Was macht Kunst für die Kirche unverzichtbar?

Im April 2017 besuchte die Oberösterreicherin Hannelore Demel-Lerchster die deutsche Benediktinerabtei Stift Neuburg bei Heidelberg. Dabei präsentierte sie im Rahmen einer ungeplanten, spontanen Kurzausstellung ihre neueste, noch unvollendete und eigentlich nicht für den Kirchenraum gedachte Arbeit: mehrere dutzend braune Papiertaschen in handelsüblichem Format, in jedem Geschäft erhältlich. Auf eine Außenseite hatte die Künstlerin jeweils ein sehr ernst blickendes Gesicht gezeichnet, teils Portraits ihr bekannter Personen, teils Persönlichkeiten der Erinnerung.

Hannelore Demel-Lerchster zeigte die Tragetaschen an drei Stellen: In der Eingangshalle eines Klostergebäudes aus dem 17. Jahrhundert, auf der Zugangstreppe zur Kirche und in der Kirche selbst. Letztere zeichnet sich durch größte Schlichtheit aus: Von Zisterzienserinnen im 14. Jahrhundert errichtet, zwischenzeitlich profaniert, in den 1920er Jahren der gottesdienstlichen Nutzung zurückgegeben, 2010/11 grundlegend restauriert und umgestaltet. Im Kircheninnenraum stellte die Künstlerin die Taschen sowohl auf die Sitz- und Ablageflächen der Bänke als auch in den Gang. Die gezeichneten Gesichter schauten dabei in unterschiedliche Richtungen, zum Altar oder zum Ausgang.

Spannend waren nun die Reaktionen einzelner Besucher auf diese Installation. Ihre Aussagen scheinen zwar nur unreflektierte Momentaufnahmen zu sein, tatsächlich geben sie aber indirekt doch verschiedene Antworten auf die eingangs gestellte Frage: „Was macht die Kunst für die Kirche unverzichtbar?“
„Prima. Jetzt sind die Kirchenbänke endlich wieder einmal voll, das habe ich schon lange nicht mehr erlebt!“ Lachend meinte das eine ältere Frau zu ihrer Begleiterin. Die Kunst füllte also mit einer Ausstellung leere Kirchenbänke – wenngleich in diesem Fall auch nur im übertragenen Sinne. Aber soll sie das eigentlich? Darf sie es? Vordergründig scheint die Position klar, denn Kunst ersetzt weder den Glauben noch eignet sie sich zur Instrumentalisierung. Trotzdem würde ein einfaches „Nein!“ als Antwort wohl zu kurz greifen, gibt es doch Fragen, die in Kunst und Kirche gleichermaßen gestellt werden. Etwa: Woher komme ich, wohin gehe ich, welchen Sinn hat mein Leben? Warum also nicht ein überzeugtes „Ja!“? Naturgemäß sprechen Kunst und Kirche in der Regel zunächst ein anderes Publikum an, wobei Überschneidungen nicht ausgeschlossen sind. Spannend wird es aber, wenn beide Gruppen – Gläubige und Kunstfreunde – in einer Kirche zusammengeführt werden. Müssen sich die einen bei ihrem Kirchbesuch mit der Gegenwartskunst auseinandersetzen, so die anderen zumindest mit dem Kirchenraum. Plötzlich eröffnen sich neue Denkräume, im Idealfall beginnt ein Dialog mit offenem Ergebnis.

These 1 könnte also lauten: Kunst ist für die Kirche unverzichtbar, weil sie ähnliche Fragen nach dem Sinn des Lebens stellt, aber oft andere Antworten findet. Mithin ist im Idealfall ein kritischer Dialog eröffnet.
„Das sind ja ganz gewöhnliche Einkaufstaschen aus dem Kaufhaus!“ Verunsichert und fragend schaute sich ein männlicher Besucher die Ausstellung an. Dann nahm er eine Tasche in die Hand, betrachtete sie von allen Seiten - und verließ damit die Kirche. Für ihn war mit einem Mal das Gewöhnliche, das Schlichte und Einfache in der Kirche präsent. Unerwartet konfrontierte ihn Hannelore Demel-Lerchster mit Profanem an einem heiligen Ort und warf damit die Frage auf: Lassen sich Gott und Alltag zusammendenken? Anders formuliert: Hat Gott einen Platz in meinem Alltag? Durch die Installation öffnete sich der Kirchenraum der Welt, zog sie geradezu in sich hinein. Zugleich ging Kirche aber auch in die Welt hinaus, präsentierte sich im Gewöhnlichen. Indem der Besucher die Tragetasche mit sich nahm, konservierte er das Erlebnis eines für ihn persönlich ungewöhnlichen Kirchbesuchs nicht nur durch den Erinnerungsgegenstand. Vielmehr trug er eine Botschaft - im besten Sinne des Wortes sogar (be)greifbar - mit sich: Die Kirche ist offen für meine Erfahrung des Alltags, sie zieht sich nicht zurück hinter hohe Mauern, sondern ist gegenwärtig! Jeder Blick auf die Tragetasche, jeder Griff danach weckt Erinnerungen, regt zum Nachdenken an – möglicherweise auch zum Gespräch über Kunst und Kirche.

These 2 könnte also lauten: Kunst ist für die Kirche unverzichtbar, weil sie neue, andere, vielleicht alltägliche Erfahrungen in die Kirche hineinträgt und in der Folge, transformiert durch die Wahrnehmung des Besuchers, auch wieder hinausträgt.

„Da lacht ja keiner!“ Für manche Besucher der Ausstellung Hannelore Demel-Lerchsters wirkte der Ernst der gezeichneten Gesichter verstörend. Eines, zwei oder drei mochten ja Zufall sein, aber alle Darstellungen in bedeutungsschwangerer, erhabener oder verkniffener, niedergeschlagener Ausdrucksweise? Niemand, der fröhlich ist oder auch nur lächelt? Möglicherweise erlebten einige Gäste die Installation als eine Art Abbild ihres kirchlichen Alltags: Die Freude ist aus vielen Gesichtern gewichen. Priester wirken gehetzt, weil sie im Anschluss an diesen Gottesdienst noch zwei weitere feiern werden. Gläubige können nicht mehr abschalten, weil sie Sorgen begleiten: die des Alltags einerseits, die um die Zukunft der Gemeinde, ihrer Gemeinde andererseits. Überhaupt steht die Kirche – zwar grundlos, aber von vielen so gefühlt – für Einschränkung und Verzicht – eben für Freudlosigkeit. Genau das Gegenteil möchte die Kirche aber eigentlich vermitteln: Christen sind zu Hoffnung, Freiheit und Freude berufen! Christen können fröhlich sein, denn sie dürfen sich als Kinder Gottes fühlen!

These 3 könnte also lauten: Kunst ist für die Kirche unverzichtbar, weil sie die unbequeme Frage nach der Freude im Leben stellt.

„Da schauen viele nach hinten. Haben die sich von Gott abgewendet?“ Eine vordergründig eigenartige Frage, tatsächlich aber sehr hintersinnige. Die Tragetaschen standen zwar im Inneren der Kirche, trotzdem vermittelten sie den Eindruck von Distanz und Fremdheit. Anders formuliert: Kann es sein, dass Menschen ein Gotteshaus besuchen, sich von der Kirche aber nicht mehr angesprochen fühlen? Warum kommen sie dann? Aus Gewohnheit oder Sehnsucht? Um liebgewordene Erinnerungen zu pflegen? Aus einer unbestimmten und unbestimmbaren Ahnung heraus? Vermittelt der Raum vielleicht etwas, was eine Predigt oder die Gemeinde nicht mehr vermag? Entfremdung im Bekannten? Mithin ein herausfordernder Auftrag zur Rückgewinnung von Abgewanderten?

These 4 könnte also lauten: Kunst ist für die Kirche unverzichtbar, weil sie Glaubensüberzeugungen und Glaubensvermittlung hinterfragt – vor allem an den Rändern.

„Was haben denn die Tragetaschen mit der Kirche zu tun?“ Eine weitere Frage, die sich viele Besucher ausgesprochen oder unausgesprochen stellten. Die Antwort lautet schlicht und einfach: nichts. Weder entwickelte Hannelore Demel-Lerchster ihre Arbeit für eine Ausstellung im Kirchenraum, noch zeigt sie religiöse Themen. Der Zufall wollte es, dass die Künstlerin zur rechten Zeit am rechten Ort war, um spontan die Installation zu gestalten und zu präsentieren. Absichtslosigkeit könnte das Schlagwort sein, das die Situation treffend beschreibt. Ohne Absicht entstanden – aber nicht ohne Sinn! Die Arbeit hinterfragt aus sich selbst heraus die Kirche nach ihrem Verhältnis zur Welt und stößt damit einen Prozess des ergebnisoffenen Nachdenkens an.

These 5 könnte also lauten: Kunst ist für die Kirche unverzichtbar, weil sie deren Selbstverständnis beleuchtet und zum Nachdenken darüber anregt.

Am Beispiel einer Ausstellung der oberösterreichischen Künstlerin Hannelore Demel-Lerchster in der Benediktinerabtei Stift Neuburg bei Heidelberg konnten fünf Thesen benannt werden zur Frage, was die Kunst für die Kirche unverzichtbar macht. Am Ende des Beitrags soll geneigten Leserinnen und Lesern aber auch die Gegenfrage gestellt werden: Was macht eigentlich die Kirche für die Kunst unverzichtbar? Ein Gedankenspiel: Ersetzen wir kirchliche Begriffe durch solche aus der Museums- und Ausstellungswelt, so zeigen sich ganz ähnliche Phänomene, über die es sich nachzudenken lohnt. Beispiele gewünscht? „„Prima. Jetzt ist das Museum endlich wieder einmal voll, das habe ich schon lange nicht mehr erlebt!“ Oder: „Da lacht ja keiner!“ Oder: „Da schauen viele weg oder gehen achtlos vorbei. Haben die sich von der Kunst abgewendet?“

Möge dieser Text eine Anregung sein, den wichtigen Dialog zwischen Kunst und Kirche am Beispiel eines konkreten Ausstellungsprojektes zu fördern!

Winfried Schwab OSB