Predigt zu Christkönig 2016

P. Ambrosius Leidinger OSB, 20. November 2016 in der Stiftskirche Neuburg

Lesungen: Kolosser 1,12ff.; Evangelium: Lukas 23,35ff.;

Meine lieben Schwestern und Brüder,

ans Ende des Kirchenjahres sind wir angelangt.

Christus wird uns als König vor Augen gestellt, als Schöpfer. in dem, wie es uns Paulus gerade im Kolosserbrief sagte, alles erschaffen wurde im Himmel und auf Erden, … Mächte und Gewalten; … in ihm hat alles Bestand.

Das Christkönigsfest wurde erst in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts eingeführt. Auf den Untergang vieler Monarchien nach dem I. Weltkrieg war esein reaktionärer Reflex des sehr politisch denkenden Papst Pius XI.
In unserem heutigen demokratischen Zeitalter tun wir uns schwer mit dem archaischen Bild des Königs: Könige sind ohne wirkliche Macht, an den bunten Bildern über sie in der Boulevardpresse mögen sich einige erfreuen, am neuen Hut der Königin von England. Aber mit dem wirklichen Leben und den wirklichen Sorgen der Menschen haben sie nichts mehr gemein.

So drängt sich uns als erstes eine kritische Frage auf: Ergeht es uns mit Christus, unserem König, nicht ähnlich? Was hat er noch mit unserem Alltag zu tun? Ist er nicht nur schmückendes Beiwerk geworden wie die Könige heute, für sonntags, für erhabene Stunden? Begegnet er uns nicht als der Ohnmächtige, der nicht mehr die Kraft hat, einen wirklich zentralen Platz in unserem Leben einzunehmen?

Andererseits gibt es noch Könige, die absolute Herrscher sind, die oft ihre Völker mit despotischer Hand unterdrücken und Menschenrechte und Grundfreiheiten mit Füßen treten.

Prägt nicht auch diese Erfahrung, was ein König sein kann, unser Gottesbild? Bei nicht wenigen der älteren Generation ist es mit Angst besetzt: Gott, der Herr, der alles sieht, alles im Blick hat, alles unter Kontrolle.
So hat uns der Blick auf die Könige von heute einen ohnmächtigen und zugleich einen übermächtigen König beschrieben: dieses Paradox gilt auch für Christus, doch ganz anders als wir denken.

Das Evangelium beschreibt uns diesen seltsamen König. Es führt uns mitten in die Passionsgeschichte hinein. Vor Pilatus angeklagt, ein König zu sein, trägt er eine Dornenkrone und einen Purpurmantel zum Spott für die Soldaten. Mit der Inschrift König zu sein stirbt er mit geschundenem Antlitz am Kreuz.

Die Hohenpriester, der beim Kreuz stehen, verhöhnen ihn und gehen dann zufrieden nach Hause. Die Soldaten sind ganz ungerührt. Der am Kreuz da oben interessiert sie nicht. Sie zanken sich um seine Überbleibsel. Der Schächer lästert.

Die es hätten verstehen müssen, seine Jünger, sind geflohen, außer Maria und Johannes. Nur der eine Schächer ahnt etwas.

Die Kirchenväter sagen: Der Thron dieses Königs ist aus dem Holz des Kreuzes gezimmert.

Als Zepter hat er, so Martin Luther, allein sein Evangelium. Seine Macht ist seine Wehrlosigkeit und seine Lebenshingabe.

Sein Regierungsprogramm ist sein unendliches Vertrauen in Gottes Macht.

Ein Regierungsprogramm, mit dem er um uns wirbt.

Er sagt: Der Mensch in seiner Hilfsbedürftigkeit gehört zu Gott und Gott zum Menschen.
„Ja, ich bin ein König“, sagt der ohnmächtig mächtige Christus. „Ich bin dazu geboren und dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit Zeugnis ablege“.

So ist dieser seltsame König auch unser Richter, der die Wahrheit unseres Lebens ans Licht bringt, und der Richter ist der leidende, der geschundene, der arme Mensch.

Und wir hören ihn sagen: „Mensch, wo bist du? Wo bist du hingeraten in deinem Leben, wo führt dein Weg dich hin? Dient ihr, dient ihr dem Leben, setzt ihr euch für das Leben ein, oder seht ihr nur euch selbst?

So ist er, der Richter über Leben und Tod, gerade nicht der, der aburteilt, sondern vielmehr der, der aufrichtet und das gerade macht, das gerade richtet, was bei uns krumm und verkehrt und Sünde ist.

Christus ist die griechische Übersetzung von Messias, des Gesalbten, des Königs. Sein Königstitel Christus ist geradezu zu seinem Namen geworden.

Und wir alle, die wir uns nach ihm nennen, uns Christen nennen, haben Anteil an seiner Königswürde,
und unser Lebensprogramm kann kein anderes sein als das seine: sein abgrundtiefes Vertrauen in die Macht Gottes und seine Hingabe an die Menschen.

Meine lieben Schwestern und Brüder!

In Münster gab es einen berühmten Kirchengeschichts-professor, von dem ich viel gelernt habe, Erwin Iserloh mit Namen, 1996 gestorben. Zum Lutherjubiläum habe ich erneut bei ihm gelesen; die Reformationszeit war sein Spezialgebiet. Iserloh war der, der aus den Quellen nachgewiesen hat, dass der Thesenanschlag Martin Luthers historisch gar nicht stattfand, sondern eine Legende aus späterer Zeit ist.

Sehr wahrscheinlich – so kann ich es mir vorstellen, wurde der Thesenanschlag in einer Zeitung behauptet, und alle dachten, weil es ja gedruckt ist, muss es dann ja stimmen, auch weil es so eine einfache schöne symbolträchtige Geschichte ist, die man gern glaubt.

Aber Iserloh wollte der Wahrheit dienen, und nicht die evangelischen Christen angreifen, sondern vielmehr darauf aufmerksam machen, - und das hat er immer wieder betont - dass Luther nicht in Verwegenheit auf einen Bruch mit der Kirche hingesteuert hat, sondern als Professor verantwortlich gehandelt hat, und dass er eher absichtslos zum Reformator wurde.

Dabei trifft dann den zuständigen Bischöfen noch größere Schuld. Denn Luther hat den Bischöfen Zeit gelassen, religiös –seelsorgerisch zu handeln – und sie haben ihre Verantwortung in keiner Weise wahrgenommen.
Diese aus den Quellen gespeisten Tatsachen passten weder den evangelischen Christen noch der katholischen Seite.

Im Leben dieses berühmten Mannes fand ich ein Konkretisierung dessen, was das Christkönigsfest sagen will:
Iserloh war im Krieg und sein erster Eindruck bei der Ankunft unweit von Leningrad war ein deutscher Soldatenfriedhof. Die Frage, die er erhob: „Ist es tröstlich oder erbitternd, dass dem NS-Regime, welches in der Heimat die Bekenner des Kreuzes verfolgte und das Kreuz aus den Schulen verbannte, hier nichts anderes einfiel, als auf den Gräbern der Gefallenen das Kreuz wiederum zu errichten?“

Die geschichtlichen Umstände bewahrten Iserloh davor, jemals einen Schuss abgeben zu müssen. Er konnte als Priester vielen Sterbenden beistehen. Als er selbst schwer verwundet war und kriechend einen Platz auf einer Fähre zur Bergung von Verwundeten zu erlangen suchte, begegnete ihm unerwartet wie er schrieb „‘als ein Engel vom Himmel‘ sein Bruder Leo, der kurz darauf in der Schlacht um Berlin fiel. Hier wird die Frage zum Gebet: ‘Wie unbegreiflich sind deine Wege, o Herr!‘“ Iserloh fragte: Sollte der, der alles in Händen hält, „erst mich retten, bevor mein Bruder selbst abberufen wurde? Weshalb mussten meine Brüder, die Frau und Kinder zurückließen, fallen, und ich blieb am Leben?“

Drei Grundeinsichten gewann Iserloh aus seinem Fragen, die für mich selbst auch ganz wichtig wurden:

1. Das Königreich Gottes nimmt uns ganz in Anspruch, ohne auf uns angewiesen zu sein.

2. Im Zeichen des Kreuzes, im Blick auf Christus, den König, schwindet die Furcht vor allen Mächten und Mächtigen der Welt.

3. Es bleibt ein „Warum?", das sich letzter Erklärung entzieht, das aber – im Gebet vor Gott getragen - die Hoffnung auf Sinn in sich trägt. Amen.