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Festpredigt zur 139ten Generalversammlung des UV

Abt Winfried Schwab OSB, 8. Mai 2016, in der St. Maria Kirche Kassel

Festpredigt anlässlich der 139ten Generalversammlung des Unitas Verbandes

Liebe unitarische Farbengeschwister,
liebe Brüder und Schwestern im Herrn!

Wenn wir heute gemeinsam die hl. Messe feiern, so ist mir dies eine besondere Freude und Ehre. Seit meiner Studienzeit, besonders als Mitglied des CV-Vorortes 1991/92, weiß ich mich dem Unitas-Verband verbunden. Viele schöne Erinnerungen und vor allem Freundschaften zu Unitariern pflege ich bis heute.

Neben meinen studentischen Erinnerungen gibt es noch einen zweiten Grund für diese Verbundenheit. Als 5. Abt von Neuburg bin ich immerhin der 3. korporierte Klostervorsteher, zwei meiner Vorgänger waren unitarische Ehrenmitglieder – die Äbte Adalbert Graf Neipperg und Albert Ohlmeyer. Am heutigen Tag trage ich Abt Adalberts Ring und Brustkreuz.

Abt Adalbert starb als Märtyrer des 20. Jahrhunderts. 1890 geboren, trat er 1911 der Erzabtei Beuron bei. Früh erkannten die Oberen seine besonderen Begabungen, er wurde mit nur 39 Jahren zum 1. Abt von Neuburg ernannt. Bereits 1932 predigte er unmissverständlich und scharf gegen den Nationalsozialismus. 1934 trat er aus verschiedenen Gründen von seinem Amt zurück und ging nach Österreich ins Exil, 1938 nach Slowenien. 1945 entschloss sich Abt Adalbert, freiwillig als Seelsorger und Krankenpfleger in einem jugoslawischen Kriegsgefangenenlager zu helfen, um den deutschen Soldaten in ihrer Not beizustehen. Wenige Tage vor Auflösung des Lagers wurde er am 23. Dezember 1948 unter bis heute ungeklärten Umständen barbarisch gefoltert und ermordet. Wir, die Mönche der Abtei Neuburg, bemühen uns deshalb, einen Seligsprechungsprozess in die Wege zu leiten.

Liebe Farbengeschwister, ihre Generalversammlung steht unter dem Motto „Unitas 3.1 – drei Prinzipien, ein Weg“. Abt Adalbert wäre von diesem Motto begeistert gewesen und hätte vieles dazu zu sagen gehabt! Auf der Homepage steht als Erklärung ihres ersten Prinzips „virtus“ zu lesen: „Ein mannhaftes, tapferes, ein konsequentes Leben aus dem Glauben. Und dazu gehören auch soziales Engagement, Toleranz, humanitäres Denken und Zivilcourage. Unitarier jedenfalls versprechen bei ihrer Aufnahme: Sie sind bereit, Verantwortung zu tragen für die Kirche und mit der Kirche für diese Welt, somit für das Gemeinwesen, für soziale Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung.“ Ihr Bundesbruder Abt Adalbert Neipperg hat das Prinzip „virtus“ ernst genommen – bis zur Hingabe des eigenen Lebens!

Wie sähe Abt Adalbert als Mann der Kirche, als Benediktiner und Unitarier, wohl das Motto „Unitas 3.1“ heute in dieser Zeit der gesellschaftlichen und kirchlichen Umbrüche? Zunächst würde er uns vermutlich zu einer glasklaren Situationsanalyse ermutigen, zum Sprechen über das Leiden der Kirche. Schwindendes Glaubenswissen, leere Gotteshäuser, Überalterung, immer wieder Skandale. Er würde die Probleme benennen – und uns zugleich vor einem gefährlichen Fatalismus warnen. Vor dem Fatalismus, nichts ändern zu können. Denn wir können etwas tun!

Liebe Farbengeschwister, wir kennen mögliche Lösungsvorschläge Abt Adalberts nicht. Trotzdem versuche ich, zumindest einen Gedanken in seinem Geiste zu entfalten. Eine wichtige Ursache der Krise ist wohl eine schon lange währende, innerkirchliche Rückwärtsgewandtheit mancher Theologen. Nach dem Motto: Früher war alles viel besser. Da waren die Kirchen voll, und auf die Priester hörte man noch. Theologie? Am besten von Theologen des 19., vielleicht noch frühen 20. Jahrhunderts. Liturgie? Für vieles ein Allheilmittel. Medienvertreter? Die haben kirchlich von nichts eine Ahnung! Wagenburgmentalität. Oder um ein biblisches Bild zu verwenden: alter Wein in alten Schläuchen.

Wen ich konkret meine? Ich meine die angeblichen Kenner des Geistes des 2. Vatikanischen Konzils. Jene, die uns nach 50 Jahren immer noch erklären, das Konzil müsse endlich umgesetzt werden. Jene, die uns eine Pastoral als zeitgemäß präsentieren, die vor der sexuellen Revolution und Mondlandung, vor den modernen Medien und dem Internet, vor google, facebook und twitter entstand. Jene, die volle Kirchen übernommen und uns leere übergeben haben. Die früher gehört wurden, aber nichts mehr zu sagen haben zu den Fragen der modernen Welt. Ihre Liturgie? Kopflastig und immer mit dem Begriff „Reform“ verbunden, oft nur noch verständlich für Intellektuelle. Theologie? Vertreten von Männern und Frauen, die meist vor dem 2. Weltkrieg geboren sind! Sozialisiert in einem christlichen Milieu, das heute so kaum noch zu finden ist.

Damit ich nicht missverstanden werde: Keinesfalls stelle ich das zweite Vatikanische Konzil in Frage, im Gegenteil! Es war zu seiner Zeit dringend notwendig. Aber die Zeit ist nicht stehengeblieben. Heute stellen sich neue Fragen, neue Herausforderungen, die man 1962 noch nicht einmal ahnte. Unsere Aufgabe ist es, die Kirche weiterzuentwickeln, sie fit zu machen für die Zukunft. Der sogenannte Geist des zweiten Vatikanischen Konzils muss abgelöst werden vom Geist eines dritten Vatikanischen Konzils. Wenn wir uns selbst gegenüber ehrlich und kritisch sind, eigentlich sogar schon vom Geist des vierten Vatikanischen Konzils, denn das dritte haben wir verschlafen...

Liebe Farbengeschwister, wie könnte eine Pastoral des 21. Jahrhunderts aussehen? Eine Pastoral der Zukunft?
Eine Pastoral des 21. Jahrhunderts muss den Mut haben, wieder öffentlich von Gott zu reden - ohne zu moralisieren! Von einem Gott, der existiert, auch wenn wir ihn nicht verstehen und ermessen können. Einen Gott des Mysteriums! Einen Gott, den wir in der Eucharistie anbeten dürfen. Einen Gott, der uns in allen Sakramenten nahe ist und nicht nur in sozial - karitativem Tun.

Eine Pastoral des 21. Jahrhunderts muss den Mut haben, wieder von der Kirche als Gemeinschaft und Institution zu sprechen, die von Gott gewollt ist und das Heil vermittelt. Statt Jesus ja, Kirche nein ein überzeugtes: Jesus in genau dieser Kirche!

Eine Pastoral des 21. Jahrhunderts muss den Mut haben, über den Tellerrand des hier, jetzt und heute hinaus zu schauen. Sie darf nicht rückwärtsgewandt, sondern muss zukunftsorientiert sein! Sie darf sich nicht auf die Probleme der Gegenwart beschränken, sondern muss versuchen, die Schwierigkeiten der Zukunft zu erkennen und Lösungsansätze zu entwickeln.

Eine Pastoral des 21. Jahrhunderts muss wieder missionarisch sein. Sie muss sich bemühen, unsere einzigartigen christlichen Werte in die Welt zu tragen, in die ganze Welt. Christen sind tolerant, aber sie haben Prinzipien und stehen für sie ein - gegen Gleichgültigkeit oder Beliebigkeit.

Eine Pastoral des 21. Jahrhunderts muss den Mut haben, wieder von der Freude zu sprechen, zu der wir Christen berufen sind. Schluss mit dem Pessimismus, dem Schlechtreden, dem ewigen Kritisieren und Nörgeln! Als Kinder Gottes dürfen wir hoffen auf das Fest des ewigen Gastmahls mit Christus!

Liebe Farbengeschwister, ihr Bundesbruder, mein Amtsvorgänger Abt Adalbert Graf Neipperg hat diese Pastoral des 21. Jahrhunderts bereits im 20. Jahrhundert gelebt. Er sprach von seinem Gott und seiner Kirche – auch wenn es im protestantischen, teilweise atheistischen Heidelberg ungelegen kam. Er schaute in die Zukunft und erkannte künftige Probleme, etwa den Nationalsozialismus. Er war missionarisch tätig mit großem Erfolg, wie die Tauf- und Konversionsregister der damaligen Zeit beweisen. Im Sinne einer Pastoral des 21. Jahrhunderts hat er sein Leben eingesetzt – und verloren.

Zum Schluss lasse ich Abt Adalbert noch selbst zu Worte kommen. In einer Ansprache beschreibt er diesen Ring, den ich jetzt trage. Klar und kurz zeigt er sein Verständnis eines kirchlichen Amtes. „Ich trage diesen Ring als Zeichen. Der große Chrysolith und die kleinen Brillanten als Kranz um ihn! Diese sind kleiner als der große Mittelstein, aber wertvoller. Sie lassen ihn aufleuchten. So sollte es in der klösterlichen Gemeinschaft von Abt und Mönchen sein.“ Amen!