Predigt in der Christvesper 2016

P. Johannes Naton OSB, 24. September 2016 in der Stiftskirche Neuburg

Evangelium: Lk 2, 1-14
Liebe Kinder, liebe Schwestern und Brüder!

Ein kleines mexikanisches Mädchen geht mit ihrer Familie zur Christmette. Die Familie ist arm, aber das Mädchen wollte unbedingt dem lieben Jesuskind ein Geschenk bringen und suchte nach einer schönen Blume am Wegesrand. Da fand es nur Unkraut und grüne Blätter. Aber um nicht mit leeren Händen zur Kirche zu kommen, rupfte es wenigstens ein Büschel von diesem Unkraut und legte es vor die Krippe neben dem Altar der Pfarrkirche. Dann begann die Messe, und während der Gabenbereitung erlebte dann die ganze Gemeinde ein Wunder: Aus dem kleinen grünen Büschel drang plötzlich ein rötliches Leuchten, und dann entfalteten sich die blutroten Blätter einer herrlichen Blume.

Heute kennt man sie in aller Welt: Euphorbia pulcherrima, zur Ordnung der Malphighialen gehörig, aus der Familie der Wolfsmilchgewächse, gemeinhin bei uns bekannt als WEIHNACHTSSTERN!

Die kleine Legende erzählt man sich in Mittelamerika, um zu erklären, wie diese Pflanze dort im 17.Jahrhundert zum populärsten Weihnachtsschmuck wurde. Mittlerweile ist sie ein echter Weltstar geworden und auch aus der deutschen Weihnacht nicht mehr wegzudenken.

Dieser Weihnachtsstern ist nicht nur schön, er hat wirklich eine Botschaft für uns.

Genauer gesagt, diese Pflanze kann zwei wichtige Gedanken der Weihnachtsbotschaft in Erinnerung rufen:

Botschaft Nr. 1: Die Zeit muss sich erfüllen!

Die Schönheit dieser Pflanze wird nur sichtbar, wenn zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Kräfte wirken. Licht und Dunkelheit, Temperatur und Feuchtigkeit müssen in einer bestimmten Weise zusammengreifen, damit die der Pflanze eigene Möglichkeit zum Erblühen auch Wirklichkeit werden kann.

Das Ereignis von Betlehem ist ohne die Geschichte des Volkes Israel mit seinen Gotteserfahrungen und Krisen, mit Verheißungen und Schuldgeschichte nicht zu verstehen. Die Propheten hatten das Volk gelehrt, Gottes Wort zu bedenken und auf seine Hilfe zu vertrauen. Die Not und das eigene Versagen lehrten die Menschen, wieder auf Gottes Hilfe zu hoffen und ihm mehr zuzutrauen als der eigenen Macht.

Gott hat einen Heilsplan, in dem jeder Schritt seinen Platz hat. Eine lange dunkle Wartezeit machte es dem jüdischen Volk möglich, diese leuchtende Messias-Erfahrung überhaupt zu erhoffen. Zumindest einige Begeisterungsfähige wie Maria und Josef, die Hirten, die Sterndeuter, Elisabet, der Täufer Johannes, Hanna und Simeon und andere begreifen und bekennen. Und schon beginnt Epiphanie, beginnt die Sichtbarwerdung göttlicher Herrlichkeit mitten in der notleidenden Welt, so wie ein Weihnachtsstern mitten im Winter leuchtend rot blüht, wenn seine Stunde da ist, wenn die Zeit sich erfüllt.

Und die Botschaft Nr.2:

Das Wesentliche ist einfach!

An der Blume ist ja nicht viel dran. Eine herrliche Farbe, aber beim genauen Hinsehen eben nur ein paar Blätter ohne Zier, Aroma und wohlschmeckende Frucht. Orchideen sind herrlicher und teurer. Aber dieser Christstern passt viel besser zur Weihnacht. Denn da wird uns ja auch nur die einfachste Gestalt geboten, die ein Erlöser haben könnte: Ein Baby, die personifizierte Hilflosigkeit – das soll die Rettung bringen.

Die Kinoklassiker von einst ebenso wie die Fantasyspektakel der Gegenwart sind da anders gestrickt: Helden mit Hightech-Rüstung, magischen Kräften und marzialischen Heerscharen kommen, um in epischen Schlachten das Böse blutig und eindeutig zu besiegen.

So funktioniert Heilsgeschichte aber nicht. Das Wesentliche ist kleiner gestrickt.
Daher ist das kleine Geschenk des mexikanischen Mädchens ein Volltreffer: Grünes Kraut vom Wegesrand wird durch die Liebe und Wärme zur rechten Zeit ein Farbenfeuerwerk in der Nacht. So wird Einfaches einfach schön.
Wie war das denn, als wir klein waren? Woran erinnern Sie sich, wenn Sie an die allerfrühesten Weihnachtserlebnisse denken?

Die Lichter am Weihnachtsbaum, eine Puppe oder ein Spielzeugauto, der Duft von Tannen und Zimtsternen, eine Weihnachts-Melodie oder das besondere Licht der Kirche, in der Sie ihre erste Christmette erlebten? Es sind fast nie teure Dinge, die im Gedächtnis bleiben. Der Pelzmantel, der Computer, Goldschmuck oder Reisegutschein können nicht mit dem Glanz der ersten Kinderweihnacht konkurrieren. Warum?
Es ist wie bei dem Weihnachtsstern: Je weniger materielle Kostbarkeit die Gabe in sich selber hat, desto mehr Liebe des Schenkenden kann sie aufnehmen und hergeben.

Ein Kind, das sich geliebt fühlt, findet die Liebe der Eltern in dem Teddy unter dem Baum wieder. Eigentlich ist nicht viel dran, aber für ein Kinderherz ist die kleine Gabe eben fassbar und die große Liebe darin fühlbar. Stünde hinter dem Geschenk kein liebender Mensch, sondern nur ein anonymes Versandhaus, wäre der Zauber gebrochen. Das Gegenteil von Weihnacht ist Einsamkeit.

Und die Menschenkinder sollen fassen, dass ein kleines Kind sie besser erlöst als ein Supermann. Die epischen Schlachten eines Herrn der Ringe mögen im Kino für klare Verhältnisse sorgen, entweder Sieger oder Verlierer, entweder gut oder böse. Da ist dann auch keine Freiheit des Glaubens mehr, wer gewinnt, hat recht. Und dann wird das Spiel von Unterdrückung und Aufbegehren irgendwann wieder von vorn beginnen. Mit dem Erlöser muss ein GOTTMITUNS kommen, der unsere Einsamkeit überwindet, sonst ist es keine Erlösung.

Die Einfachheit des Weihnachtssterns entspricht der Einfachheit der Krippe. Aber die Einfachheit hat es in sich: Einerseits versteht schon ein kleines Kind den Zauber der Szene im Stall von Betlehem und schaut die Krippe mit Wonne an. Und andererseits können selbst die klügsten Philosophen und Prediger das Krippengeschehen nicht auf den Punkt bringen und abschließend erläutern. Alle Jahre wieder muss neu und anders gepredigt werden. In den wenigen Zeilen des Weihnachtsevangeliums findet sich mehr Substanz als im Herrn der Ringe und dem Ring der Nibelungen zusammen. Was machen wir damit?

Nehmen wir es einfach an! Das Weihnachtsgeschenk Gottes, die immer neue Begegnung mit ihm in dem Kind. Unsere Weihnacht funktioniert nicht erst dann, wenn genug Geld für Geschenke und Festessen da ist, wenn kein Streit ist und wenn der Weltfriede hält.

Die kleinen Pannen im Alltag und der große Terror in der Welt sind kein Argument GEGEN das Feiern der Weihnacht, sondern Indiz für die NOTWENDIGKEIT dieses Festes. Könnten wir selbst die Not wenden, was bliebe dann von der Weihnachtsbotschaft übrig? Nur ein Imperativ: Reißt Euch zusammen, damit endlich Friede wird. Aber Weihnacht ist kein Imperativ, sondern ein Geschenk: Denn immer dann, wenn eine Zeit erfüllt ist, kann der Mensch erfahren, dass Gott ganz einfach und unbedingt für ihn da ist und mit ihm durch die Dunkelheit geht, bis unsere Freude so hell leuchtet wie der Weihnachtsstern. Amen.