Predigt zu Christkönig 2016

P. Johannes Naton OSB, 20. November 2016 im Krankenhaus St.Elisabeth

Lesungen: Kolosser 1,12ff.; Evangelium: Lukas 23,35ff.

Liebe Schwestern und Brüder,

Zu den bekanntesten Märchen, das die Gebrüder Grimm überliefert haben, gehört jenes vom Fischer und seiner Frau. Die wohnten arm in einem kleinen Schweinestall am Meer. Der Fischer ging alle Tage hin und angelte und angelte. Eines Tages fing er einen großen Butt. Der fing an zu sprechen:
„Fischer, lass mich leben, ich bitte dich sehr. Ich bin gar kein Butt, ich bin ein verwünschter Prinz. Wenn du mich frei lässt, erfülle ich dir einen Wunsch.“
„Lass gut sein“, sagte der Fischer, „einen Butt, der sprechen kann, lass ich gern wieder schwimmen.“ Als der Fischer heimkam, fragte ihn seine Frau, ob er nichts gefangen hätte. Der Mann erzählte von dem Butt, den er freigelassen hatte.
„Hast du dir denn nichts gewünscht?“, fragte die Frau. „Du hättest uns wenigstens ein steinernes Haus wünschen können. Geh schnell wieder hin und ruf ihn!“ Der Mann wollte nicht recht, ging dann aber doch hin und rief die berühmten Worte:
„Manntje, Manntje, Timpe Te - Buttje, Buttje in der See,
meine Frau die Ilsebill will nicht so wie ich wohl will.“
Da kam der Butt geschwommen und sprach: „Was will sie denn?“
„Ach“, sagte der Fischer, „ich habe dich doch gefangen, und nun sagt meine Frau, ich hätte mir was wünschen sollen. Sie möchte so gerne ein Haus haben.“
„Geh nur“, sagte der Butt, „sie hat es schon.“ Die Frau war zufrieden für vierzehn Tage.
Dann war ihr das Haus zu eng und der Garten nicht groß genug. Sie sagte:
„Geh zu deinem Butt. Er soll uns ein Schloss schenken.“
„Ach Frau“, sprach der Mann, „das Haus ist doch gut genug. Warum sollen wir in einem Schloss wohnen?“ Die Frau drängte ihn, und so ging der Mann zum Butt. Auch dieser Wunsch wurde erfüllt.
Jedoch die Frau war nicht zufrieden. Es ging weiter. Sie wollte König werden, dann sogar Kaiser. Der erfüllte jeden Wunsch. Die Frau aber war immer noch nicht zufrieden. Sie überlegte und beschloss sodann: Sie wollte wie Gott sein. Und wieder musste der Mann den Butt herbeirufen.
„Was will sie denn noch?“, fragte der Butt. „Sie will wie Gott sein.“ Der Butt erwiderte: „Geh nur, sie sitzt wieder im alten Stall.“

Als Kind kannte ich diese Geschichte schon, und sie wurde stets so vorgetragen, dass mit dem letzten Wunsch nach der Gottgleichheit die Geduld des Fisches ein Ende fand und er daher alle Wunschergebnisse strafweise annullierte. So gesehen lag die Moral und Botschaft der Geschichte darin, dass permanente Unzufriedenheit zwar eine sehr menschliche, aber keinesfalls gute Eigenschaft ist, während Genügsamkeit und Demut viel eher zum Glücklichsein führen können.

Das war für uns Kinder leicht einzusehen, solange es um Märchen und Tiergeschichten ging. Im alltäglichen Leben war und ist das freilich nicht immer so leicht umzusetzen.

Aber wir haben ja heute Christkönig-Sonntag, und die Moral vom Segen der Bescheidenheit ist weder besonders theologisch noch mit dem Festgeheimnis verknüpft. Was sollen uns also Butt und Fischersfrau?
Die Geschichte bietet viel mehr, wenn man genauer hinschaut. Ein schlauer Theologe wies in einer Radiosendung darauf hin, dass die Bitte um Gottgleichheit noch ganz andere Assoziationen auslösen kann als nur die der Hybris, des menschlichen Größenwahns.

Dass der Mensch Ebendbild Gottes sei, ist ja nicht sündiger Wahn des Menschen, sondern Botschaft der Heiligen Schrift gleich zu Beginn im Schöpfungsbericht: Er schuf ihn nach seinem Bilde.

Dass Gott dem Menschen gleich wird, ist wiederum biblische Botschaft durch die Fleischwerdung Gottes in Christus. So könnte man die Unruhe und Unzufriedenheit der Frau auch dadurch erklären, dass der Mensch im permanenten Wohlstands- und Macht-Zuwachs eben nie seine wahre Bestimmung und daher auch nie seinen Frieden finden kann.

Nun kommt der Wunsch, wie Gott zu sein. Und wo landet die Frau durch diesen Wunsch: Im Stall! Genau da, wo Gott landete, als er Mensch wurde.

Und was verloren Frau und Mann durch diesen Schritt? Königswürde, Besitz und Macht!
Und genau das verlor Jesus, als er sich verurteilen ließ und seine Passion antrat. ECCE HOMO, seht den Menschen! Wahrlich, dieser war Gottes Sohn, so erkennt ein Römer im Blick auf das Kreuz.

Das Hochfest Christkönig hat in seiner kirchlich-liturgischen Praxis mitunter sehr stark den Akzent auf den prachtvollen Herrscherkönig gesetzt, der mit starkem Arm und uneingeschränkter Majestät seiner Kirche gegen irdischen Unbill und politische Feinde den Rücken frei und die Zukunft offen hält. In der Nazi-Zeit waren das teilweise mutige und charakterstarke Zeugnisse von christlichen Gruppen und Gemeinden, die Jesus gegen den braunen Führerkult setzten. Aber allzu oft überwog eben doch die Sehnsucht nach einer majestätischen Kirche, die mit Prunk und Vollmacht ihren Platz in der Welt einnimmt.

Bleiben wir aber bei dem kleinen Märchen mit Butt und Fischersmann, dann ist der Weg näher zu der Königswürde, von der das Neue Testament erzählt.

Was sich im armseligen Geburtsort, dem Kuhstall in einem Provinzdorf, angekündigt hatte, vollendet sich in der Todesstunde: Der König ist hilfloses Opfer eines Justiz-Skandals, die Todesstrafe wird in der damals abgründigsten Form der Kreuzigung vollzogen, ein Spottschild über dem Haupt, dazu die Dornenkrone, Schmährufe von den Augenzeugen, die eigenen Freunde davongelaufen, der erste, der den gekreuzigten Jesus als den Christus bekennt, ist ein Verbrecher, von dem vorher niemand etwas gehört hat. Da bleibt nichts von Prunk und Majestät.

Nur mit diesem Königsverständnis wird das Christkönigfest zum biblischen, zum wirklich christlichen Fest: Das Königtum Gottes stellt alle menschlichen Konzepte auf den Kopf. Weil der Mensch seit Urzeiten das Prinzip des Herrschens und der Stärke zur Gestaltung der Welt anwendet, bleibt die Welt trotz aller Fortschritte ein Kriegsschauplatz. Gottes Herrschaft vollzieht sich, obwohl seine Schöpfermacht und Allherrschaft unbestritten bleiben, beim Erlösungsgeschehen ganz gegenteilig: Die Annahme der totalen Machtlosigkeit ist nicht nur Teil seiner Königswürde, sondern ihre wichtigste Pointe. Jesus geht auf Augenhöhe mit dem Erbärmlichsten, sowohl mit den Opfern der Weltgeschichte als auch mit den Verbrechern. Gott ist so nichts Menschliches mehr fremd, und so kann er ein einmaliger Befreier sein! Er befreit, indem er jedem Sünder sein Kreuz zeigt und sagt: „Wenn Du willst, sei frei! Ich kenne dich, kenne deine Sünde und deine Wunde. Und würdest du noch so tief sinken in Moral und Würde, ich wäre schon vor dir dort in dem Abgrund und reiche dir meine durchbohrte Hand.“
Die alte biblische Rede von der Gottesebenbildlichkeit des Menschen ist oft als eitle Anmaßung missverstanden worden. In Wirklichkeit geht es um die Demut Gottes: Der Unbeschreibliche und Unfassbare läßt sich am ehesten beschreiben in der Banilität des menschlichen Alltags.

Darum landet die Fischersfrau bei der Suche nach Gottgleichheit in ihrer alten Kate, dem Stall.
Ob sie da mit ihrem Mann glücklich wird, läßt das Märchen offen. Ob sie und ihr Mann den zuvor erhaltenen Königspalast nur verloren haben oder sich davon befreit wissen, ob vielleicht die ganze Wünscherei der Frau gar kein gieriges Fordern sondern ein verzweifeltes Suchen nach Sinn war, das liegt ganz in der Hand des Erzählers, der dieses alte Märchen vorträgt.

Wir sind jedenfalls eingeladen, in Arbeitskleidung und bei Kamillentee die volle Majestät der Gotteskindschaft zu verkosten, die uns in Hermelinmantel und Champagner-Rausch nicht erschlossen werden könnte.
Das ist kein Schreckensbild, keine übellaunige Askese-Verpflichtung. Das ist vielmehr eine großartige Zusage: Jesus und die ganze Himmlische Freude ist nicht weit weg. Mit dem Lachen eines getrösteten Kindes und der geschwisterlichen Umarmung in einer Arbeitspause beginnt das Königreich Christi hier in Heidelberg bei mir und dir. Amen.