Predigt am Fest der Taufe des Herrn

P. Ambrosius Leidinger OSB, 18. Januar 2017 in der Stiftskirche Neuburg

Lesungen: Jes 60,1-6, Mt 2,1-12

Meine lieben Schwestern und Brüder!

Heute endet die Weihnachtszeit – einige sagen: leider, andere: Gott sei Dank! Das Fest der Taufe des Herrn setzt jedenfalls einen Schlusspunkt hinter die Kindheitsjahre Jesu, die Jahre seines „verborgenen Lebens”. Jesu Taufe bringt für ihn so etwas wie eine „Lebenswende” – er fängt an, in der Öffentlichkeit aufzutreten. Dieser Anfang gibt uns einen Schlüssel zum Verständnis dessen in die Hand, was wir in der Weihnachtszeit gefeiert haben, ja einen Schlüssel zum Verständnis des ganzen Lebens Jesu. Über seine Kindheit wissen wir - historisch betrachtet - sozusagen nichts. Nüchtern betrachtet: Die Berichte der Evangelien, die uns in diesen Wochen begleitet haben, sind sehr jungen Datums – Markus z.B., der älteste Evangelist, kennt noch keine Kindheitsgeschichten. Diese Berichte sind vielmehr erzählende „Glaubensbekenntnisse” und sie orientieren sich im Wesentlichen an den Verheißungen des Alten Testamentes, die sich in Jesus erfüllen.

Die frühe Christenheit kannte ein Weihnachtsfest in unserem heutigen Sinne überhaupt nicht. Für die ersten Christen war vielmehr das Erscheinen der Güte und Menschenliebe Gottes in diesem Menschen Jesus von Nazareth das entscheidend Wichtige. Es ging in der Kirche der Frühzeit um die „Feier der Offenbarung der Wesenswürde Jesu” und entsprechend war das Evangelium der Taufe Jesu das Festevangelium, eben das der Erscheinung des unsichtbaren Gottes in Jesus Christus. „Es öffnete sich der Himmel, und der Heilige Geist kam sichtbar in Gestalt einer Taube auf ihn herab, und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.”

Das ist das „Kernevangelium”. Um dieses gruppierten sich dann im Lauf der Zeit noch andere Evangelien, die das Festgeheimnis weiter verdeutlichen: Der Bericht von der Hochzeit zu Kana, bei der Jesus sein „erstes Zeichen” wirkte und dabei seine Göttlichkeit offenbar wurde. Dann die Anbetung der „Weisen aus dem Morgenland”, die dafür stehen, dass Gottes Güte und Herrlichkeit sich für alle Völker offenbart. Und schließlich auch die Geburt Jesu zu Bethlehem, bei der die Engel in ihrem Lichtglanz das „Erscheinen” Gottes den Hirten verkünden. Es geht bei allen Evangelien immer um dieses Erscheinen Gottes in diesem Menschen Jesus, um die Erscheinung der „Güte und Menschenliebe Gottes”, die sich in diesem Menschen Jesus offenbart. Er ist das Antlitz des unsichtbaren Gottes. Und so geht es während des gesamten öffentlichen Lebens und Wirkens Jesu um Gottes Wirken in dieser Welt. Wo Blinde wieder sehen, und Lahme wieder gehen; wo Aussätzige rein werden, und Taube hören; wo sogar Tote aufstehen, und den Armen das Evangelium verkündet wird (Mt 11, 5), in diesem Wirken Jesu wird Gott offenbar.

Und wir müssen unseren Horizont noch einmal weiter spannen: Auf eine verborgene und auf der anderen Seite doch überwältigende Weise offenbart sich diese „Güte und Menschenliebe Gottes” in der Passion und im Kreuzestod Christi. Ja, die Auferstehung Jesu, das helle Licht des Ostermorgens, ist dann die unüberbietbare und endgültige „Epiphanie” Gottes. Und schließlich empfangen alle, die glauben, jenen Heiligen Geist, der bei der Taufe Jesu „sichtbar in Gestalt einer Taube auf ihn herabkam”.

Ein Professor meiner Studienzeit hat uns dies damals klargemacht, und damit Erstaunen bei uns ausgelöst, - es war eine ganz neue Durchsicht, die unseren Horizont weitete – indem er auf die Frage, was wir an Weihnachten eigentlich feiern, sagte: „Ja, eigentlich feiern wir Ostern.“ Weihnachten als Offenbarwerden, als Hineinnahme in das österliche Geheimnis: Was kann das konkret für uns bedeuten?

Erstens vielleicht: Ob uns das jeweils bewusst ist oder nicht: Wir bewegen uns, wo wir gehen und stehen, im Licht der Erscheinung Gottes und in der Wärme seiner „Güte und Menschenliebe”. Darauf dürfen wir in diesem neuen Jahr unser Vertrauen setzen - was auch kommen mag. Wir sind eben nicht das Produkt eines bloßen Zufalls, ohne letzten Sinn und letztes Ziel. Wir sind von Gott gewollt, von ihm geliebt, er gibt einem jeden von uns seine Bedeutung; ja, er wollte seine Welt nicht ohne uns erschaffen. Betrachten wir deshalb diese Welt und unser Leben „mit guten Augen”, mit den Augen der „Güte und Menschenliebe”. Der kanadische Politikwissenschaftler und Philosoph Charles Taylor sieht in der „Bejahungskrise der Moderne" das größte Überlebensproblem überhaupt. Alles müsse ständig infrage gestellt und kritisch beäugt werden.
Taylor sagt: „Wir können uns das Leben nehmen und es damit endgültig verneinen, wir können es uns aber auch geben und gestalten. Wir können ihm ausdrücklich zustimmen und bewusst, ja offensiv am Leben bleiben. Das schließt Neugier und Veränderungsbereitschaft ein. Ein entschiedenes Ja wäre da angesagt.“ Leben wir in diesem Jahr aus der Energie des Geistes Gottes, die uns in der Taufe geschenkt ist. Das können wir immer, auch in Alter und Gebrechlichkeit. Das Evangelium gibt uns immer wieder Orientierung vor, was das konkret in unseren Tagen bedeutet: aus seinem Geist das Leben zu gestalten.
Leben wir die „Güte und Menschenliebe” Gottes selbst, Machen wir sie für andere erfahrbar - in der Familie, im Freundeskreis, im beruflichen Umfeld, in unserem gesellschaftlichen und politischen Tun.

Mit vielen Weihnachtskarten und Weihnachtsgrüßen haben wir einander in den vergangenen Wochen „frohe Weihnachten” gewünscht, immer wieder auch „den Frieden der Weihnacht”. Es mag nicht immer leicht sein, in einer friedlosen Familie, in einer zerbrechenden Ehe und in einem durch Konkurrenz geprägten beruflichen und gesellschaftlichen Umfeld Frieden zu schaffen. Wenn wir es jedoch aufgeben, das ernsthaft zu versuchen - und zwar „nicht (nur) siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal”, dann können wir uns in Zukunft solche Weihnachtswünsche sparen.

All diese Konsequenzen unseres Glaubens an Gottes Epiphanie in der Menschheit lassen sich zusammenfassen in dem treffenden Wort des Limburger Alt-Bischofs Franz Kamphaus: „Mach’s wie Gott! Werde Mensch!” Amen.