Predigt zu Allerheiligen 2016

P. Johannes Naton OSB, 1.November 2016 in der Stiftskirche Neuburg

Lesungen: Offenbarung 7,2 ff.; Matthäus 5,1-12

Liebe Schwestern, liebe Brüder!

Die Welt ist schlecht! Kein Zweifel! In Syrien und im Irak wird gekämpft und gemordet, Flüchtlinge und Vertriebene sind in fast allen Kontinenten in Not, Terror und Anschläge sind Alltag geworden, die Umwelt wird zerstört, Hundertausende Ungeborene abgetrieben, Millionen hungern, während eine reiche Elite hemmungslos schlemmt. Die Liste der Klagen ließe sich fortsetzen.

Was haben wir Christen für eine Antwort darauf? Am heutigen Allerheiligentag klingt sie ganz einfach:
Selig die nach Gerechtigkeit dürsten, selig die Armen, selig die verfolgt und bekämpft werden! So steht es in der Schrift. Nun gehen wir mal eben hin nach Syrien und rufen den um Leben fürchtenden Menschen zu: Selig seid Ihr! Na, die werden sich bedanken! Das wäre weder Hilfe noch Trost.

Was heißt das überhaupt: Selig! Manche haben dieses Wort mit glücklich gleichgesetzt: Ich bin selig, wenn es mir gut geht, glückselig, vielleicht auch mal weinselig. Aber davon kann ja in Nigeria keine Rede sein. Verfolgt und gequält zu werden ist ja kein von Gott gewünschter Zustand, ist keine Tugend.

Aber warum nennt Jesus sie dann selig?

Die Theologie formuliert philosophisch, dass der Mensch ein Leib-Seele-Wesen sei. Der Leib ist demnach das Organ des Menschen, um mit anderen Menschen zu kommunizieren, während die Seele das menschliche Prinzip ist, das mit Gott in Kommunikation ist. Die Bibel sagt ja, dass Mann und Frau in der Ehe EIN LEIB werden, also intensivste menschliche Kommunikation. Die Kirche gilt als Leib mit vielen Gliedern, im gleichen Sinn! Und die katholische Lehre verkündet auch die Auferstehung von LEIB UND SEELE, also nicht Haut und Knochen, aber Auferstehung als Person, die mit Gott wie mit anderen Auferstandenen kommuniziert. Deshalb stellen wir uns den Himmel nicht als leeres Nirvana vor, sondern als lebendige Festgemeinschaft, wie sie in der Johannes-Offenbarung beschrieben wird.

Wenn die Seele mich also mit Gott verbindet, dann heißt SELIG eben vor allem: GOTTVERBUNDEN!

Und dann bekommen Jesu Worte einen anderen Sinn: Wer wegen des Glaubens verfolgt wird, wer unschuldig leidet, der ist eben nicht gottverlassen! Das gerade ist aber der erste Eindruck, den man bekommen kann, wenn es einem dreckig geht, wenn man um einen Verstorbenen trauert, wenn man machtlos dem Leid der Welt gegenüber steht, wenn einem Unrecht geschieht: WO IST GOTT, WARUM HAT GOTT MICH VERLASSEN, WAS HABE ICH GETAN, DASS GOTT MICH SO STRAFT? Gegen dieses Missverständnis betont Jesus: GERADE BEI DEN LEIDENDEN IST GOTT! Denen, die nach Gerechtigkeit hungern, die verfolgt werden, ist Gott besonders verbunden.
Das Leben der meisten Heiligen, die wir verehren, ist mehr Leidens- als Erfolgsgeschichte.

Ihr Verdienst war aber nicht das Leiden an sich, sondern die Kraft, in dieser Situation die Liebe zu bewahren und Gott zu finden. Ihre Gottverbundenheit, die Seligkeit, führte sie zur vollkommenen Einheit mit Gott, der Heiligkeit.

Wenn wir das als Botschaft des heutigen Tages annehmen, dann sind die Seligpreisungen keine zynischen Vertröstungssprüche mehr, dann sind sie vielmehr eine himmlische Antwort auf die anfangs erwähnte Klage, dass die Welt schlecht sei:

Der Himmel ist voller Gotteskinder, die sich von der Schlechtigkeit der Welt nicht anstecken ließen und die Liebe zu Gott und den Menschen bewahrt haben. Ein große Sammlung von Vorbildern, an denen wir uns orientieren könnten. Und der Himmel ist die Heimat der Solidarität, denn zum Wesen der Heiligen gehört es, für die Menschen auf Erden einzutreten.

Schließlich bedeutet Allerheiligen, dass wir auf Erden zur tätigen Nächstenliebe verpflichtet sind:

Zum einen, weil wir es können, weil wir, wo immer wir sind, auch mit kleinen Kräften ein vollgültiges Zeichen der Barmherzigkeit setzen können, und wäre es nur das freundlichen Lächeln für den Nachbarn.

Zum anderen, weil wir so Gott finden können. Denn den Hilfsbedürftigen ist Jesus ja nach eigenen Worten besonders nahe: Der einfachste Weg, eins mit Gott zu werden, also heilig zu werden, ist der Weg zu den Armen. Die Welt ist eben nicht einfach nur schlecht, sie ist voller Spuren Gottes. Das Reich Gottes ist schon unter uns angebrochen auf Erden. Weltflucht ist kein geeigneter Weg zur Seligkeit, aber in der Welt vom Himmel zu erzählen ist unverzichtbare Christenpflicht. Erst dann, wenn wir die Verbindungslinien zwischen Himmel und Erde kappen, wird die Welt unrettbar schlecht.

Aber unzählige Heilige bezeugen, dass Gott es dazu nicht kommen lassen will. Amen.

Gang zum Friedhof:
1. Musikverein „Alle Menschen müssen…“
2. Gebet
3. Musikverein „Nun lasset“
4. Auf dem Friedhof MUSIKVEREIN: „Wie sie so sanft ruhn“
5. Gebet
6. Gräbersegnung mit Musik
7. Abschlußgebet