Abtei im Herbst
"Die Öffnung von der Vorderwelt ins Dahinter"

Goldene Profess unserer Brüder Pius, Ludger und Nazarius

10. Juli 2010


Lesungen: > Röm 12,9-16; Ev: >Mk 3,31-35

Was Jesus hier sagt, mag auf den ersten Blick hart klingen. Da kommen Leute und melden, dass seine Familie ihn sehen möchte. Und er antwortet: „Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder?“ So als ob er sie nicht kennen würde, oder als ob sie ihm nicht wichtig wären. An einer anderen Stelle heißt es – quasi ergänzend – im Johannesevangelium: „Frau, was habe ich mit dir zu schaffen?“ (Joh 2,4) Das sagt Jesus zu seiner Mutter bei der Hochzeit zu Kana.

Und schließlich ganz allgemein auf die Jünger bezogen: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein.“ (Lk 14,26) Jesus scheint die natürlichen Bindungen der Familie nicht hoch zu schätzen. Außerdem scheint er das vierte Gebot zu relativieren.

Ich will jetzt hier nicht weiter auf exegetische Feinheiten eingehen und beweisen, dass Jesus sehr wohl seine Mutter geliebt hat, und dass er natürlich nicht das vierte Gebot außer Kraft setzen wollte. Mir geht es an diesem Tag der Goldenen Profess unserer drei Brüder Pius, Ludger und Nazarius eher um den Akzent, den Jesus setzt, und um die Radikalität, die er zur Voraussetzung eines Lebens in seiner Nachfolge macht.

Als unsere Brüder vor fünfzig Jahren auf drei Jahre Gehorsam, Stabilität und klösterlichen Lebenswandel gelobt haben, war es ihnen wirklich ernst. Sie sehnten sich nicht nach einem Leben mit Kompromissen, in dem man nicht alles so stur sehen soll. Sie fühlten sich gerufen, alles auf eine Karte zu setzen und ihr Leben ganz in Gottes Hand zu legen. Ich weiß nicht, wie den Dreien damals zumute war; ich kann auch nichts darüber sagen, was sie in ihrem Klosterleben erwartet haben; aber ich bin mir ganz sicher, dass sie es ernst gemeint haben.

Inzwischen ist mehr als ein halbes Leben vergangen. Äbte sind gekommen und gegangen. Die Jahre haben ihre Spuren hinterlassen. Die Haare sind ergraut. Der Körper ist nicht mehr so brav wie damals. Krankheiten und Behinderungen haben sich eingestellt, die unseren Bruder Ludger in den Rollstuhl gebracht und unserem Br. Pius einen Herzschrittmacher beschert haben. Bruder Nazarius ist Gottlob noch einigermaßen gesund; aber auch er hat natürlich manches zu tragen. Alle drei mussten ihre lieb gewordenen Arbeitsplätze aufgeben: Br. Pius die Ökonomie, Br. Ludger die Buchbinderei und Br. Nazarius die Arbeit in den Gewächshäusern. Den Efeu, um den er sich mit so viel Hingabe gekümmert hat, gibt es nicht mehr.

Was ist in diesen Jahren aus der Radikalität geworden, die unsere Drei bei ihrem Klostereintritt vor Augen hatten? Haben sich die Träume von damals erfüllt? Oder mussten sie eine Enttäuschung erleben?

Ich denke, dass jeder, der in ein Kloster eintritt, früher oder später an den Punkt kommt, wo er sagt: „So habe ich mir das aber nicht vorgestellt!“ Manche sagen sogar: „Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nicht ins Kloster eingetreten.“ Oder sogar: „Heute würde ich nicht mehr ins Kloster gehen.“ Und es gibt natürlich auch immer wieder solche, die nach einiger Zeit austreten und einen anderen Weg gehen. Wem nie die Frage nach dem Sinn seines klösterlichen Lebens gekommen ist, oder wer nie eine Enttäuschung oder Ernüchterung erlebt hat, dem fehlt etwas an seiner spirituellen Biographie; der hat sich so in seine Ideen und Ideale verbissen, dass er die Wirklichkeit noch nicht wahrgenommen hat. Das halte ich für einen gefährlich Zustand.

Das gleiche gilt übrigens auch für alle anderen Lebensbindungen. Man kann sich für einen Ehepartner entscheiden und ihm vor dem Altar die Treue in guten und in schlechten Tagen versprechen. Worauf man sich einlässt, kann man in diesem Augenblick nicht wissen. Man kann verliebt sein und große Erwartungen haben. Aber das Leben verläuft nicht immer auf diesen Bahnen. Es kommt zu Enttäuschungen. Man stellt sich Fragen. Es kann ganz eng werden und die einmal eingegangene Bindung zur Last, die man gern abschütteln würde. Unsere drei Jubilare könnten uns etwas davon erzählen. Umso dankbarer dürfen wir dafür sein, dass sie heute nach fünfzig Jahren wieder vor den Altar treten und von neuem ihre Gelübde bekräftigen.

Sie wollen damit nicht ihre Enttäuschungen und das Schwere verdrängen oder vergessen. Wenn man einmal von den persönlichen Widerfahrnissen absieht, hat sich ja auch in der Kirche und im Kloster unheimlich viel verändert. Damals waren die Brüder innerhalb der Gemeinschaft eine gesonderte Gruppe. Sie hatten einen eigenen Oberen, der sich um sie gekümmert hat. Am liturgischen Leben der Chormönche hatten sie nur geringen Anteil. Die Liturgie hat sich nach dem Konzil geändert. Die Gemeinschaft ist kleiner und älter geworden. Arbeitsbereiche, die einem lieb waren, mussten aufgegeben werden. Immer wieder galt es Träume und Gewohntes zurückzulassen und sich auf Neues einzulassen. Das mögen manchmal spannende Herausforderungen gewesen sein, aber bestimmt nicht immer leichte.

Hinzu kommen die Erfahrungen und Enttäuschungen, die man im Laufe der Jahre mit sich selbst macht: Nach den Jahren der Einübung ins klösterliche Leben stellt sich ja der Alltag ein. Es kommt zu Konflikten und anderen mühsamen Situationen. Der Gehorsam mag zur Last werden. Man stellt fest, wie sehr die Dinge an einem kleben. Leben ohne persönliches Eigentum – wie geht das? Was brauche ich wirklich? Woran hängt mein Herz? Wie gehe ich mit meiner Sexualität um? Und mit diesen Erfahrungen stellt sich die ernüchternde Einsicht ein, dass das neue Kleid aus mir noch keinen neuen Menschen gemacht hat; dass ich ganz viel von meinem bisherigen Leben mit ins Kloster genommen habe – und zwar im Guten wie im Schlechten.

Der hl. Benedikt ist in dieser Hinsicht Realist. Er erwartet nicht, dass der Klostereintritt wie auf Knopfdruck neue Menschen aus uns macht. Er weiß, dass jeder sein eigenes Temperament und seine eigene Geschichte mitbringt; dass Mönche nicht nach Norm gestanzt vom Fließband kommen, sondern meist sehr geprägte Individuen sind. Zwar vergleicht er an einer Stelle die klösterliche Gemeinschaft mit einer kampfbereiten Truppe, die sich zur Schlacht aufgestellt hat. Dieses Bild vermittelt mehr die Idee der Gleichförmigkeit; aber das wird an vielen Stellen der Regel durch Aussagen ergänzt, die von den individuellen Prägungen der einzelnen sprechen

Diese vielen Individuen leben zusammen in einer Gemeinschaft und müssen zusammenfinden. Benedikt sieht das Kloster als eine Schule. Wir müssen nicht von Anfang an perfekt sein. Wir dürfen lernen und haben einen Weg vor uns. Das entlastet uns von allzu hohen Erwartungen; aber es dispensiert uns nicht davon, unsere Berufung ernst zu nehmen und den immer wieder auch beschwerlichen Weg des klösterlichen Alltags zu gehen. Und da zählen andere Tugenden, als es sich unsere drei Jubilare und wir anderen beim Eintritt in die Gemeinschaft vorgestellt haben. Da geht es nicht so sehr um den Verzicht auf Essen, Trinken und Schlaf oder um endlose Stunden im Gebet. Die Regel ist da sehr maßvoll und zurückhaltend in ihren Anforderungen. Dem hl. Benedikt geht es eher um die Bereitschaft, sich selbst besser kennen zu lernen und neue Erfahrungen zu machen; es geht ihm um die Offenheit für die Brüder und um die Geduld mit sich selbst und den anderen. Am Ende des Vorwortes zur Regel bezeichnet er die Geduld als unsere Weise am Kreuz Christi teilzuhaben. Wer hat sich das beim Klostereintritt gedacht. Nach fünfzig Jahren lässt sich mehr darüber sagen; aber auch dann spürt man, dass man immer noch auf dem Weg ist, auf der Suche nach dem, der einen gerufen hat, - und dass das auch gut so ist.

Ich möchte schließen mit einem Text der Schriftstellerin Silja Walter, die als Schwester Hedwig im Benediktinerinnenkloster Fahr in der Schweiz lebt und inzwischen über 90 Jahre alt ist. Sie schreibt im Rückblick auf ihr Leben: „Als ich ins Kloster eintrat, dachte ich, hier ist die Öffnung, die ich immer suchte, die Öffnung aus der Vorderwelt ins Dahinter. Sehr bald sah ich, dass das Leben in dieser Öffnung so gewöhnlich ist wie draußen: essen, schlafen, reden, lachen und alles Weitere, Schnupfen und Zahnweh, Staubsaugen und Fensterputzen, die Küchenprobleme, der ganze Haushalt, alles. Hinter Disziplin, Treue und Verzicht im Kloster fand ich dieses unbeschreibbare Dahinter. Da hinein führt der Klostertag-Teppich. Es ist eine sehr direkte Straße ins Ganze, das sich Gott nennt, auf der man steht und geht, innehält und weitergeht, eine Rolltreppe, die läuft und läuft, die einen trägt. Immer derselbe Weg: Gebet, Arbeit, Lesung, Arbeit, Lesung, Gebet und so weiter und so fort. Hinaus, hinein und hinauf und zutiefst hinab in die Freiheit – ins Ankommen, auf das hin man geschaffen ist.“

Abt Franziskus Heereman, Abtei Neuburg