Predigt zu Christi Himmelfahrt 2017

P. Ambrosius Leidinger OSB, 25.5.2017 in der Stiftskirche Neuburg

L.: Apg 1, 1-11, Eph 1, 17-23, Ev. Mt 28, 16-20

Meine lieben Schwestern und Brüder!

Immer wieder müssen wir von geliebten uns nahestehenden Menschen Abschied nehmen, manchmal endgültig, mit Trauer und Schmerz.

Etwas ganz anderes ist es, alltäglich, wenn wir etwa einen Bekannten treffen, uns mit ihm unterhalten und uns verabschieden.

Wenn aber die Kinder das Haus verlassen und in eine andere Stadt ziehen, weil sie dort ihren Lebenspartner gefunden haben, dann kommt so manches Elternpaar in eine Krise.

Dabei ist dieser Abschied unbedingt notwendig, damit die Kinder zu Erwachsenen heranreifen können und für sich selbst Verantwortung übernehmen.

Solche Abschiede und Neuanfänge sind Teil unseres Lebens. Es sind auch Reifungsphasen. Und diese Erfahrungen machten auch die Jünger.

Die Jünger können sich nicht vorstellen, wie sie ohne ihren Meister und Freund Jesus weiterleben sollen. Diese sehr intensive Beziehung zu ihm, das war ihr Leben, er, der die Liebe lebte, die Liebe zu Gott, die Liebe zu ihnen allen, ja sogar zu seinen Feinden. So authentisch, dass sie von ihm ganz und gar fasziniert waren.

Sie hatten ihr ganzes Leben auf Jesus gesetzt. Sie waren aus all ihren Lebensbezügen herausgegangen, hatten teilweise ihre Familien verlassen, und müssen jetzt feststellen, dass alles zu Ende ist. Jesus ist gescheitert.

Auch ihre Gemeinschaft scheint gescheitert. Nach menschlichem Ermessen ist alles vorbei.
Jesus nimmt diese schreckliche Situation auf und sagt ihnen zu: Seid gewiss: So ist es nicht: ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.

Er schenkt ihnen die Gewissheit seiner Nähe über den Tod hinaus, die Gewissheit, die ihnen die Kraft verleiht, zu allen Völkern, allen Menschen zu gehen.

Der Text unsres Evangelium hat den Sinn: Man kann Vertikale und Horizontale nicht auseinander reißen.
Es gibt keine Vertikale, keinen Blick nach oben, keine Verbundenheit mit Gott, die nicht teilhätte an seiner Liebe zu Welt und Mensch, an seinem Willen, die Erde zu verwandeln, an seiner Sendung,.
Es gibt auch umgekehrt kein christliches Tätigwerden in der Welt, keinen Einsatz für die Menschen, der nicht vom erhöhten Herrn Auftrag und Kraft erhalten würde.

Die Wege, die sich scheinbar so scharf trennen, bleiben in Wahrheit eins.

Christus ist seinen Jüngern an allen Orten gegenwärtig, und diese Gegenwart steht nicht im Widerspruch zu seinem Aufstieg in den Himmel, sondern setzt vielmehr seine Himmelfahrt voraus. Weil Jesus in der Lebensgemeinschaft mit Gott, dem Vater lebt, kann er überall gegenwärtig sein.
Die Konsequenz der Himmelfahrt Jesu ist also gerade nicht, -bildlich gesprochen -dass man zum Himmel emporschauen soll, sondern dass man den Weg Jesu zu den Menschen weitereht, dass man seine Botschaft weiter lebt in den verschiedenen Stunden und an den verschiedenen Orten dieser Welt.
Dabei heißt der Sendungsauftrag Jesu nicht, wie man - oberflächlich betrachtet - meinen könnte:
„Führt meine Sache weiter, wenn ich nicht mehr bin. Was ich in Galiläa und in Jerusalem getan habe, versucht das nun selbst.“ Diese Sendung wäre sinnlos.

Gewiss kann das, was der Tod beendet, von anderen wieder aufgenommen werden. Man kann ein Geschäft weiterführen, man kann eine Idee weiter verbreiten.

Aber die Sache wird, je mehr sie sich von Zeit und Ort des Ursprungs entfernt, umso matter, müder und sich selber fremd werden.

Nein, der Sendungsauftrag hat gerade darin seinen Grund, dass man die Sache Jesu weiter vertreten kann, weil er selbst sie vertritt als der Lebendige, der unter uns ist.

Trennung und Verschiedenheit der Wege sind notwendig, weil wir in Raum und Zeit leben, weil wir den vielen, ja allen Orten die Botschaft von Heil bringen sollen, jeder an seinem Ort.

Doch haben die verschiedene Orte und die verschiedenen Zeiten eine gemeinsame Mitte, den lebendigen auferstandenen Herrn, der alle Zeit und jeglichen Ort in die Herrlichkeit des Vaters sammelt.
Seid gewiss: Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.