Jesus von Nazareth wurde populär als ein Mann, der Kinder segnet, der Kranke heilt, Arme speist, den Sturm zum Schweigen bringt und zu trösten weiß. Das sind friedvolle Eigenschaften, sicher, aber Lämmer tun so etwas nicht! Lämmer sind zwar sanftmütig, aber eben auch völlig machtlos. Zum Bewachen eines Hauses, zum Suchen nach Verschütteten oder zum Bergen von Verletzten kann man sie nicht gebrauchen, sie retten und beschützen niemanden.

Doch wir kennen ja noch andere Seiten der Person Jesu, wir sehen ihn im heftigen Streit mit seinen Gegnern, hören seine Drohworte gegen Klerus und Pharisäer und erleben, wie er die Händler aus dem Tempel prügelt. Und in der Bergpredigt äußert Jesus die ganz unpopulären Worte: Wenn Dich Deine Hand zum Bösen verführt, hau sie ab!

Nein, auch so sind Schafe nicht! Schafe stellen uns nicht in Frage, kritisieren uns nicht, sie lassen sich streicheln und füttern, und ihre größte Tugend ist, dass sie uns in Ruhe lassen. Daher bringt uns das Bild vom Lamm keine Kirchenkritik ein, aber es bringt uns auch dem Wesen Jesu so nicht näher. Erst wenn wir die biblische Bedeutung des Lammes ernst nehmen, wird es interessant. Aber dann wird es auch gleich wieder heikel: Denn mit der arglosen Niedlichkeit ist es dann vorbei. Das Lamm der Bibel ist kein Kuscheltier. Es geht natürlich um das Opferlamm, das zum Schlachten bestimmt ist. Und damit sind wir im Zentrum des Karfreitags. Die Rede vom Lamm ist ohne die Rede vom Töten ganz sinnlos. Wenn im Neuen Testament von Christus als dem LAMM gesprochen wird, muss der Opferkult des Alten Testamentes mitbedacht werden. Die in den Büchern Mose beschriebenen Sühneopfer und Brandopfer waren in der Regel makellose Lämmer, die im Heiligtum geschlachtet wurden. Und im Zentrum des Pascha-Festes steht die Erinnerung an das Blut der Lämmer, die beim Exodus des Volkes aus Ägypten geschlachtet wurden und deren Blut an den Türpfosten den Todesengel fernhielt.

Den ersten Christen war es völlig klar, dass Jesus genau diese Rolle für sich beansprucht: Sein Tod, sein Blut bringt Befreiung und Segen. In der Johannesoffenbarung wird das Lamm, dessen einzige Waffe die Opferbereitschaft ist, den schrecklichsten und gewalttätigsten Monstren gegenübergestellt. Es siegt am Ende, aber zuvor kommen Mord und Totschlag. Niedlich ist das nicht, im Gegenteil. Unsere mitteleuropäische Kultur findet da kaum noch Anknüpfungspunkte:
Warum die Gewalt? Wem nützt das Blut? Warum hat Gott das nötig? Ist überhaupt Erlösung nötig?

Können wir einen Gott akzeptieren, der uns nicht annimmt, wie wir sind? Das Bild vom Lamm vermittelt zwar die Liebe und Hingabe Jesu, aber über Gottvater sagt es ja scheinbar, dass er nur durch das Leiden des unschuldigen Sohnes davon abgebracht wird, die Menschheit zu strafen. Ein Bild, das zu Zeiten des Feudalismus verständlich gewesen sein mochte, aber heutzutage wohl kaum. OPFER kennen wir in anderen Bereichen: In der Klimadebatte oder bei der Flüchtlingshilfe ist es breiter Konsens, dass Opfer und Verzicht im privaten Konsum notwendig und hilfreich sind, um dem Elend abzuhelfen. Aber in der Beziehung zu Gott? Opfer? Das gilt als unglaublich und unsinnig! Wozu also noch das Lamm?

Und doch ist Jesus das Lamm, das einzigartige Lamm Gottes. Seine Passion ist weit mehr als nur die noble Geste eines Friedfertigen, der gelassen auf Unrecht und Gewalt mit Liebe und Gewaltverzicht reagiert. Es ist weit mehr als ein moralisches Vorbild, das gegen Todesstrafe und Folter, gegen Hass und Zerstörungswut gestellt wird.

Es ist zunächst eine erschreckende Provokation: Der göttliche Erlöser brutal ermordet! Sollte Jesus gescheitert sein? Der Kreuzestod nicht Ziel seiner Mission, sondern eine heilsgeschichtliche Panne gewesen sein? Dann wäre ja der Gott und Vater Jesu Christi ein Versager! Wenn es aber kein Scheitern war, wenn Jesus die Jesaia-Worte wirklich für sich in Anspruch nahm, wäre sein Vater dann nicht ein erschreckend grausamer Gott?

Wir Christen könnten in einem Satz darauf antworten: Hier lässt nicht Gott einen anderen für sich leiden, sondern der ewige Gott macht sich im fleischgewordenen Logos selbst leidensfähig, kein menschliches Leid ist ihm daher fremd.
Aber dieses trinitarische Gedankengebäude ist mit einem einmaligen Aufsagen nicht vom Tisch. Es bedarf der Betrachtung, der Hinterfragung und der immer neuen Meditation, sonst findet es nicht den Weg vom Hirn zum Herzen. Daher findet heute die Kreuzverehrung statt: Das grausame Bild des Gekreuzigten bringt die Botschaft des Lammes auf den Punkt. Das sollten wir nicht wegdiskutieren, sondern anschauen und aushalten. Wer soll denn in der heutigen Zeit die Kreuzesbotschaft noch verstehen, wenn wir Christen sie aus dem Blick verlören? Laufen wir nicht weg vor dem Kreuz, flüchten wir nicht in Aktivismus oder Zerstreuung. Erinnern wir uns an die flehenden Worte Jesu in Getsemani, die den Jüngern damals und uns heute gelten: Bleibt hier und wacht! Allein in der Liebe liegt die Macht des Lammes. Amen.